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15.10.2014

14:52 Uhr

Lahmende Konjunktur

Frankreich droht Herabstufung der Bonität

Der starre Arbeitsmarkt und die hohen Produktionskosten der Industrie machen Frankreich zu schaffen. Wirtschaftlich hat das Land den Anschluss an Deutschland verloren. Nun schaltet sich die Rating-Agentur Fitch ein.

Laut Regierungschef Manuel Valls hat sich die französische Regierung bereits zu drastischen Einsparungen im Etat 2015 entschieden. AFP

Laut Regierungschef Manuel Valls hat sich die französische Regierung bereits zu drastischen Einsparungen im Etat 2015 entschieden.

BerlinFrankreich droht angesichts der lahmenden Konjunktur eine Herabstufung seiner Bonität. Die Rating-Agentur Fitch erwägt, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone eine niedrigere Bonitätsnote zu vergeben. Die Experten beließen zwar ihre Bewertung der Kreditwürdigkeit bei der Note „AA+“. Sie wollen allerdings eine Herabstufung prüfen. Damit wird es wahrscheinlicher, dass die Note bald gesenkt wird.

Die Konjunkturflaute werde dem Land die Haushaltskonsolidierung erheblich erschweren, erklärte Fitch. Zugleich bezweifelt die Rating-Agentur, dass die eingeleiteten Strukturreformen ausreichen, um den negativen Trend bei Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit auf lange Sicht zu brechen. Außenminister Laurent Fabius verteidigte die Reformpolitik am Mittwoch bei einem Treffen mit seinem deutschen Kollegen Frank-Walter Steinmeier in Berlin. Das Hauptaugenmerk müsse dem strukturellen Defizit gelten, in dem der Einfluss von Konjunkturschwankungen herausgerechnet wird, betonte der Sozialist. „Das strukturelle Defizit 2015 wird auf dem niedrigsten Niveau seit 2001, also seit 14 Jahren sein.“

Fitch veranschlagt für Frankreich lediglich ein mageres Wachstum von 0,4 Prozent in diesem und 0,8 Prozent im nächsten Jahr. Wie die Agentur am Dienstagabend mitteilte, will sie am 12. Dezember wieder über die Bonität des Landes informieren.

Für die EU-Staaten ist der heutige Mittwoch Stichtag für das Einreichen ihrer Haushaltspläne bei der EU-Kommission. Frankreich hat offen eingeräumt, dass es die Defizitregel des EU-Stabilitätspakts erst 2017 erfüllen kann. Das Land soll die Obergrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) jedoch bereits 2015 einhalten.

Die deutsche und französische Wirtschaft im Vergleich

Wachstum

Frankreich: Die Industriestaaten-Organisation OECD hat die Wachstumsprognose erst vorige Woche mehr als halbiert. 2014 wird das Bruttoinlandsprodukt demnach nur um 0,4 Prozent zulegen, nachdem im Frühjahr noch 0,9 Prozent vorausgesagt worden waren. Für kommendes Jahr wurde die Prognose von 1,5 auf 1,0 Prozent zurückgenommen.

Deutschland: Auch bei Europas Nummer eins hat die OECD den Daumen gesenkt. Für das laufende Jahr wurde die Prognose von 1,9 auf 1,5 Prozent zurückgenommen, für 2015 von 2,1 auf ebenfalls 1,5 Prozent.

Arbeitslosigkeit

Frankreich: Wegen der Konjunkturflaute leidet der Nachbar unter einer Rekordarbeitslosigkeit. Die EU-Kommission sagt für dieses Jahr einen Anstieg auf 10,4 Prozent voraus, 2015 soll es leicht nach unten gehen auf 10,2 Prozent. Das entspricht etwa dem Durchschnitt aller 28 EU-Staaten.

Deutschland: Hier ist die Arbeitslosenquote nur halb so hoch. Nach der Prognose der EU-Kommission wird sie in diesem Jahr auf 5,1 Prozent fallen und 2015 auf diesem Niveau verharren. Mit Österreich weist die Bundesrepublik damit die niedrigste Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone auf.

Staatsschulden

Frankreich: Erst 2017 will die Regierung die jährliche Neuverschuldung unter die in den EU-Verträgen erlaubte Höchstgrenze von drei Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftskraft drücken. Eigentlich sollte das schon 2015 der Fall sein, doch sieht sich die Regierung in Paris wegen der schwachen Konjunktur dazu nicht in der Lage. Der Schuldenberg wird nach Prognose der EU-Kommission bis 2015 auf 96,6 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt wachsen. Die EU erlaubt eigentlich nur 60 Prozent.

Deutschland: Der Staat könnte 2014 bereits das dritte Jahr in Folge einen leichten Überschuss aufweisen. Zum Halbjahr wurden 16 Milliarden Euro mehr eingenommen als ausgegeben. Alle übrigen Euro-Staaten dürften hingegen rote Zahlen schreiben. Allerdings ist der Schuldenstand mit rund 76 Prozent immer noch höher als erlaubt.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: Ein Grund für die Misere ist die gesunkene Wettbewerbsfähigkeit. Eine Arbeitsstunde kostet private Arbeitgeber durchschnittlich 35,00 Euro. In der besonders stark dem internationalen Wettbewerb ausgesetzten Industrie sind es sogar 36,70 Euro - in der EU sind die Kosten nur in Schweden, Belgien und Dänemark höher. Das ist auch einer der Gründe dafür, warum Frankreich im weltweiten Standortranking des World Economic Forum (WEF) nur Platz 23 belegt.

Deutschland: Die Arbeitskosten liegen niedriger als in Frankreich. In der Privatwirtschaft sind es 31,70 Euro, in der Industrie 36,20 Euro. Im Standortvergleich des WEF belegt Deutschland den fünften Rang, wobei besonders die gut ausgebildeten Fachkräfte und innovative Unternehmen gelobt werden.

Industrie

Frankreich: Zwar kann das Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder dem Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise in der Euro-Zone durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Sie trägt nur noch 10,25 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei, der EU-Schnitt liegt bei 15,3 Prozent.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. "Nur Deutschland hat es geschafft, zwischen 2007 und 2012 Jobs in der Industrie aufzubauen", stellte die EU-Kommission in ihrem europaweiten Vergleich fest. Der Industrie-Anteil an der Wirtschaftsleistung liegt mit 22 Prozent klar über dem EU-Schnitt.

Regierungschef Manuel Valls argumentiert, dass sich seine Regierung bereits zu drastischen Einsparungen von 21 Milliarden Euro im Etat 2015 entschieden habe. Zum Erreichen des Drei-Prozent-Ziels müssten aber 50 Milliarden gestrichen werden. Der größte Handelspartner Deutschlands hat in den vergangenen Jahren wirtschaftlich den Anschluss an seinen östlichen Nachbarn verloren. Als Gründe werden unter anderem der starre Arbeitsmarkt und hohe Produktionskosten in der Industrie genannt.

Von

rtr

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