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31.01.2016

11:02 Uhr

Legenden über Muslime

Der Hass und der Selbsthass des Westens

VonMichael Wolffsohn

Die Mitschuld des Westens an den Problemen der muslimischen Welt ist Stoff etlicher Legenden. Doch nur ein nüchterner Blick auf die Tatsachen schützt wirklich vor neuen Gewalt-Exzessen. Ein Gastbeitrag.

Hat der Westen die Gewalt in der Muslimischen Welt mit heraufbeschworen? dpa

Der Dschihad und die Mitschuld des Westens

Hat der Westen die Gewalt in der Muslimischen Welt mit heraufbeschworen?

DüsseldorfDie meisten Köpfe sind falsch programmiert, wenn über „Muslime und der Westen“ diskutiert wird. Klischees und Legenden überwiegen auf beiden Seite. Die wirksamste lautet: Die Probleme der Muslimischen Welt wären die Folge westlicher Ausbeutung und Unterdrückung. Auch das ist oft zu hören: Wenn islamisches Blut fließe, lasse das „den“ Westen kalt. Wie mordsgefährlich solche Legenden sind, beweist das Beispiel Bosnien. Es steht für viele andere.

Die meisten Dschihadisten Europas kommen aus Bosnien. Scharenweise kämpfen sie in Syrien und im Irak. Weshalb? Weil die meisten dieser „(Un)Heiligen Krieger“ durch jene Legenden manipuliert wurden. Wie so oft, sind Tatsachen gegen die Legenden fast wirkungslos.

Während des Bosnienkrieges der Jahre 1992 bis 1995 floss tatsächlich viel Blut, vornehmlich muslimisches Blut. Serbien und bosnische Serben massakrierten die Muslime in Bosnien-Herzegowina regelrecht. Sarajewo, die Hauptstadt, wurde fast täglich bombardiert, aber auch andere vorwiegend muslimische Städte.

Die Internationale Gemeinschaft, die zwar international, doch selten Gemeinschaft ist, auch „der“ Westen schauten zu. Sie weinten – und taten nichts. Kampfentschlossene und –erfahrene Verstärkung bekamen die bosnischen Muslime von einigen Afghanistan-Veteranen, die seit dem Rückzug der Sowjetunion, sprich: der Roten Armee im Jahre 1989 arbeitslos waren. Auch der Iran schickte „Freiwillige“, war jedoch mit dem eigenen Wiederaufbau nach dem Ersten Golfkrieg gegen den Irak (1980-1988) weitgehend mit sich selbst beschäftigt.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Die UNO errichtete „Schutzzonen“ für die Zivilisten, die durch ihre „Friedenstruppe“ gesichert wurden. Diese Schutzzonen waren so „sicher“, dass Serben 1995 das Massen-Massaker von Srebrenica veranstalteten. Vorher hatte die UNO-Schutz-und Friedenstruppe den Mördern das Feld überlassen.

Nun griff der Westen ein. Er griff Serbien an, allen voran die USA und Westeuropa. Nur so wurde das muslimische Bosnien gerettet. Das Friedensabkommen von Dayton fixierte die Bedingungen eines wackeligen Friedens. Wackelig, aber jedenfalls kein Krieg, kein muslimisches Blutvergießen mehr. Dem Westen sei Dank.

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