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30.08.2012

17:41 Uhr

Lawine von Zwangsvollstreckungen erschüttert Spanien

Der Albtraum vom eigenen Heim

VonDana Heide

Spanische Banken bekommen von der EZB viele Milliarden, um sich über Wasser zu halten. Immobilienbesitzer bekommen nichts geschenkt: Hunderttausende Spanier sind pleite und müssen raus aus ihren Häusern. Ein Ortsbesuch.

„Basta“: Die Spanier wehren sich gegen die Zwangsräumungen. Reuters

„Basta“: Die Spanier wehren sich gegen die Zwangsräumungen.

San SebastiánHeute wollen sie kommen und ihm seine Wohnung wegnehmen. Juan Carlos Infante schaut auf das Haus, in dem er 16 Jahre lang gelebt hat. Der Spanier betrachtet die verschlissene Fassade, den braunen Putz, deren kleine Erhebungen sich grau verfärbt haben. Schwarze Kabel führen an den weißen Fenstern entlang, in der Mitte hängt ein blaues Schild: „SE VENDE“ - „Zu Verkaufen“ steht dort in Großbuchstaben, darunter eine Telefonnummer.

60.000 Euro hat der 36-Jährige bereits für die 54-Quadratmeter-Wohnung im nordspanischen Irun bezahlt, doch nun gehört sie der Bank. Eineinhalb Jahre hat er seine Hypothek nicht bedient, weil er arbeitslos war. Inzwischen hat er zwar wieder einen Job als Verkäufer in einer Tankstelle, aber die Bank hat sich dennoch für heute angekündigt. Heute will sie kommen, in Begleitung von Polizisten, und die Schlösser austauschen. „Desahucio“ heißt das auf Spanisch, Zwangsräumung.

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Immer mehr Menschen in Spanien können ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen. Im ersten Drittel dieses Jahres verloren laut der aktuellsten offiziellen Statistik des Rates der rechtssprechenden Gewalt in Spanien CGPJ im Schnitt mehr als 200 Menschen ihre Wohnung durch Zwangsräumungen – pro Tag. Das ist ein neuer Rekord.

Die Häuser, aus denen ihre oft jahrelangen Bewohner vertrieben werden, sind danach meist unverkäuflich. Niemand kann oder will sich in Spanien derzeit Immobilien leisten. Kein Wunder, Experten rechnen damit, dass die Preise weiter fallen werden.

Kommentare (31)

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Elisabeth

30.08.2012, 18:09 Uhr

Wenn die Masse der Menschen sich von der materiellen Gehirnwäsche täuschen/mitreißen/faszinieren, sie sich als Lösung aller äußeren/wirtschaftlichen Probleme aufschwätzen lässt, - was soll man da sagen. Nun gieren die Banken nach den (Rest-) belasteten Grundstücken und Eigentumswohnungen, durch die bevorstehenden Abwertungen am spanischen Immobilienmarkt werden die Schulden in naher Zukunft weiter ENTwertet und die Banken machen Gewinn - nachdem die Kunden wie hier z.B. 60.000 EUR schon abbezahlt hatten. Mit Zinsen. An die Bank. Ein GIERsystem frisst sich selbst - schnappt jetzt, am Ende, nur noch nach Luft.

RamonGaluptra

30.08.2012, 18:12 Uhr

Die Geschichte wiederholt sich. Das gleiche Spiel wie in den USA. Anstatt die Immobilienbesitzer zu unterstützen, wird den Banken Geld in den Hintern geblasen.
Mit vergleichsweise wenig Geld könnte die Abwärtslawine verhindert werden. Aber so drücken die Zwangsversteigerungen die Preise, wodurch weitere Kredite notleidend werden.

Es ist unerträglich, welche Sonderrechte und staatliche Hilfen Banken inzwischen zuteil werden.

HANSWURST

30.08.2012, 18:16 Uhr

"Denn obwohl sich die Ausgangsbedingungen in Spanien und den USA ähneln, die Folgen für die Betroffenen auf der iberischen Halbinsel sind härter. Wer in den Vereinigten Staaten sein Haus verliert, bekommt eine zweite Chance. Er kann von vorne anfangen. Die Schulden sind in dem Moment getilgt, in dem die Schlüssel an die Bank gegeben werden..."

Das ist so nicht ganz richtig. "Jingle Mail" d.h. Schlüssel an die Bank und tschüss funktioniert nur in einigen Bundesstaaten, z.B. Kaliforniern. In anderen gilt das "europäische" Modell, d.h. Bude - amerikanisch Colletaral - plus Restschuld. Deswegen haben soviele Leute z.Z. auch Probleme weil sie mit ihren "mortgages under water" sind, d.h. sie schulden der Bank mehr als das Haus tats. wert ist. Verkaufen oder jingle mail funktioniert nicht, weil man sonst auf einem Berg Schulden sitzen bliebe. Besonders unglücklich, man kann nicht umziehen um woanders einen neuen, besseren Job annehmen. Auch ein Grund für die schleppende Recovery !

Zu Spanien: Ansonsten ist der Bericht, was die Kreditvergabe angeht, korrekt. Die Immobilienpreise sind grotesk, immer noch. Wenn allerdings jetzt alle Buden deren Eigt. nicht oder kaum noch zahlen auf den Markt geworfen werden ist sofort Schicht am Schacht. Die Banken müssten sofort ihre Bilanzen nach unten korrigieren und wären pleite (was sie zwar sind, aber nicht offiziell). Man versucht hier lieber langsam und stetig die Luft aus der Blase zu lassen, ob es funktioniert wissen wir in zehn Jahren....

PS: In Deutschland ist der bittere Kelch bisher aufgrund von Niedrigstzinsen an uns vorbeigegangen. Müssten all die Leute die ab Mitte der 90er mit Hilfe von Eigenheimzulage und damaligen Billigzinsen bei 1% Tilgung jetzt eine Anschlussfinanzierung bei 6% und mehr stemmen, das Bild wäre ähnlich !

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