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12.12.2016

19:09 Uhr

Lagarde vor Gericht

An der IWF-Chefin perlt alles ab – bislang

VonThomas Hanke

Christine Lagarde steht vor Gericht. Ihr wird vorgeworfen, als Finanz- und Wirtschaftsministerin dem Staat einen Schaden von 400 Millionen Euro zugefügt zu haben. Doch der IWF stärkt ihr den Rücken. Wie lange noch?

Prozessauftakt

Millionen-Affäre: IWF-Chefin Lagarde vor Gericht

Prozessauftakt: Millionen-Affäre:  IWF-Chefin Lagarde vor Gericht

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Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) steht vor Gericht, doch ihr Posten wackelt nicht: Christine Lagarde, die den IWF seit fast fünf Jahren leitet, hat Erstaunliches geschafft. Seit Jahren fliegt sie mehrmals im Jahr für Tage oder Wochen nach Frankreich, um vor Untersuchungsrichtern in der Affäre Tapie auszusagen. Der Unternehmer war 2008 fürstlich entschädigt worden, weil die – später verstaatlichte – Bank Crédit Lyonnais ihn 1994 beim Verkauf von Adidas angeblich übervorteilt hat.

Mal war Lagarde Zeugin, mal Beschuldigte. Nun ist sie angeklagt. Doch niemand fordert ihren Rücktritt. Der IWF hat vor einem Jahr, als die Affäre Tapie bereits auf Hochtouren lief, ihren Vertrag verlängert. Wieder und wieder haben die Leitungsgremien des Fonds versichert, dass sie volles Vertrauen in Lagarde haben.

Was aber passiert, wenn sie jetzt verurteilt wird, weil sie angeblich als Finanz- und Wirtschaftsministerin ihre Pflichten vernachlässigt und dem Staat dadurch einen finanziellen Schaden von 400 Millionen Euro zugefügt hat? „Die Frage stellt sich nicht, weil Madame Lagarde freigesprochen wird“, stellte ihr Anwalt Patrick Maisonneuve am Montag kurz und bündig fest. 

Christine Lagarde vor Gericht: Immer zuständig, nie verantwortlich

Christine Lagarde vor Gericht

Premium Immer zuständig, nie verantwortlich

Die IWF-Chefin hat sich selbst beurlaubt: Sie steht derzeit in Paris wegen rund 400 Millionen Euro vor Gericht, die Ex-Adidas-Chef Tapie erhielt – und kommt dabei in den Genuss einer interessanten Interpretation.

Sie selber verlas vor dem „Gerichtshof der Republik“ eine ausführliche Erklärung, um sich zu entlasten. Die entsprach ihrer generellen Linie, die sie seit Monaten verfolgt: Danach hat sie zwar das Schiedsverfahrens erlaubt, das Tapie den Millionensegen bescherte, aber um die Details habe sich ihr Kabinett gekümmert. Und die Grundsatzentscheidung sei bereits früher ohne sie getroffen worden.

Lagarde wäre danach in einer seltsamen Lage: Sie stimmte dem Verfahren zu und brachte es dadurch erst in Gang. Sie verzichtete auf einen Einspruch gegen die fürstliche Entschädigung für Tapie. Doch verantwortlich ist nicht sie, die Verantwortung tragen andere, findet sie: „Wurde ich von anderen manipuliert? Wir werden es vielleicht eines Tages erfahren“, mit diesen mysteriösen Worten brachte sie sich fast in eine Opferrolle. Sie jedenfalls habe ihre Arbeit gewissenhaft getan, „soweit die mir vorliegenden Informationen“ es zugelassen hätten.  Doch dem Antrag ihres Verteidigers, den Prozess zu vertagen, folgte das Gericht am Montag nicht.

Lagarde ist in Frankreich beliebt. Wenn sie in Paris ist, pflegt sie noch heute ihre Kontakte zu den Medien. Auch die Amerikaner mögen sie: Anders als Vorgänger Dominique Strauss-Kahn, der über eine Sexaffäre stürzte, fällt sie nicht durch schrille Eskapaden auf – allerdings auch nicht durch eigene Ideen. Die stets extrem schick gekleidete und gut gebräunte 60-Jährige folgt treu dem Zeitgeist, der durch Washington weht. Das macht sie für die US-Regierung zu einer idealen IWF-Chefin. Strauss-Kahn und vor ihm Horst Köhler hatten versucht, eigene Akzente zu setzen. Das ist bei Lagarde nicht zu befürchten. Dabei strahlt die Ex-Ministerin stets ein hohes Maß an Seriosität aus.

IWF-Chefin Lagarde vor Gericht: „Ich habe nicht die Absicht, zu schweigen“

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Christine Lagarde muss sich vor Gericht verantworten. Der IWF-Chefin wird vorgeworfen, durch fahrlässiges Handeln eine Veruntreuung öffentlicher Gelder ermöglicht zu haben. Ihr Anwalt will den Prozess aussetzen.

Und nun doch dieser Makel des Gerichtsverfahrens. War Lagarde wirklich so ahnungslos, wie sie es heute darstellt? Sie schiebt die Schuld auf ihre Untergebenen, die hätten alle Details gewusst, es sei ja schließlich deren Aufgabe, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. „Manches habe ich erst viel später zur Kenntnis nehmen können“, sagte sie.

Doch einer Entschädigung von 400 Millionen Euro zuzustimmen, statt dem Negativvotum der eigenen Beteiligungsagentur zu folgen: Das war weder ein Detail noch die Entscheidung ihrer Mitarbeiter, sondern ihre eigene. Auf sieben Tage ist der Prozess angesetzt. Es dürfte eine schwierige Woche für sie werden, auch wenn sich schon jetzt abzeichnet, dass der IWF zu ihr hält.

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