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31.08.2012

12:45 Uhr

Last für die Bürger

Spanien erhöht die Mehrwertsteuer

In Spanien tritt an diesem Samstag eine Erhöhung der Mehrwertsteuer in Kraft. Für die Bewohner des krisengeschüttelten Landes bedeutet das erhebliche Mehrausgaben. Manche Branchen trifft die Erhöhung besonders hart.

Spaniens Ministerpräsident Rajoy war mit dem Versprechen angetreten, die Mehrwertsteuer nicht zu erhöhen. Reuters

Spaniens Ministerpräsident Rajoy war mit dem Versprechen angetreten, die Mehrwertsteuer nicht zu erhöhen.

Madrid.Der eine geht noch rasch zum Friseur, der andere kauft sich vor Monatsende ein neues Auto. In Spanien werden von diesem Samstag (1. September) an viele Produkte und Dienstleistungen teurer. Dann tritt in dem von Schulden und Arbeitslosigkeit geplagten Land die Erhöhung der Mehrwertsteuer in Kraft. Benutzer von Fitness-Studios haben im August noch rasch die Gebühren für mehrere Monate im Voraus bezahlt. In Katalonien kamen Veranstalter von Musikfestivals gar auf die Idee, Eintrittskarten schon jetzt zu verkaufen, obwohl die Konzerte erst im nächsten Frühjahr stattfinden und noch gar nicht fest steht, welche Musiker dort auftreten werden.

In Spanien scheint kurz vor der Steueranhebung ein Konsumrausch zu herrschen. Aber der Eindruck täuscht. „Zum Monatsende ist ohnehin kein Geld da für größere Einkäufe“, sagt eine Madrider Angestellte. Nach Angaben der Branchenverbände ist es nur eine kleine Minderheit unter den Spaniern, die geplante Anschaffungen vorzieht.

Die Supermarktkette Mercadona hatte schon vor Wochen angekündigt, die Steuererhöhung vorerst nicht an die Kunden weiterzugeben. Konkurrenten wie Eroski oder Lidl folgten. In vielen Bereichen dürfte nach dem 1. September zunächst kaum eine Verteuerung zu spüren sein. Die Preise werden nach Erwartung von Experten vielmehr im Laufe der Zeit schrittweise angehoben werden.

Spaniens Baustellen

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenquote beträgt laut Statistikbehörde 24,4 Prozent und befindet sich auf den höchsten Stand seit 18 Jahren. Insgesamt sind in Spanien 5,6 Millionen Menschen arbeitslos. Vor allem die Jugendarbeitslosigkeit ist ein Riesenproblem. Die europäische Statistikbehörde Eurostat berichtete unlängst, die Quote der Jugendarbeitslosigkeit sei in Spanien mit einem Wert von 50,5 Prozent am höchsten. Zum Vergleich: Mit 8,2 Prozent hatte Deutschland die niedrigste Quote.

Immobilienmarkt

In der Vor-Krisenzeit lockte die Kombination aus hohem Wirtschaftswachstum und niedrigem Zinsniveau die Spanier an den Immobilienmarkt. Viele legten sich eine zweite, dritte oder gar vierte Wohnung zu. Doch der Boom war größtenteils auf Pump finanziert. Nachdem auch internationale Anleger wie Pensions- und Investmentfonds in großem Stil einstiegen, wurden Immobilien rasch zu Spekulationsobjekten. Die Finanzkrise 2008 bereitete dem ein jähes Ende: Die spanischen Banken - anfangs noch gelobt wegen ihrer Zurückhaltung bei Schrottpapieren - gerieten in den Krisenstrudel und wurden Opfer der lockeren Kreditvergabe.

Haushaltslage

In der Eurozone war Spanien 2011 mit einem Fehlbetrag von 8,9 Prozent der drittgrößte Haushaltssünder. Das Haushaltsloch war zwar kleiner als 2010 (9,3 Prozent), aber deutlich höher als angestrebt. Die spanische Wirtschaft stürzte zudem zu Jahresbeginn in die Rezession. Mit drastischen Sparmaßnahmen und weitreichenden Reformen versucht die Regierung des konservativen Regierungschefs Mariano Rajoy gegenzusteuern. Ursprünglich sollte das Defizit schon 2013 wieder unter die erlaubten 3 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken, nun soll Spanien dafür ein Jahr länger Zeit bekommen.

Bankenkrise

Die Lage am Immobilienmarkt schlägt voll auf den Bankensektor durch: Die Großbanken Santander und BBVA (Banco Bilbao Vizcaya Argentaria) verzeichneten wegen der Vorsorge für faule Immobilienkredite Gewinnrückgänge. Spaniens Regierung hatte höhere Rücklagen der Banken angesichts der kriselnden Wirtschaft verlangt. Anderen Geldhäusern erging es noch schlechter: Die Großbank Bankia will vom Staat mehr als 23 Milliarden Euro für ihre Sanierung.

Der normale Satz der Mehrwertsteuer steigt von 18 auf 21 und der ermäßigte von 8 auf 10 Prozent. Die „super-ermäßigte“ Steuer für Grundnahrungsmittel oder Bücher bleibt bei 4 Prozent. Am ärgsten betroffen sind die Eltern von Schulkindern, denn der Satz für Schulbedarf wie Hefte oder Stifte wurde von 4 auf 21 Prozent heraufgesetzt - und das zu Beginn des neuen Schuljahrs.

Hart getroffen fühlt sich auch die Kultur- und Freizeitindustrie. Kino- und Konzertkarten sowie der Besuch von Diskotheken oder Fitness-Studios werden künftig nicht mehr mit 8, sondern mit 21 Prozent besteuert. 4000 Betriebe der Kulturbranche schickten einen Protestbrief an Ministerpräsident Mariano Rajoy und warnten vor einem „erschütternden Szenario“: Den Kinos, Theatern und Konzerten gingen 43 Millionen Besucher im Jahr verloren, 20 Prozent der Betriebe müssten schließen, und 4200 Beschäftigte verlören ihre Jobs, heißt es in den Schreiben.

Kommentare (46)

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Account gelöscht!

31.08.2012, 12:53 Uhr

" Zudem wird die Summe ziemlich genau durch die Mehrausgaben aufgezehrt werden, die der Staat für die Zinsaufschläge bei seinen Anleihen aufbringen muss."
Wie soll dieser Satz verstanden werden?

Als Argument gegen die Steuererhöhung?

Wenn ja, was würde ohne die Steuererhöhung passieren?

pendler

31.08.2012, 13:04 Uhr

- keine will die Mauer
- wir haben eine weltweite verpflichtung gegenüber die - nicht-semitischen Juden
- unsere Renten sind sicher
- wir können viel von england lernen
- wir müssen uns vor china schützen

Rene

31.08.2012, 13:06 Uhr

"Protestschreiben" haben auch keinen interessiert, als solche Branchen aufgrund ihrer Vergünstigungen das Land erst an den Rand des Ruins getrieben haben, an dem es sich jetzt befindet und diese Maßnahmen notwendig macht.

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