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28.01.2017

14:42 Uhr

Leben in Syrien

Rückkehr in die Trümmerstadt Aleppo

Ihre Wohnung in einem Rebellenviertel der syrischen Stadt ist schwer beschädigt, aber gerade noch bewohnbar: Damit ist Familie Chatib besser dran als viele ihrer Nachbarn. Nun kehrt sie zurück.

AleppoDie Straße sieht aus, als sei sie von einem Erdbeben getroffen worden. Das ausgebombte Haus in einem früher von Rebellen gehaltenen Viertel der syrischen Stadt Aleppo steht bis auf eine Wohnung im zweiten Geschoss leer. Dort leben Abdel-Hamid Chatib und seine Familie. Es gibt keinen Strom und kein fließendes Wasser, die Fenster sind mit Nylontüchern abgedeckt. Ein von einer Granate in die Wand des Wohnzimmers gerissenes Loch ist mit einem Metallstück verschlossen, durch das das Abzugsrohr für den Holzofen verläuft.

Chatib und seine Familie sind die einzigen Bewohner des sechsstöckigen Gebäudes. Das Haupteingangstor haben sie mit einer Metallkette verschlossen, sie fürchten sich vor Plünderern. Kerzen sorgen in der Wohnung mit zwei Schlafzimmern nachts für ein wenig Licht. Einen anderen Zufluchtsort hat die Familie nicht.

Der 56-jährige Schmied war monatelang arbeitslos und konnte sich keine Mietzahlungen mehr leisten. Er befürchtete, dass ihre Wohnung im Viertel Ansari komplett geplündert würde, wenn sie weiter wegblieben. „Vor ein paar Tagen hat mich ein Mann gefragt, „kann es sein, dass ihr hier lebt?“ Ich sagte, „wohin können wir denn gehen?“ Zumindest ist das unser Haus, und niemand wird uns auffordern zu gehen“, sagt Chatibs Frau Hasnaa.

Warum Aleppo im Krieg so wichtig ist

Symbolwirkung

Aleppo hat sich zum Symbol für den verheerenden Konflikt entwickelt. Die Stadt war nahezu seit Beginn der Kämpfe zwischen Regime und Rebellengruppen geteilt und ist das am schwersten umkämpfte Schlachtfeld in dem Krieg. Wer hier siegt, hat auch einen immensen psychologischen Vorteil.

Letzte Hoffnung für Rebellen

Aleppo ist die letzte Großstadt, in der Aufständische noch Gebiete kontrollieren. Damaskus und Homs sind fest in der Hand der Truppen von Syriens Präsident Baschar al-Assad. Den Rebellen blieben ohne die ehemals größte Stadt des Landes nur noch einige eher ländliche Gebiete wie die Provinz Idlib.

Strategisch wichtig

Nicht zu unterschätzen ist der militärische Spielraum, den die syrische Armee bei einer Eroberung gewinnen würde. Die Schlacht um die ehemalige Handelsmetropole bindet viele Kräfte. Diese könnten sich dann auf andere Rebellengebiete des Landes konzentrieren und das Ende des Bürgerkrieges erzwingen.

Einfluss Russlands

An der Entwicklung in der nordsyrischen Stadt lässt sich der Einfluss Russlands seit seinem Kriegseintritt vor mehr als einem Jahr sowie der des Irans ablesen. Ohne diese beiden Verbündeten wäre das geschwächte Regime nicht in der Lage gewesen, die Rebellen so in die Defensive zu drängen.

Verfehlte Politik des Westens

An Aleppo zeigt sich die Schwäche und die verfehlte Politik des Westens, allen voran der USA und seiner Verbündeten. Sie ließen ein Machtvakuum im Bürgerkrieg entstehen, in das Moskau zugunsten der syrischen Regierung vorstieß - und gucken nun ohnmächtig der zivilen Katastrophe zu.

Verhandlungsbasis

Die Eroberung Aleppos würde dem Regime eine starke Verhandlungsbasis für künftige Friedensgespräche geben – falls Assad diese angesichts seines Siegeszuges überhaupt für nötig halten sollte.

Das Leben und der Krieg haben der Familie schwer zugesetzt. Ihr ältester Sohn Mohammed wurde bei der Bombardierung Ost-Aleppos 2013 getötet. Ein Jahr später wurde auch ihre vierjährige Enkelin tödlich von einer Kugel getroffen, während sie auf dem Balkon der elterlichen Wohnung spielte. Sohn Mahmud kam bei der Arbeit ums Leben, er erlitt beim Schweißen eines mit Gas gefüllten Behälters schwere Verbrennungen.

Seit Rebellen, die gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad kämpfen, den Osten Aleppos im Juli 2012 stürmten, musste die Familie zwei Mal aus dem Haus in sicherere Gegenden umziehen, jedes Mal kehrte sie wieder zurück. Doch im August 2016, als Regierungstruppen ihre Offensive verstärkten, zwang sie ein Luftangriff ein drittes Mal zur Flucht. „Es war so gefährlich und unsere Kinder hatten schreckliche Angst, so dass wir es nicht mehr ertragen haben“, sagt der Familienvater. Ende Dezember brachten Regierungstruppen und ihre Verbündeten den Osten Aleppos und damit die gesamte Stadt wieder unter ihre Kontrolle - Assads größter Sieg seit Beginn des Konflikts im März 2011.

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