Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.05.2015

16:10 Uhr

Larry Summers zu Grexit und Brexit

„Wir würden alle verlieren“

VonTorsten Riecke

Grexit, Brexit, Spardiktat: Der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers erklärt im Interview, wieso weder Griechenland noch Großbritannien Europa den Rücken kehren sollten. Schäubles Sparpolitik greift er scharf an.

Der Ex-US-Finanzminister fordert die Fed auf, die Zinsen so lange nicht erhöhen, „bis sie das Weiße im Auge der Inflation erkennen kann“. Reuters

Larry Summers

Der Ex-US-Finanzminister fordert die Fed auf, die Zinsen so lange nicht erhöhen, „bis sie das Weiße im Auge der Inflation erkennen kann“.

BerlinAuch Weltökonomen brauchen mal eine Atempause. Und so genießt der Ex-Chefökonom der Weltbank, Larry Summers, das Frühstück mit Blick auf den Wannsee in der American Academy in Berlin. Anfang der Woche hatte der ehemalige US-Finanzminister noch die europäischen Notenbanker bei der EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra bestärkt, mit der unkonventionellen Geldvermehrung weiterzumachen. Danach jettete er zum Treffen der G7-Finanzminister nach Dresden, um mit den Kassenwärtern der sieben wichtigsten Industrieländer über die richtige Balance zwischen Sparen und Wachstum zu streiten. In Berlin traf er sich mit einer kleinen Runde von Journalisten zu Croissants und Müsli.

Herr Summers, der britische Premierminister David Cameron reist gerade durch die europäischen Hauptstädte, um für sein Land einen neuen Deal mit Europa auszuhandeln. Braucht Europa die Briten überhaupt?
Bei einem sogenannten Brexit, also dem Austritt Großbritanniens aus der EU, würden alle verlieren: die Briten, die anderen Europäer und auch wir Amerikaner.

Warum?
Die Briten wären politisch isoliert, Europa verlöre den konstruktiven marktwirtschaftlichen Einfluss Londons und Amerika hätte eine wichtige Brücke zum alten Kontinent weniger.

Darum geht es beim G7-Gipfel

Finanzminister und Notenbankchefs

Die Finanzminister und Notenbankchefs der führenden westlichen Industrieländer (G7) kommen am Donnerstag und Freitag in Dresden zusammen. Die Agenda ist gut gefüllt, konkrete Beschlüsse werden aber nicht erwartet.

Lage der Weltwirtschaft

Nach der Geldschwemme der Notenbanken geht es vor allem um nachhaltiges Wachstum. Deutschland macht sich für Schuldenabbau und einen schrittweisen Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes stark - bei gleichzeitigen Reformen. Thema ist auch die Vorsorge für absehbare Risiken wie die Alterung der Gesellschaft.

Steuern

In diesem Jahr wollen die führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) ihr Maßnahmenpaket gegen Steuertricks und Gewinnverlagerungen internationaler Konzerne (BEPS) endgültig schnüren. In Dresden geht es um den „Post-BEPS-Prozess“ - die Frage also, wie die gemeinsamen Standards konkret umgesetzt werden sollen.

Finanzmarkt

Zusätzliche Kapitalpuffer sollen sicherstellen, dass im Krisenfall bei großen Banken ausreichend Mittel zu deren Sanierung beziehungsweise notfalls Abwicklung zur Verfügung stehen. Sogenannte GLAC- (Gone-Concern Loss-Absorbing Capacity) und TLAC-Puffer (Total Loss-Absorbing Capacity) sollen verhindern, dass kriselnde Institute mit Steuergeld gerettet werden müssen. Die G20 haben vereinbart, dass 30 globale, systemrelevante Banken dickere Polster anlegen sollen.

Staatsanleihen

Im Gegensatz zu Krediten müssen Banken Staatsanleihen nicht mit teurem Eigenkapital in der Bilanz absichern. Das macht die Papiere für Finanzinstitute attraktiv, erhöht aber tendenziell die Abhängigkeit zwischen Staaten und Banken. Die Bundesbank bemüht sich seit Jahren, die Sonderbehandlung von Staatsschulden in den Bilanzen zu beenden – nicht zuletzt wegen der schlechten Erfahrungen aus der jüngsten Krise.

Obergrenze für Banken

Bundesbank-Chef Jens Weidmann macht sich nicht nur für eine Absicherung durch Eigenkapital stark, sondern fordert auch eine Obergrenze für Banken, sich Staatsanleihen auf die Bücher zu laden. Für ein Umsteuern hatte sich hier im März auch der europäische Risikorat ESRB (European Systemic Risk Board) ausgesprochen.

Terrorismus-Finanzierung

Terrorgruppen wie der Islamische Staat (IS) sind längst nicht mehr nur auf Großspenden angewiesen, sie beschaffen sich Geld zunehmend auch auf anderen Wegen. Die G7 wollen über Lücken im Kampf gegen solche Finanzströme beraten sowie über neue Wege, um Vermögenswerte von Terroristen schnell einfrieren zu können.

Ukraine

Über ein internationales Hilfspaket sollen gut 40 Milliarden Dollar für die Ukraine bereitgestellt werden. Der IWF steuert rund 17,5 Milliarden Dollar bei. Hinzu kommen Hilfen einzelner westlicher Staaten. Weil das nicht reicht, verhandelt die ukrainische Regierung mit weiteren Geldgebern – darunter auch Russland –, um Kiews Staatsschulden auf ein tragfähiges Niveau zu senken. 15 Milliarden Dollar sollen durch Restrukturierungen zusammenkommen. Dabei geht es um den Verzicht auf Forderungen, niedrigere Zinsen sowie Laufzeitverlängerungen.

Griechenland

Auch wenn Griechenland kein offizielles G7-Thema ist, dürfte die Lage in dem Land beim Treffen angesprochen werden. Denn in Dresden sind auch die Spitzen internationaler Finanzorganisationen, unter ihnen IWF-Chefin Christine Lagarde. EZB-Chef Mario Draghi, Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem sowie EU-Währungskommissar Pierre Moscovici sind ebenfalls vertreten. Damit kommen die Chefs der internationalen Geldgeber zusammen, die mit Athen über weitere Finanzhilfen beraten.

Das Gleiche lässt sich über Griechenland so nicht sagen. Halten Sie einen Grexit für möglich?
Ich hoffe, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibt, aber ich bin mir nicht sicher. Beide Seiten, haben ein fundamentales Interesse daran. Ein Austritt würde keines der gravierenden ökonomischen Probleme Griechenlands lösen. Und für Europa wäre ein Grexit ein schwer zu kalkulierendes Risiko.

Sie kommen vom G7-Finanzministertreffen aus Dresden. Haben Sie Herrn Schäuble davon überzeugt, dass seine wachstumsorientierte Sparpolitik kontraproduktiv ist?
Ich denke nicht, dass eine wachstumsorientierte Konsolidierungspolitik viel mit unserer heutigen Realität zu tun hat. Wirtschaftswachstum lässt sich nur unter ganz bestimmten Bedingungen durch eine finanzielle Konsolidierung steigern. Das ist eine Doktrin, die nur zu einer bestimmten Zeit an ausgewählten Orten wirkt. Sie macht dagegen am wenigsten Sinn, wenn die Zinsen mittel- und langfristig sehr niedrig sind. Oder wenn der Staatshaushalt sofort und unmittelbar gekürzt wird. Oder wenn die Kapazitäten unausgelastet sind und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage schwach ist. Oder wenn der Privatsektor unter einem Schuldenberg leidet.

Europäische Union: Der Brexit droht so oder so

Europäische Union

Premium Der Brexit droht so oder so

Wer am Ende die Wahl gewinnt, scheint zur Nebensache zu werden. Der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union wird immer wahrscheinlicher.

Gilt das auch für Griechenland?
Griechenland braucht sicher eine fiskalpolitische Konsolidierung. Aber zu behaupten, damit allein könne man das Wachstum steigern, ist sehr irreführend.

Wenn Sie eine Reform des Weltfinanzsystems vorschlagen könnten, wie sehe die aus?
Wir brauchen höhere Standards für die sogenannten Schattenbanken, also Finanzinstitute, die nicht unter die Bankenregulierung fallen. Dort gibt es immer noch zu viele Hintertüren, um der Regulierung auszuweichen.

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Frau Annette Bollmohr

29.05.2015, 16:22 Uhr

"(...) Krankenhäusern gehen die Spritzen aus. Athen kratzt das letzte Geld für die internationalen Gläubiger zusammen – mit fatalen Folgen."

Dass die abstrakten Strukturen des globalen Wirtschaftsgeschehens mit der ganz konkreten Lebenswirklichkeit der Menschen kaum noch kompatibel sind wird schon daran deutlich, dass sich selbst die Wirtschaftswissenschaftler (wie jetzt beim G7-Gipfel) über deren Funktionieren und den richtigen Weg, den Bedürfnissen aller Menschen gerecht zu werden streiten.

Feststehen dürfte jedenfalls, dass die Misere auf das Versagen der Politik bzw. die Verantwortungslosigkeit politischer Mandatsträger zurückzuführen ist.

So gesehen, gibt es m.E. keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass sich daran (der aktuellen politischen Malaise in Europa im allgemeinen und in Griechenland im besonderen) auch nur das Geringste ändern wird, wenn die Verantwortlichkeiten wie bisher auf viel zu Wenige, die auch noch politischen Zwängen unterliegen verteilt bleiben, sprich: das ganze System nicht grundlegend überholt wird.

Das wirklich Schlimme an der ganzen Sache ist, dass unter den Konsequenzen des politischen Versagens Einiger immer noch fast immer diejenigen am meisten zu leiden haben, die dafür am wenigsten verantwortlich gemacht werden können (weil sie keine wirkliche Chance haben, Einfluss auf das politische Geschehen zu nehmen).

Bezüglich der akuten Notlage, in der sich viele Bürger - nicht nur in Griechenland! - aufgrund der derzeitigen Situation oft völlig unverschuldet befinden, würde ich gerne nochmal auf einen früheren Kommentar von mir hinweisen:

http://www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge/altersvorsorge-sparen/banksparplaene-im-vergleich-wie-putin-deutsche-sparer-lockt/v_detail_tab_comments/11080320.html

Herr Tom Schmidt

29.05.2015, 16:24 Uhr

zitat: "wieso weder Griechenland noch Großbritannien die Euro-Zone verlassen sollten"

Mann, Mann, Mann... wer darf bei Euch eigentlich (Headlines) schreiben????

Herr Wolfgang Bürger

29.05.2015, 16:32 Uhr

...immer diese bescheuerten alternativlos-Prognosen. Wegen einem Land, das sich mit aller Gewalt selber ins Verderben stürzt, soll die ganze Gemeinschaft bedroht sein??????
Dann ist ja wohl die ganze Euro-Idee eine Farce. Wenn eine Volkswirtschaft nach der anderen (und es werden weitere folgen) von den jeweils stärksten anderen "gerettet" werden muß, braucht man nur die simplen Grundrechenarten anwenden, bis dann z.B. die Rupie eingeführt wird.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×