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23.02.2015

14:37 Uhr

Leben auf der Krim

„Putin-Paradies“ wird zum ökonomischen Niemandsland

Vor knapp einem Jahr wurde die Krim von Russland annektiert, seitdem hat sich viel verändert auf der Halbinsel. Nicht unbedingt zum Besseren: Lebensmittel werden immer teurer, westliche Unternehmen sind geflüchtet.

Russland-Fahne an der Promenade in Sewastopol. dpa

Russland-Fahne an der Promenade in Sewastopol.

Knapp ein Jahr nach der russischen Annexion der Krim widmet sich der Moskauer Statthalter Oleg Saweliew eher banalen Aufgaben. Er muss Rechnungen bezahlen. Wie alle anderen Einwohner auf der territorial umstrittenen Schwarzmeerhalbinsel hadert der vom russischen Präsidenten Wladimir Putin eingesetzte Krim-Minister dabei mit den Verhältnissen in einem ökonomischen Niemandsland.

Ob internationale Banken wie UniCredit, die Kreditkartenunternehmen MasterCard und Visa, oder auch globale Ketten wie McDonald's - sie alle haben sich nach der russischen Einverleibung von der Krim verabschiedet. Geblieben ist eine Gesellschaft, in der ausschließlich Bares gilt, und die geprägt ist von einer galoppierenden Inflation, chronischen Versorgungsengpässen und wachsenden Kriegsängsten. Selbst russische Unternehmen bleiben weg.

Wen die Russland-Sanktionen treffen

Ukraine

Das politisch wie wirtschaftlich größte Problem bei Russland-Sanktionen ist, dass auch die Ukraine unter den Folgen leiden wird. In einer Umfragen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft nannten im Juni 21 Prozent der befragten Unternehmen die Ukraine als das Land, das nach Russland (37 Prozent) und Deutschland (33 Prozent) am stärksten unter Sanktionen zu leiden haben wird. Der Grund ist zum einen die enge wirtschaftliche Verflechtung der ehemaligen Sowjetrepublik mit Russland, die jeden Konjunktureinbruch dort auch für das Nachbarland zum Problem macht. Zum anderen bestraft Russland den Westkurs der Ukraine wie auch den Moldawiens mit Gegensanktionen wie einem Embargo gegen Milch und Fleisch. Bei einer Eskalation könnte auch der Gashahn zugedreht werden.

Balkan

„Auch die ganze Balkan-Region wird unter einem neuen Wirtschaftskrieg leiden“, meint der Balkan-Experte Duan Reljic von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Verantwortlich macht er hierfür die traditionell engen Beziehungen von Ländern wie Serbien mit Russland, vor allem aber das starke Interesse der ganzen Region an russischem Gas. Interessiert ist man auch am Bau der von Russland vorangetriebenen South-Stream-Pipeline durch die Region, die die EU-Kommission nun im Zuge der Abkühlung der EU-Russland-Beziehungen rechtlich überprüfen lässt. „Fast jedes Land der Region hat sich Hoffnung auf einen dreistelligen Millionenbetrag an Durchleitungsgebühren pro Jahr gemacht - die drohen nun wegzufallen“, meint Reljic. Finanzexperten weisen zudem darauf hin, dass öffentliche EU-Banken auch mit Töchtern russischer Institute in der Region keine Geschäfte mehr machen können, wenn deren Chefs auf einer Sanktionsliste der USA und der EU stehen - die ständig ausgeweitet werden.

EU-Mitglieder Bulgarien und Zypern

Innerhalb der EU gelten die Länder als anfällig, die teilweise zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig sind und einen Lieferboykott befürchten müssen. Besonders betroffen sind zudem die stark nach Russland ausgerichteten EU-Staaten Zypern und Bulgarien. Am Finanzplatz Zypern etwa ist so viel russisches Geld angelegt, dass der Inselstaat von einem Abzug des Kapitals in Folge von EU-Finanzsanktionen stark getroffen werden könnte.

Zentralasien

Mit sehr gemischten Gefühlen schauen die Länder in Zentralasien auf die Entwicklung in der Ukraine. „Die kasachischen Banken würden wegen der engen Beziehungen sofort in Schieflage geraten, wenn ihre russischen Partner wackeln“, meint Beate Eschment, Redakteurin bei den Zentralasien-Analysen in Berlin. „In der Hauptstadt Astana ist man derzeit zudem ausgesprochen nervös, weil die Ukraine zeigt, was passieren kann, wenn man sich russischen Wünschen widersetzt.“ Eschment verweist darauf, dass auch im Norden der öl- und gasreichen ehemaligen sowjetischen Republik viele Russen leben und Russland nach wie vor Militärbasen in dem Land unterhält. Seit 2010 ist Kasachstan Mitglied in der Zollunion mit Russland. Anfang 2015 soll das bereits unterzeichnete Abkommen für eine eurasische Union in Kraft treten, das beide Länder noch enger aneinander schweißt - für gute wie schlechte Zeiten.

Allerdings hält man in der deutschen Wirtschaft durchaus auch einen umgekehrten Effekt für möglich: Als Mitglied der Zollunion könnte das Land sogar von harten Sanktionen gegen Russland profitieren - weil dann Geschäfte für den russischen Markt über Kasachstan abgewickelt werden müssten.

Afghanistan

Russlands Präsident Wladimir Putin sagte am Wochenende drohend, die EU demonstriere mit Sanktionen, dass sie offenbar kein Interesse mehr an einer Sicherheitspartnerschaft mit Russland habe. Diese beinhaltet aber etwa die Versorgung der Nato-Soldaten in Afghanistan über den russischen Luftraum und die russische Eisenbahn. Auch der geplante schrittweise Abzug der Truppen läuft über Russland und nicht das wesentlich gefährlichere Pakistan. Das könnte sich ändern - mit unklaren Auswirkungen auf das ohnehin instabile Krisenland Afghanistan.

China

China, darin sind sich alle Experten einig, gehört dagegen zu den Gewinnern einer Eskalation zwischen dem Westen und Russland. Die deutsche Industrie warnt, dass ihnen nun chinesische Konkurrenten in Russland die Aufträge wegschnappen. Und Russlands mühsame Suche nach neuen Partnern beschert China günstige Preise für die kommenden Gaslieferungen vom Nachbarn. „China profitiert von der Isolation Russlands und kann gegen ein geschwächtes Russland die eigenen Interessen besser durchsetzen“, meint der China-Experte des Mercators Institutes for China Studies (Merics), Moritz Rudolph.

Vor jedem Flug von Moskau auf die Krim rüstet sich Saweliew mit etlichen Rubelbündeln aus, um für das Hotelzimmer bezahlen zu können. Auf der Krim geht das seit vielen Monaten nur noch mit Bargeld, und das gilt auch für Minister.

Der 49-jährige Saweliew nennt das am Tisch in seinem Amtszimmer auf der Krim „erstaunlich”. Die von Moskau eingesetzte Regierung in der Krim-Hauptstadt Simferopol sitzt direkt neben dem Parlamentsgebäude, über dem maskierte Bewaffnete vor einem Jahr die russische Trikolore gehisst hatten. Wie die Mehrheit der Bewohner auf der Krim macht Saweliew vor allem die Ukraine und den Westen für die selbst für russische Verhältnisse ausgeprägt desolate wirtschaftliche Lage verantwortlich.

Die ehemalige Sommerfrische der russischen Zaren könnte allerdings wirtschaftlich vorwegnehmen, was der gesamten Russischen Föderation unter der Politik von Wladimir Putin noch blühen kann, sollten die USA sowie die Europäische Union die Sanktionen gegen Russland weiter verschärfen.

Noch im Februar letzten Jahres waren die rund zwei Millionen Einwohner der Krim Bürger der Ukraine. Nach überwältigender Zustimmung in einem Referendum, das von der Ukraine und im Westen nicht anerkannt wird, leben sie nun in Russland. Und nicht zuletzt wirtschaftlich im Alltagschaos.

Die Straßenschilder sind weiterhin in ukrainischer Sprache. Die alte ukrainische Telefonvorwahl 380 gilt im Festnetz weiter. Allerdings wurde die Zeitzone geändert; auf der Krim gehen die Uhren jetzt nach Moskauer Zeit. Die galt bis 1991 auch, als die seinerzeit neu gegründete Ukraine sich von der bröckelnden Sowjetunion abspaltete und die Halbinsel im Süden mitnahm.

Kommentare (7)

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Herr Ossi NB

23.02.2015, 15:12 Uhr

„Putin-Paradies“ wird zum ökonomischen Niemandsland
Ein Glück, daß wir dagegen in der EU nur blühende Landschaften ohne Arbeitslosigkeit, Not und Elend haben. Und an Geld wird es uns auch nie mangeln. Wir können uns immer wieder neues Geld drucken. Soviel wir brauchen. Denn wir haben kluge Köpfe, wie die Herren Draghi, Schulz und Juncker.
Das alles kann Rußland nicht. Denen fehlen die klugen Köpfe und für`s Geld- drucken das nötige Papier.

Herr Reinhold Epping

23.02.2015, 16:14 Uhr

„Putin-Paradies“ - was für ein Ausdruck! Wie gefällt Ihnen: "Merkelistan"? Oder "Obama-Sumpfland"? Wenigstens das Handelsblatt sollte sich genauer und sorgfältiger Formulierungen bedienen.Mit solchen herabwürdigenden Ausdrücken schaden Sie sich letztendlich selber mehr als dem "Feind" Putin. Dann kann man ja gleich die Bildzeitung lesen. In der politischen Ausrichtung gibt es wohl eh keine besonderen Unterschiede mehr. (Nur meine Vermutung.Ich lese nämlich die BILD gar nicht.)

Herr Vittorio Queri

23.02.2015, 16:18 Uhr

>> „Putin-Paradies“ wird zum ökonomischen Niemandsland >>

Die Krim ist eine Urlaubsinsel. Nach dem die Ukrainer diese fast 25 Jahre lang verrotten liessen, wird sie von den Russen sukzessive wieder aufgebaut.


Und wie sieht die Bilanz nach einem Jahr von Maidan aus, für den die EU mitverantwortlich ist :

- Krim ist weg
- Donbass ist weg
- Wirtschaft ist ruiniert
- Ukraine ist bankrott
- An der Regierung ist eine korrupte Junta
- der Staat ist eine Diktatur
- die Bevölkerung ist verarmt
- die Durchschnittsgehälter betragen 200 $
- die Rente beträgt 30 $
- die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland sind gekappt
- Wirtschaftsbeziehungen zu EU gibt es quasi nicht
- die Ukraine hat ca. 5 Mio. Bürger durch Auswanderung und Flucht verloren
- die meisten Ukrainer sind nach Russland ausgewandert
( insbesondere Fach-Kräfte )
- die Nachwuchskräfte sind durch den Krieg dezimiert und traumatisiert

Fazit : SOMALIA läßt grüssen, und das mitten in Europa !

Ruhm der Ukraine !

Den Helden Ruhm !

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