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17.08.2014

15:49 Uhr

Liberale Ideen zurückgedrängt

Wie der Große Krieg die Wirtschaft veränderte

VonThorsten Giersch

Der Erste Weltkrieg hat einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaft ausgelöst, der bis heute wirkt: Wo vor 1914 liberales Denken herrschte, übernahm der Staat wesentliche Aufgaben. Der Westen verliert seitdem an Boden.

Munitionstransport: Die Umstellung von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft war in Europa nicht leicht.

Munitionstransport: Die Umstellung von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft war in Europa nicht leicht.

DüsseldorfNoch nie waren Güter und Kapital so beweglich. Der internationale Handel boomt. Der Staat sorgt für den richtigen Rahmen, mischt sich ansonsten aber nur geringfügig in die Wirtschaftspolitik ein. Das Wachstum ist hoch, und ein Ende scheint nicht in Sicht. Nein, das ist keine Beschreibung der Gegenwart, sondern der Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges.  

„Was für ein außerordentliches Zwischenspiel in dem wirtschaftlichen Fortschritt der Menschen war doch das Zeitalter, das im August 1914 endete.“ Die Worte von John Maynard Keynes deuten an, welche Folgen der Krieg für die Weltwirtschaft hatte, die sich zuvor in einer absoluten Hochphase befand. Bis 1914 wurde dieser Fortschritt fast ausnahmslos positiv gesehen. Technische Neuerungen, so dachten die allermeisten, würden allen zugutekommen und das Leben angenehmer machen. Das Potenzial schien um die Jahrtausendwende grenzenlos. Schmerzhaft mussten die Menschen lernen, dass der Fortschritt seine Schattenseiten hat und neuen Erfindungen, wenn auch nicht mit Furcht, so doch mit Vorsicht begegnet werden muss.

Für uns heute ist die Abwägung zwischen Chancen und Gefahren ganz selbstverständlich, das zeigen die intensiven Debatten um Drohnen, Digitalisierung und Datenschutz. Wir wissen: Nicht alles, was machbar und praktisch ist, sollte auch zum Einsatz kommen. Die Folgen sind häufig unabsehbar. Kein anderes Ereignis führte uns dies klarer ins Bewusstsein als die Atombombe auf Hiroshima. Ermöglicht wurde diese erst durch die Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn, der nie gewollt hatte, dass es so weit kommt.

Allzu selbstbewusst sind manchmal die Technikgläubigen, und darin blind für die Ängste und Sorgen der Menschen. Beispiel Google: Der Internetgigant sammelt Abermilliarden von Daten; was genau damit passiert, bleibt größtenteils im Unklaren. In seinem Buch „Die Vernetzung der Welt“ beschreibt Eric Schmidt, Verwaltungschef des Unternehmens, eine Utopie, in der Staaten der Vergangenheit angehören und nur die Technik eine Lösung für die Probleme der Welt sein kann. Ein Horrorszenario?

Fakten zum Ersten Weltkrieg

Wer war der "Rote Baron"?

Wegen der roten Farbe seiner Flugzeuge wurde Manfred von Richthofen, der legendäre Kampfflieger des kaiserlichen Deutschland, so genannt. Nach 80 Luftsiegen wurde er im April 1918 über Frankreich abgeschossen.

Welche Rolle spielten Panzer?

Der britische Marineminister Winston Churchill hatte sich schon früh für gepanzerte Kampfwagen starkgemacht. In Nordfrankreich versetzten hunderte britische "Tanks" ab 1916 die Deutschen in Angst und Schrecken, waren aber noch nicht kriegsentscheidend. Deutschland produzierte bis Kriegsende nur etwa 20 frontreife Panzer.

Warum gilt der Krieg als Weltkrieg?

Europa war der Hauptkriegsschauplatz. Aber die geografische Dimension des Krieges umfasste Regionen und Länder aller Kontinente. Nebenschauplätze waren die deutschen Kolonien in Afrika, Asien und im Pazifik, der Nahe Osten, der Kaukasus und die Weltmeere.

Wie viele Länder waren beteiligt?

Direkt und indirekt etwa 40, einschließlich der britischen Empire-Gebiete. Trotz Kriegerklärungen schickten vor allem einige mittelamerikanische Staaten keine Truppen. Andere Länder wie Spanien, die Schweiz und Argentinien blieben neutral.

Welches Land überfiel Deutschland zuerst?

Das neutrale Luxemburg wurde am 2. August 1914 von deutschen Truppen besetzt. Die junge Großherzogin Maria-Adelheid galt als deutschfreundlich, was sie nach Kriegsende den Thron kostete.

Welche Gebiete musste Deutschland 1918 abtreten?

Sämtliche Kolonien sowie etwa 13 Prozent des vorherigen Gebiets mussten abgetreten werden. Dazu zählten Elsass-Lothringen (an Frankreich), Westpreußen, die Provinz Posen und Teile Schlesiens (an Polen), die Kreise Eupen und Malmedy (an Belgien) sowie das Saargebiet, Danzig und das Memelland (unter Verwaltung des Völkerbunds).

Welches Land hatte besonders hohe Menschenverluste?

Serbien, dem Österreich-Ungarn eine Mitschuld an der Ermordung seines Kronprinzen gab, verlor - gemessen an seiner Bevölkerung - mehr Menschen als jedes andere Land. 1,1 Millionen Tote machten 24 Prozent der damaligen Bewohner aus.

Leben noch Teilnehmer des Ersten Weltkrieges?

Nein. Der letzte Veteran, der Brite Claude Stanley Choules, starb mit 110 Jahren im Mai 2011 in einem Pflegeheim in Australien. Bereits im Januar 2008 war bei Köln der letzte deutsche Kriegsteilnehmer gestorben. Der pensionierte Richter Erich Kästner wurde 107 Jahre.

Warum wurden Schützengräben angelegt?

Als der deutsche Vormarsch stagnierte, schaufelten die Soldaten beider Seiten an der 750 Kilometer langen Westfront ein gestaffeltes Graben- und Tunnelsystem. Damit sollte zunächst die Front gehalten werden, um später wieder in die Offensive gehen zu können. Die bis zu zehn Meter tiefen Unterstände boten allerdings keinen sicheren Schutz vor Artilleriefeuer.

Wo wurde erstmals Giftgas eingesetzt?

Bei der belgischen Stadt Ypern, am 22. April 1915 von deutschen Truppen gegen französische Stellungen. Mindestens 1200 alliierte Soldaten kamen durch das Luftwege und Lungen verätzende Chlorgas um.

Was verband den Kaiser und Lenin?

Die ideologischen Todfeinde wollten den Krieg im Osten beenden. In einer Geheimaktion schleuste Deutschland den russischen Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin im April 1917 aus dem Schweizer Exil nach Petrograd (heute St. Petersburg). Nach der bolschewistischen Revolution schloss er im März 1918 Frieden mit Deutschland.

Wer kannte "keine Parteien mehr"?

Kaiser Wilhelm II. beschwor am 4. August 1914 im Reichstag den Zusammenhalt der Nation. "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche." Auch weite Teile der SPD stimmten dem Burgfrieden zu, weil sie das Vaterland bedroht sahen.

Die „Büchse der Pandora“, von der der Historiker Jörn Leonhard in seinem gleichnamigen Buch spricht, wurde 1914 geöffnet – und seitdem nie dauerhaft geschlossen. Immer greifen wir nach dem Deckel, sei es um Kriege zu führen oder um Wirtschaftsgeheimnisse zu stehlen.

Kommentare (1)

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Herr Ewald Grothe

19.08.2014, 10:38 Uhr

Das wichtige Thema "Erster Weltkrieg und Wirtschaft" wird in der kommenden Ausgabe des "Jahrbuchs zur Liberalismus-Forschung" (Nomos-Verlag, ISSN: 0937-3624), das vom Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit herausgegeben wird und in diesem Herbst erscheint, von der Karlsruher Wirtschaftshistorikerin Prof. Heike Knortz behandelt werden.

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