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16.06.2016

19:32 Uhr

Labour-Abgeordnete Jo Cox getötet

Besinnung dringend notwendig

VonKatharina Slodczyk

Sieben Tage vor dem Brexit-Referendum ist die europafreundliche britische Abgeordnete Jo Cox angegriffen und tödlich verletzt worden. Die Brexit-Debatte wurde zu emotional geführt, jetzt ist es an der Zeit, innezuhalten.

Der Angreifer soll „Britain first“ (Britannien zuerst) gerufen haben. AFP; Files; Francois Guillot

Politisch motiviertes Attentat?

Der Angreifer soll „Britain first“ (Britannien zuerst) gerufen haben.

In genau sieben Tagen werden die Briten eine historische Entscheidung über ihre künftigen Beziehungen zu EU treffen – mit großen Konsequenzen für ihr Land und für die gesamte Staatengemeinschaft. Die Debatte darüber teilt Großbritannien, hat die Gemüter in den vergangenen Wochen immer mehr erhitzt – und jetzt möglicherweise ein erstes Todesopfer gefordert.

Mit den Worten „Britain first“ (Britannien zuerst) soll sich ein Mann am Donnerstag auf die europafreundliche britische Labour-Abgeordnete Jo Cox gestürzt, auf sie geschossen und eingestochen haben. Die Frau ist später an ihren schweren Verletzungen gestorben. Es scheint damit ein politisch motiviertes Attentat gewesen zu sein.

Wenn sich dieser politische Hintergrund erhärtet, dann macht das vor allem eines deutlich: Es ist an der Zeit, innezuhalten in der zuletzt teilweise sehr unsachlich geführten Debatte über die Vor- und Nachteile der EU-Zugehörigkeit und Schluss zu machen mit den Lügen und Halbwahrheiten, die beide Lager in den vergangenen Monaten verbreitet haben.

Katharina Slodczyk

Katharina Slodczyk arbeitet seit 2009 im Londoner Büro des Handelsblatts.

Misstrauen hat zuletzt alle Aufklärungsversuche geschlagen, Emotionen die Rationalität. Weil in Umfragen die Befürworter eines Austritts, des sogenannten Brexits, in den vergangenen Tagen an Boden gewonnen haben, hat das andere Lager seine Warnungen schriller werden lassen – Warnungen vor einer Rezession, vor einem großen Haushaltsloch, vor Steuererhöhungen. Viele Steigerungsmöglichkeiten gibt es aber nicht mehr, da diese Seite bereits zuvor sogar vor einem dritten Weltkrieg warnte.

EU-Kritiker, die für einen Brexit kämpfen, haben teilweise leichtes Spiel, so etwas als Panikmache abzutun. Doch ihre Zusicherungen, gar so schlimm werde es schon nicht kommen und das Land werde schon noch seinen Zugang zum europäischen Binnenmarkt behalten, sind auch nur hohle Versprechen, die jeder Grundlage entbehren.

Es wird Zeit, sich einzugestehen, dass man gewisse Dinge schlicht nicht vorhersagen kann. Die Politiker wissen einfach nicht, was nach einem Brexit passiert. Es wird Zeit, sich zu besinnen und in Ruhe zu analysieren, was auf dem Spiel steht und dies den Wählern zu vermitteln. Noch haben sie dafür sieben Tage.

Fragen und Antworten zum Cox-Attentat

Wer ist der Mann, der die Politikerin umbrachte?

Die Polizei hat am Tatort einen 52 Jahre alten Mann festgenommen. Es werde nicht nach weiteren Verdächtigen gesucht, hieß es - die Polizei ist sich sicher, den richtigen zu haben. Nachbarn in der Reihenhaussiedlung beschrieben den Mann als unauffälligen Einzelgänger. Er soll seit Jugendtagen im selben Haus wohnen. Er soll keinen Job haben, hin und wieder aber Gartenarbeiten für Nachbarn erledigt haben. „Ein Mann von wenig Worten“, sagte ein Nachbar der BBC. Die Polizei untersucht mögliche Verbindungen zur rechtsradikalen Szene wie auch mögliche psychische Probleme.

Was war sein Motiv?

Das ist noch unklar. Britische Medien berichteten, der Mann soll bei seiner Festnahme die Worte „Britain First“ gerufen haben. Dies ist aber von der Polizei nicht bestätigt. Sollte es sich bewahrheiten, könnte es in Richtung einer politischen Motivation deuten. „Britain First“ ist der Name eine rechtsradikalen Partei in Großbritannien. Es könnte aber auch in Bezug auf Cox' Engagement für Flüchtlinge oder sogar in Richtung Brexit-Debatte gemeint gewesen sein. Dies sind bisher alles Spekulationen, die Untersuchungen der Polizei sind erst am Anfang.

Wofür stand Jo Cox?

Die 41-Jährige galt als besonders engagierte und selbstlose Abgeordnete. Sie hat früher für Hilfsorganisationen gearbeitet. Cox setzte sich für die Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien ein. Sie machte Front gegen den Einsatz von Kindersoldaten und für die Landbevölkerung in Afghanistan. Jo Cox war aber auch eine entschiedene Kritikerin der herkunftsorientierten britischen Klassengesellschaft. BBC-Politikchefin Laura Kuenssberg sagte über Cox: „Wenn man sie traf, hat das einem den Tag besser gemacht.“

Was bedeutet das Verbrechen für den Wahlkampf?

Sowohl das „Remain“-Lager, das den Verbleib Großbritanniens in der EU favorisiert, als auch die Brexit-Befürworter haben ihren Wahlkampf vorerst ausgesetzt. Premierminister David Cameron sagte eine Kundgebung in Gibraltar ab. Für wie lange dies gilt, ist unklar. Zunächst wurden keine Stimmen laut, die eine Absetzung oder Verschiebung des Referendums forderten.

Hat der Mord Einfluss auf den Ausgang des Referendums?

Auch das ist noch völlig unklar. Tatsache ist, dass die Debatte zuletzt extrem aufgeheizt war und höchst emotional geführt wurde. Im Angesicht des schrecklichen Verbrechens dürften zumindest Einige wieder mehr Vernunftargumente in den Vordergrund stellen und einsehen, dass Fanatismus im gesellschaftlichen Diskurs fehl am Platze ist.

Haben die Briten ein Problem beim Schutz von Politikern?

Der letzte Mord an einem Unterhaus-Abgeordneten liegt 26 Jahre zurück. Damals wurde der konservative Ian Gow von nordirischen Terroristen getötet. Aber: Das Innenministerium hatte erst im Januar einen Studie veröffentlicht, wonach Parlamentarier häufig Opfer von Angriffen werden. Vier von fünf hätten bereits Erfahrungen mit gewalttätigen oder zumindest belästigenden Angriffen oder Bedrohungen gemacht, jeder fünfte sei bereits tätlich angegriffen worden. 36 Abgeordnete hätten sogar angeben, Angst zu haben, wenn sie sich öffentlich zeigen.

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