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23.01.2016

15:03 Uhr

Kurdische Stadt im Ausnahmezustand

Hungrig, durstig, verzweifelt

Fünf Wochen lang verhängt die türkische Regierung eine Ausgangssperre über Silopi. In den Wohngebieten führt die Armee eine Offensive gegen die PKK. Für Zivilisten heißt das: Kein Einkaufen, kein Strom, kein Wasser.

Die Bewohner der Gemeinde Silopi machen den Staat für die Eskalation der Gewalt verantwortlich. AFP

Zerstörte Häuser

Die Bewohner der Gemeinde Silopi machen den Staat für die Eskalation der Gewalt verantwortlich.

Silopi Die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung in Silopi stehen fassungslos vor ihren verwüsteten Büros. Türkische Spezialkräfte hatten sich hier während der Offensive gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK einquartiert. Sie haben die Türen aufgebrochen und Fenster eingeschlagen. Alle Computer sind weg, viele Akten ebenfalls, auf dem Boden liegen Geschosshülsen. Die ungebetenen Besucher haben Notizzettel hinterlassen. Auf einem steht: „Euch Bastarden wurde das Gehirn gewaschen.“ Die anderen Botschaften sind so obszön, dass sie besser nicht wiedergegeben werden.

Silopi wird von der DBP regiert, dem kommunalen Ableger der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Die islamisch-konservative Regierung der Türkei unterstellt beiden Parteien, der PKK hörig zu sein. Am 14. Dezember vergangenen Jahres verhängt die Regierung eine Ausgangssperre über Silopi, gleichzeitig beginnt die Armee eine Offensive gegen die PKK in Silopi und in anderen Städten im Südosten. Bewohner berichten von Scharfschützen und Kampfpanzern.

Tödliche Anschläge in der Türkei (Chronik)

13. Mai 2016

Bei einer Sprengstoffdetonation in Diyarbakir kommen vier Menschen ums Leben. 15 werden verletzt. Die Tat wird der PKK zugeschrieben.

9. April 2016

Bei einem Bombenanschlag in Istanbul gibt es drei Verletzte. Wer hinter dem Anschlag steckt, ist unklar.

31. März 2016

Mindestens 7 Tote, rund 23 Verletzte – das sind die Opfer eines Anschlags in Diyarbakir, hinter dem die PKK vermutet wird. Bei den Opfern handelt es sich um Polizeibeamte.

19. März 2016

Bei einem Bombenanschlag in Istanbul sterben mindestens fünf Menschen, etwa 36 werden verletzt. Bei den Opfern handelt es sich um Passanten in einer Einkaufsstraße. Hinter dem Anschlag steckt vermutlich der IS.

13. März 2016

Bei einem weiteren verheerenden Autobomben-Anschlag in der türkischen Hauptstadt Ankara sind am 13. März 37 Menschen ums Leben gekommen. Kurz darauf flog die türkische Luftwaffe Angriffe auf PKK-Stellungen im Nordirak – die Regierung zufolge gehörte die Selbstmordattentäterin zu der verbotenen Partei.

Februar 2016

Am 17. Februar hat in Ankara ein Selbstmordattentäter 28 Menschen in den Tod gerissen. Inzwischen hat sich die militante Organisation Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) – eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK – zu der Tat bekannt.

Januar 2016

Bei einem Anschlag im historischen Zentrum Istanbuls werden elf Deutsche getötet. Der Angreifer sprengt sich mitten in einer deutschen Reisegruppe in der Umgebung der Hagia Sophia und der Blauen Moschee in die Luft. Der Attentäter gehörte nach Angaben der türkische Regierung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an.

September 2015

Bei einem Bombenanschlag in Igdir in der Osttürkei werden zwölf Polizeibeamte getötet. Zuvor starben bei einem Angriff der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und Gefechten im südosttürkischen Daglica in der Provinz Hakkari 16 Soldaten.

August 2015

Bei einem Bombenanschlag und einem anschließenden Angriff auf eine Polizeiwache in der Millionenmetropole Istanbul werden mindestens vier Menschen getötet. Zwei Frauen greifen zudem das US-Konsulat an, eine wird festgenommen. Sie soll Mitglied der linksextremen Terrororganisation DHKP-C sein.

Juli 2015

Im südtürkischen Grenzort Suruc reißt ein Selbstmordattentäter 33 pro-kurdische Aktivisten mit in den Tod. Die Behörden machen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich, die sich allerdings nie zu der Tat bekennt.

Juni 2015

Zwei Tage vor der türkischen Parlamentswahl verüben Unbekannte in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir einen Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Mindestens vier Menschen sterben. Die türkische Regierung macht den IS verantwortlich.

Mai 2013

Bei der Explosion zweier Autobomben in der Grenzstadt Reyhanli werden mehr als 50 Menschen getötet. Die Regierung beschuldigt türkische Linksextremisten mit Kontakten zum Regime im benachbarten Syrien.

September 2011

Drei Menschen sterben in der türkischen Hauptstadt Ankara, als im Regierungsviertel eine Bombe explodiert. Eine Splittergruppe der PKK bekennt sich zur Tat.

Die Regierung erklärt die Operationen in Silopi am Dienstag für weitgehend beendet, die Armee meldet bis dahin mehr als 130 getötete „Terroristen“ in der Stadt. Die Gemeindeverwaltung spricht von mindestens 27 Zivilisten, die getötet worden seien. Die gelockerte Ausgangssperre gilt jetzt nur noch nachts. Die knapp 90.000 Bewohner können erstmals seit mehr als einem Monat wieder auf die Straße gehen, ohne befürchten zu müssen, dabei erschossen zu werden.

Der Weg nach Silopi bleibt beschwerlich, er führt an der Stadt Cizre vorbei, wo Gefechte und Ausgangssperre andauern. Ein Checkpoint nach dem nächsten ist an der Zufahrtsstraße aufgebaut. Vermummte Soldaten mit Schnellfeuergewehren fragen barsch nach Ausweisen und dem Grund der Reise, flankiert werden sie von Panzern. Autos und Insassen werden gefilzt. Auch in Silopi patrouillieren gepanzerte Fahrzeuge von Armee und Polizei. Die Stimmung unter den kurdischen Bewohnern ist angespannt, sie schwankt zwischen Wut und Depression.

Vor der Gemeindeverwaltung fährt der städtische Leichenwagen vor, ein Toter ist in einer Straße geborgen worden, niemand weiß, wer der Mann ist. Ein paar Straßenzüge weiter ist das DBP-Büro niedergebrannt worden. An die Wand des Gebäudes haben Spezialkräfte das Kürzel ihrer Einheit gesprüht, daneben steht: „Wo ist der Aufstand?“ Auch an anderen Häuserwänden finden sich Schmähbotschaften, wie man sie eher von Besatzern als von Befreiern erwarten würde. Eine davon lässt sich sinngemäß so übersetzen: „Wo sind die Hunde der Schwuchtel Apo?“ PKK-Chef Abdullah Öcalan wird von Sympathisanten Apo genannt.

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