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14.08.2016

19:45 Uhr

Labour-Partei

Chef Corbyn will nicht gehen

Sozialdemokraten und gemäßigte Linksparteien haben es derzeit schwer – die SPD kann ein Lied davon singen. Doch was die britische Labour-Partei momentan erleidet, ist ein Drama ganz besonderer Art.

Das Partei-Establishment traut dem Mann mit den weißen Haaren und dem weißen Bart schlichtweg nicht zu, Wahlen zu gewinnen. Reuters

Jeremy Corbyn

Das Partei-Establishment traut dem Mann mit den weißen Haaren und dem weißen Bart schlichtweg nicht zu, Wahlen zu gewinnen.

LondonMan stelle sich das einmal vor: Da spricht die eigene Fraktion dem Chef einer großen Partei ganz offiziell ihr Misstrauen aus - mit breitester Mehrheit. Dann setzten sich engste Vertraute reihenweise von ihm ab und verlangen öffentlich seinen Rücktritt. Es gibt kaum Zweifel: In so einer Situation kann ein Parteivorsitzender eigentlich nur das Handtuch werfen - aus, basta, das wars dann.

Nicht so Jeremy Corbyn. Was der 67 Jahre alte Chef der britischen Labour-Partei derzeit an Standfestigkeit beweist, dürfte einzigartig sein. Seit dem Brexit-Referendum Ende Juni prasselt massive Kritik auf ihn ein, 172 Abgeordnete stellen sich gegen ihn, lediglich 40 wollen, dass er bleibt. Schattenminister springen im Dutzend ab. Doch der Mann an der Spitze will nicht weichen. Wird Corbyn zur tragischen Figur der britischen Arbeiterbewegung?

Dabei war die anfängliche Kritik, Corbyn habe sich im Brexit-Wahlkampf nicht energisch genug für den Verbleib in der EU eingesetzt, eher ein Vorwand. Kern des Missbehagens ist ein anderer: Das Partei-Establishment traut dem Mann mit den weißen Haaren und dem weißen Bart schlichtweg nicht zu, Wahlen zu gewinnen. Zu links sei der alte Mann, zu ideologisch.

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Untergründig geht die Angst um, die neue Premierministerin Theresa May könnte früher oder später die Gunst der Stunde nutzen und vorzeitige Wahlen ansetzten - Umfragen sehen Mays konservative Tories weit vor Labour. Zwar lässt May verbreiten, sie wolle von Wahlen in der nächsten Zeit nichts wissen. Doch kann man da sicher sein?

Die Lage ist fatal, die Oppositionspartei zerfleischt sich. „Labours Zukunft als Regierungspartei für die nahe Zukunft ist ernsthaft gefährdet“, warnt der „Guardian“, eine der wenigen britischen Zeitungen, die es gut mit Labour meinen.

Jetzt sucht die Partei den Ausweg in einer erneuten Urwahl. Die Basis soll entscheiden. Nach langem Zaudern und Zögern hat sich mit dem Abgeordneten Owen Smith (46) sogar ein Gegenkandidat gefunden. Doch wie die Dinge derzeit liegen, dürfte auch die Abstimmung keine Erlösung bringen.

Das Problem: Die Parteibasis steht offenbar nach wie vor hinter dem Altlinken Corbyn. Vor allem die meisten Gewerkschaften unterstützen ihn. Erst vor einem Jahr hatte die Partei ihn bei einer Urabstimmung mit breiter Mehrheit an die Spitze gewählt - die zu großen Teilen links-orientierte Basis bejubelt den Altlinken noch heute.

Corbyn - das ist ein waschechter Labour-Politiker, ein Mann der Prinzipien. Kriegsgegner, Atomwaffengegner, Befürworter von Verstaatlichungen, Kämpfer für die Armen. Kurz: Darling der Parteilinken. Corbyn versteht sich als Gegenentwurf zu den politisch glattgebügelten Abgeordneten, zur angepassten „New Labour“. Nur: Ist das mehrheitsfähig?

Der Streit geht bis auf Messer, fast täglich liefert Labour Negativ-Schlagzeilen. Sogar die Justiz ist involviert. Kürzlich entschied ein Berufungsgericht, dass 130 000 Neumitglieder, die erst dieses Jahr in die Partei eingetreten sind, nicht am internen Votum teilnehmen dürfen. Die Neuen gelten mehrheitlich als Corbyn-freundlich - dessen Gegner sprechen von einer Unterwanderung durch linksradikale Trotzkisten, die „die Labour-Partei als ein Vehikel für den revolutionären Sozialismus betrachten“.

Wie das Hauen und Stechen letztlich ausgeht, ob und wie die Partei wieder in ruhiges Fahrwasser gelangt, steht in den Sternen. Selbst Corbyn-Gegner räumen ein, dass die Chancen nicht eben groß sind, den Alten mit den weißen Haaren aus dem Amt zu jagen. Kommt es zur Spaltung?

Fest steht: Demnächst sollen die Wahlunterlagen an die Mitglieder rausgehen, am 24. September wird das Ergebnis bekanntgegeben. Einen Tag später beginnt der Labour-Parteitag in Liverpool. Ist der neue Vorsitzende der alte?

Von

dpa

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