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10.02.2015

15:31 Uhr

Leere Kassen in Griechenland

Ökonomen warnen vor der Staatspleite

VonDietmar Neuerer

ExklusivFür Griechenland wird die Lage immer bedrohlicher. Top-Ökonomen in Deutschland halten einen Zahlungsausfall inzwischen für ein realistisches Szenario, sollte Athen zu keiner Einigung mit den EU-Partnern kommen.

Griechenland riskiert mit seinen Forderungen einen Staatsbankrott, sagen Ökonomen. Getty Images

Leere Kasse

Griechenland riskiert mit seinen Forderungen einen Staatsbankrott, sagen Ökonomen.

BerlinAlexis Tsipras scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein. Zwei Wochen nach seinem Wahlsieg fordert der griechische Regierungschef heute das Vertrauen des Parlamentes in Athen für seine Links-Rechts-Regierung ein.

Tsipras will damit nichts anderes als den parlamentarischen Segen für den Konfliktkurs, den er eingeschlagen hat. Nachdem eine große Mehrheit der Griechen hinter seiner Anti-Troika-Politik steht, dürfte die Zustimmung der Athener Parlamentarier nur Formsache sein. Ob die geballte Rückendeckung für Tsipras' Bewegung in das Schuldendrama bringen wird, ist allerdings derzeit nicht sehr wahrscheinlich.

Die Geldgeber aus EU, Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB) scheinen jedenfalls nicht gewillt, auf den Kurs des Premiers einzuschwenken. Der hatte in seiner Regierungserklärung das griechische Rettungsprogramm für beendet erklärt und neue Verhandlungen über den Umgang mit den griechischen Schulden gefordert. Die internationalen Partner verlangen dagegen, dass das noch laufende Rettungsprogramm abgeschlossen wird.

In dieser Gemengelage stehen sich die griechische Regierung und die Gläubiger unversöhnlich gegenüber. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ist ohne Reformzusagen nicht zu weiteren Hilfen bereit, Tsipras erklärte demgegenüber den bisherigen Kurs dagegen für gescheitert. Und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sieht vor diesem Hintergrund kaum noch Chancen für eine rasche Einigung.

Die wichtigsten Player bei den Verhandlungen mit Griechenland

Wer sind die wichtigsten Gesprächspartner?

Wer sind die wichtigsten Gesprächspartner in der Griechenland-Krise? Seit dem Sieg von Syriza ist das Verhandeln mit dem Staat von der Größe Brandenburgs komplizierter geworden...

Jean-Claude Juncker

Der 60-Jährihe gilt als Europäer aus Leidenschaft. Er war und ist eine der Schlüsselfiguren bei der Euro-Rettung. Acht Jahre lang (von 2005 bis 2013) war der Luxemburger Vorsitzender der Eurogruppe, der die Finanzminister der Staaten mit Euro-Währung angehören. In dieser Funktion hat Juncker seit 2010 maßgeblich die Rettungsprogramme für Krisenstaaten wie Griechenland ausgehandelt. Der Christsoziale war 18 Jahre lang (bis Ende 2013) Premierminister in Luxemburg – inzwischen ist er Präsident der EU-Kommission.

Mario Draghi

Der 67 Jahre alte italienische Bankmanager und Wirtschaftswissenschaftler ist seit November 2011 Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Unter seiner Führung pumpte die Notenbank billiges Geld in das Bankensystem, schaffte die Zinsen im Euroraum quasi ab und schuf ein Kaufprogramm, um notfalls unbegrenzt Anleihen von Euro-Krisenstaaten zu erwerben. Kritiker werfen ihm vor, die Befugnisse der Notenbank überdehnt zu haben.

Christine Lagarde

Die französische Politikerin steht seit Juli 2011 an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF). Zuvor war sie Wirtschafts- und Finanzministerin in Paris. Die 59 Jahre alte Juristin erwarb sich während der Finanzmarkt- und Euro-Turbulenzen einen Ruf als umsichtige Krisenmanagerin. Auf ihr lastet jedoch, dass die französische Justiz gegen sie in einer Affäre um mutmaßliche Veruntreuung öffentlicher Mittel aus ihrer Zeit als Ministerin ermittelt.

Angela Merkel und Wolfgang Schäuble

Bundeskanzlerin Merkel hatte mit Beginn der dramatischen Finanzkrise in Griechenland auf die Bremse gedrückt. Die eiserne Devise von Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble: Keine Leistung ohne Gegenleistung, europäische Solidarität gegen griechische Anstrengung. In Athen wurde Merkel dann bei einem Besuch mit Plakaten begrüßt, auf denen sie mit Hitler-Bart zu sehen war. Nach dem Regierungswechsel in Athen ist Berlin für Kompromisse offen: Ein verlängertes Hilfsprogramm oder nochmalige Krediterleichterungen. Ein weiterer Schuldenschnitt wird aber abgelehnt.

Die Brisanz der Lage wird auch daran deutlich, dass die britische Regierung bereits auf höchster Ebene die Folgen eines Euro-Austritts durchspielt und an den Börsen die Angst vor einem chaotischen Euro-Austritt, dem sogenannten Grexit, unaufhörlich wächst.

Die Tsipras-Regierung warnte schon, eine Destabilisierung des Landes hätte schwere Folgen für ganz Europa. Führende Ökonomen sehen das jedoch anders – und prophezeien vielmehr den Hellenen eine düstere Zukunft bis hin zur Staatspleite, wenn im Verhandlungspoker nicht rasch eine Lösung gefunden wird.

„Die Politik in Griechenland und Europa muss dringend eine Einigung finden und wieder Vertrauen schaffen“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). „Der gegenwärtige Konflikt ist der sichere Weg in die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands, und damit zu hohen Verlusten auch für den deutschen Steuerzahler.“

Kommentare (45)

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Herr Rene Weiß

10.02.2015, 15:44 Uhr

Keinen einzigen € aus Dtl. darf es mehr geben. Wenn hier nachgegeben wird, wird Dtl. auf immer und ewig ganz Europa finanzieren müssen. Raus aus dem Theater mit Griechenland. Anstatt Dtl.s Steuerbürger zu Griechenlands Arbeitssklaven zu machen, sollte er Reformen nicht nur ankündigen, sondern umsetzen. Nix passiert dort. Kein weiteres Geld. Soll er seinen Wählern erklären, dass Geld erarbeitet werden muss und nicht vom europäischen Himmel fällt.

Herr Thomas Albers

10.02.2015, 15:51 Uhr

"ewig ganz Europa finanzieren müssen"

Im Ernst: Kann es denn realistisch sein, dass Deutschland so etwas tun würde, bzw. überhaupt materiell dazu in der Lage wäre? Dass andere auf unsere Kosten leben könnten ohne etwas zu tun, ist Stammtisch-Blödsinn.

Frau V. Preisser

10.02.2015, 15:58 Uhr

Ich wünsche mir von unserer Regierung, dass sie nicht ständig vergisst, dass sie von deutschen und nicht von europäischen Wählern gewählt wurde! Sollte hier nachgegeben werden (Fristverlängerungen, Ewigkeitsanleihen, weitere Zinssenkungen, Verzicht auf Reformen und deren Kontrollen), so werde ich 2017 eine Partei wählen, die den Austritt Deutschlands aus dem Euroraum unterstützt! Und keine Sorge, Frau Merkel: Nur weil die nächsten Wahlen noch eine Weile dauern: Eine weitere Nachgiebigkeit Ihrerseits würden Ihre Wähler nicht vergessen!

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