Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.05.2016

08:32 Uhr

Leben in Venezuela

Der blutige Alltag von Caracas

Weil er einem alten Mann 4,50 Euro stiehlt, wird Roberto Bernal bei lebendigem Leibe verbrannt. Die Menge jubelt. Es ist ein Sinnbild der wirtschaftlichen und humanitären Krise in Venezuela – und der wehrlosen Justiz.

Gewalttätige Auseinandersetzungen – untereinander oder mit der Polizei – sind in Venezuela an der Tagesordnung. Ihren Frust lassen die Bürger regelmäßig auf der Straße raus. Reuters

Proteste in Venezuela

Gewalttätige Auseinandersetzungen – untereinander oder mit der Polizei – sind in Venezuela an der Tagesordnung. Ihren Frust lassen die Bürger regelmäßig auf der Straße raus.

CaracasDie wütenden Männer wissen eigentlich gar nicht, was Roberto Bernal verbrochen haben soll. Dass der 42-Jährige wegläuft, macht ihn aber verdächtig – und das reicht. In den nächsten Minuten lassen sie all die Wut, all den Ärger über ihre gestohlenen Handys, geklauten Portemonnaies und spurlos verschwundenen Motorräder an Bernal aus. Dutzende Männer, die eben noch neben einem Supermarkt in der venezolanischen Hauptstadt Caracas herumgelungert haben, schlagen und treten auf ihr Opfer ein, bis es blutüberströmt und halb bewusstlos am Straßenrand liegt.

Ein gebückter, weißhaariger Mann schleppt sich hinter dem Mob her. Er spricht von Raub. In Bernals Taschen wird ein Bündel Scheine gefunden – es ist sein Todesurteil. Er wird mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leibe angezündet. Dass das Geld umgerechnet nicht einmal fünf Euro wert ist, interessiert in diesem Moment niemanden.

„Wir wollten dem Mann eine Lektion erteilen“, sagt der 29-jährige Eduardo Mijares. „Wir sind es leid, jedes Mal ausgeraubt zu werden, wenn wir auf die Straße gehen. Und die Polizei tut nichts.“ Selbstjustiz gegen angebliche Diebe ist in Venezuela zur Normalität geworden. Aus dem Land, das einst zu den reichsten und sichersten in Lateinamerika zählte, ist längst ein Chaosstaat geworden.

In Lokalmedien lesen die Venezolaner mittlerweile wöchentlich davon, dass Verdächtige von Gruppen zusammengeschlagen werden. Ermittlungen laufen in 74 Fällen von Selbstjustiz, in denen es zwischen Januar und April diesen Jahres Tote gab. Im gesamten vergangenen Jahr waren es lediglich zwei – und die Mehrheit der rund 30 Millionen Venezolaner hat an solchen Vergeltungstaten laut Umfragen nichts auszusetzen.

Die Racheakte zeigen, wie tief Venezuela im Sumpf der Kriminalität versunken ist. Die Probleme des Landes sind aber auch politischer und wirtschaftlicher Natur: Präsident Nicolás Maduro liefert sich mit der mehrheitsführenden Opposition in der Nationalversammlung einen Kampf um die Macht. Die Wirtschaft liegt völlig am Boden, die Inflation ist dreistellig, der für das Land so wichtige Ölpreis abgestürzt. Der Strom fällt täglich aus, Essen ist knapp, Warteschlangen vor Supermärkten werden immer länger.

Und dann auch noch die Kriminalität. Venezuela hat heute eine der höchsten Mordraten der Welt. Es ist nahezu unmöglich, eine Person zu finden, die noch nicht ausgeraubt wurde. In dieser Situation schafft es Bernals Tod nicht einmal in die Schlagzeilen.

„Das Leben ist hier zu einer Misere geworden“, sagt der Direktor der Gewaltbeobachtungsstelle Venezuela Violence Observatory, Roberto Briceno-Leon. „Du bist immer gestresst, immer verängstigt.“ Gegen Stromausfälle oder Inflation könne man nichts tun. „Aber für zumindest einen Moment hat der Mob das Gefühl, einen Unterschied zu machen.“

Venezuela : Beamte arbeiten nur noch zwei Tage die Woche

Venezuela

Beamte arbeiten nur noch zwei Tage die Woche

Die Energiekrise zwingt Venezuela zu weiteren Radikalmaßnahmen. Für mindestens zwei Wochen dürfen Beamte nur noch an montags und dienstags zur Arbeit kommen. Das soll Strom sparen.

Bernal hat sein gesamtes Leben in einem Labyrinth fröhlich gestrichener Hütten auf den Hügeln über Caracas verbracht. Knapp die Hälfte der Bevölkerung lebt in solchen Slums. Diese Venezolaner tragen die Hauptlast der Wirtschaftskrise. Fließendes Wasser gibt es hier schon seit Monaten nicht mehr. Auf der Suche nach Nahrung versuchen manche Menschen, vorbeifahrende Lastwagen zu überfallen.

Bernal war seit längerem arbeitslos. Seinen Geschwistern hatte er anvertraut, dass er und seine Frau nicht mehr wüssten, wie sie die drei Kinder ernähren sollen. Ein Umzug nach Panama stand im Raum. Dabei ging es ihm im Vergleich zu seinen sechs Geschwistern noch mit am besten. Sie sagen, er sei derjenige gewesen, der es geschafft habe: Erst habe er eine Kochschule besucht, dann als professioneller Koch gearbeitet. Zuhause schaute er fern und verschwand, sobald es den kleinsten Streit gab. Seine Angehörigen versorgte er per SMS mit religiösen Botschaften – so auch am letzten Abend vor der Schreckenstat.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×