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24.01.2007

15:06 Uhr

Libanon

Zelten und putschen in Beirut

VonPierre Heumann

Zunächst wollten die radikal-islamische Hisbollah und ihre Verbündeten nur das Kabinett des libanesischen Premierministers Fouad Siniora zum Rücktritt zwingen. Das ist Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah nun aber nicht mehr genug. Unterdessen droht das Land erneut in Chaos zu versinken. Eine Handelsblatt-Reportage.

Eine libanessiche Flagge in einer völlig zerstörten Straße Beiruts. Foto: dpa dpa

Eine libanessiche Flagge in einer völlig zerstörten Straße Beiruts. Foto: dpa

BEIRUT. „Halt!“ ruft ein schwarz gekleideter junger Mann mit lichtem Bärtchen.

Gründlich studiert der Hisbollah-Mann den Presseausweis, bevor er uns durchwinkt. Seine Organisation hat die Lage hier fest im Griff. Im Herzen des Regierungsviertels in Beiruts Hauptstadt führt sich die Hisbollah längst auf wie der Souverän.

Seit den Angriffen Israels im vergangenen Sommer kommt der Libanon nicht mehr zur Ruhe. Seit Anfang Dezember halten Demonstranten das Zentrum von Beirut besetzt. Zunächst wollten die radikal-islamische Hisbollah und ihre Verbündeten nur das Kabinett von Premierminister Fouad Siniora zum Rücktritt zwingen. Das ist Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah nun nicht mehr genug.

„Einige Vertreter der Regierung verfolgen Tag und Nacht das Ziel, einen Bürgerkrieg im Libanon anzuzetteln“, wetterte Nasrallah Anfang der Woche und behauptete: „Wir werden uns nicht an einem Bürgerkrieg beteiligen.“ Doch es ist die Hisbollah, die mit einem Generalstreik nun bürgerkriegsähnliche Zustände im Libanon schafft. Die internationale Geberkonferenz für den Libanon am Donnerstag in Paris, die die libanesische Wirtschaft mit Milliardenhilfen stützen will, blickt auf ein Land, das im Chaos unterzugehen droht.

Mit dem Generalstreik legte die Hisbollah große Teile des öffentlichen Lebens im Libanon lahm – und demonstrierte so ihre Schlagkraft. Islamisten-Chef Nasrallah ließ die wichtigsten Zufahrtsstraßen nach Beirut blockieren. Brennende Autoreifen sorgten für schwarze Rauchwolken über der Stadt. Auch die Fernstraße nach Syrien riegelten die Oppositionellen ab. Vermummte Anhänger der Hisbollah patrouillierten mit Funkgeräten durch die Straßen der Hauptstadt.

Bei schweren Ausschreitungen sollen drei Menschen getötet und mehr als 130 verletzt worden sein. Geschäfte und Schulen blieben geschlossen. Fluggesellschaften – unter ihnen auch die Lufthansa – stellten ihre Flüge nach Beirut ein.

Nach den Gewaltausbrüchen beschlossen die Oppositionellen nun ein vorläufiges Ende des Generalstreiks und der Straßenblockaden.

Ziel der Hisbollah ist es, Premierminister Fouad Siniora weiter in die Enge zu treiben. Seit Wochen belagern ihre Demonstranten den Grand Serail, den prunkvollen Palast aus der ottomanischen Zeit, in dem sich Siniora und sein Kabinett verschanzt haben. Hinter der Ausweiskontrolle wird die Macht der Radikal-Islamisten rasch deutlich: Eine Zeltstadt haben sie errichtet, in der mindestens 3 000 Menschen Nacht für Nacht ausharren. Tagsüber diskutieren sie oder lassen vor ihren Behausungen Wasserpfeifen kreisen.

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