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06.04.2016

04:35 Uhr

Libyen

Islamistische Schattenregierung tritt ab

Seit Gaddafis Sturz versinkt Libyen in einem Bürgerkrieg mit vielen Akteuren. Auf eine von der Uno vermittelte Übergangsregierung reagierte die islamistische Schattenregierung mit Gewalt. Nun gab es eine Überraschung.

Der Ministerpräsident der libyschen Einheitsregierung, Fajis al-Sarradsch, bei seiner Ankunft in Tripolis. Zunächst leisteten Islamisten erbitterten Widerstand. dpa

Fayez Serraj

Der Ministerpräsident der libyschen Einheitsregierung, Fajis al-Sarradsch, bei seiner Ankunft in Tripolis. Zunächst leisteten Islamisten erbitterten Widerstand.

TripolisDie von Islamisten dominierte Schattenregierung in der libyschen Hauptstadt Tripolis hat nach eigener Darstellung zugunsten der von den UN vermittelten Übergangsregierung aufgegeben. In einer am Dienstagabend verbreiteten Erklärung begründeten die Islamisten ihre überraschende Entscheidung damit, dass sie weiteres Blutvergießen und eine Spaltung des Landes vermeiden wollten.

Eine von den Vereinten Nationen vermittelte Einheitsregierung war erst vor wenigen Tagen in Tripolis eingetroffen, um die Amtsgeschäfte trotz Widerstands der Islamisten zu übernehmen.

Neue Regierung soll den Bürgerkrieg in Libyen beenden

Mit der neuen Regierung unter Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch soll der Bürgerkrieg beendet werden, der das Land seit 2011 erfasst hat. Libyen war nach dem Aufstand gegen den langjährigen Präsidenten Muammar al-Gaddafi im Chaos versunken.

Nach dessen Sturz und Tötung bildeten sich zwei rivalisierende Regierungen, die islamistisch dominierte in Tripolis, und eine international anerkannte in Tobruk im Osten des Landes. Teile beider Kabinette stimmten nach monatelanger UN-Vermittlung der neuen Einheitsregierung zu. Andere lehnen sie allerdings ab. Auch zahlreiche örtliche Milizen üben Widerstand.

Schusswechsel im Stadtzentrum: Kämpfe nach Eintreffen von Libyens Einheitsregierung in Tripolis

Schusswechsel im Stadtzentrum

Kämpfe nach Eintreffen von Libyens Einheitsregierung in Tripolis

Kurz nach dem Eintreffen der von der UN vermittelten Einheitsregierung in Libyens Hauptstadt, sind in Tripolis Kämpfe ausgebrochen. Ein Anhänger wurde getötet, ein Fernsehsender dicht gemacht.

Der Westen sieht die neue Einheitsführung indes als beste Chance auf ein Ende des Konflikts in Libyen. Als deren Vorsitzende traf al-Sarradsch vergangene Woche an Bord eines aus Tunesien kommenden Schiffes in Tripolis ein, wo er mit Mitgliedern des sogenannten Präsidialrats in einem Marinestützpunkt einen vorübergehenden Regierungssitz einrichtete.

Doch drohten die rivalisierenden Gruppen den Neuankömmlingen. Die islamistische Regierung hatte al-Sarradsch zudem die Landung auf dem Flughafen verwehrt, weshalb er per Schiff kam. Al-Sarradsch kündigte bei seinem Eintreffen an, Aussöhnung und die Rückkehr von Vertriebenen anzustreben. Seine Regierung werde einen Plan vorlegen und zur Zusammenführung der Bemühungen im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aufrufen.

Hoffnung auf geschlossenes Vorgehen gegen den IS

Zahlreiche bewaffnete Gruppen bekämpfen sich in Libyen. Der IS konnte sich durch das Machtvakuum in dem nordafrikanischen Land festsetzen.

Milizen in Libyen: Machtkampf unter Revolutionären

Sechs Millionen Libyer bewaffnet

Libyen steht drei Jahre nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi am Rande eines Bürgerkriegs. Wegen eskalierender Kämpfe verfeindeter Milizen verlassen immer mehr Ausländer das Land, auch einige Botschaften schließen. Die Lage ist hochgefährlich: Denn nach Einschätzung der International Crisis Group sind 125 000 der sechs Millionen Libyer bewaffnet.

Libysche Armee

Sie gehört zu den wichtigsten bewaffneten Gruppen in Libyen: Die offiziellen Streitkräfte mit etwa 35 000 Soldaten sind angesichts der bewaffneten Übermacht an Milizen nicht sehr effektiv. Viele dürften inzwischen aber auch auf der Seite von Kampfbrigaden stehen. Denn in der Vergangenheit hat die Armee stets auf die Hilfe von Milizen gesetzt. Viele Soldaten, die unter Gaddafi dienten, sind nicht mehr in den regulären Truppen aktiv.

Al-Saika

Die Eliteeinheit besteht aus bis zu 5000 paramilitärischen Kämpfern. Sie untersteht eigentlich dem Verteidigungsministerium, kämpft aber gemeinsam mit dem abtrünnigen Generalmajor Chalifa Haftar bei der Militärkampagne „Operation Würde“ ohne Befehl aus Tripolis im Osten des Landes gegen islamistische Gruppierungen. Das neu gegründete Militärbündnis aus abtrünnigen Soldaten nennt sich „Nationale Armee“.

Misrata-Brigaden

Der mächtigen Organisation gehören mehr als 230 Milizen mit 40 000 Kämpfern an. In der Stadt Misrata wurde einst der tote Machthaber Muammar al-Gaddafi in einem Kühlhaus zur Schau gestellt, bevor er in der Wüste begraben wurde. Milizen der Stadt sehen sich als Schutzmacht gegen Kräfte des alten Regimes. Sie sind derzeit in die heftigen Kämpfe am internationalen Flughafen Tripolis verwickelt.

Libyens Schutzschild

Der Miliz gehören bewaffnete Brigaden im Osten, Westen, Zentrum und Süden Libyens an – hier gibt es große Überschneidungen mit den Misrata-Brigaden. Die Gruppe wurde 2012 gegründet, um ehemalige Revolutionsgruppen einzubinden, die gegen Gaddafi gekämpft hatten. Die Brigaden mit 6000 bis 12 000 Mitgliedern stehen der islamistischen Muslimbruderschaft nahe; ihre Milizen arbeiteten zeitweise mit dem Verteidigungsministerium in Tripolis zusammen.

Operationszentrum der Revolutionäre in Libyen

Die zwischen 200 und 350 Mann starke Kampfbrigade wurde Anfang 2013 ursprünglich zum Schutz der Hauptstadt Tripolis gegründet und unterstand dem Parlamentspräsidenten. Doch dann beteiligten sich bewaffnete Mitglieder der Gruppierung an der Entführung des Ministerpräsidenten Ali Seidan. Das Operationszentrum wurde daraufhin dem Verteidigungsministerium unterstellt. Auch diese Gruppierung ist an den aktuellen Kämpfen in der Hauptstadt beteiligt.

Revolutionsbrigaden aus Al-Sintan

Mächtige Stammesmilizen kommen aus der Stadt Al-Sintan. Dort haben die Al-Kakaa-Brigade mit 18 000 Kämpfern und Al-Sawaig mit rund 2000 Kämpfern ihre Stützpunkte. International bekannt ist Al-Sintan, weil dort Gaddafis Sohn Saif al-Islam gefangen gehalten wird. Misrata und Al-Sintan rivalisieren um die Macht in Libyen. Milizen beider Städte führen derzeit eine Art Stellvertreterkrieg um den internationalen Flughafen in Tripolis.

Wächter der Erdöl-Einrichtungen

Die Brigade wurde einst vom Verteidigungsministerium bezahlt. Allerdings machten sich die Kämpfer unter Ibrahim Dschadhran selbstständig. Sie blockieren wichtige Ölverladehäfen und fordern die Autonomie Ostlibyens. Die Separatisten sollen mindestens 17 000 Kämpfer unter ihrem Kommando haben.

Ansar al-Sharia

Schätzungen über die Zahl der Mitglieder reichen von wenigen Hundert bis zu 5000. Die Salafisten der radikalsten islamischen Gruppe wollen einen Gottesstaat errichten. Die USA haben sie auf die Terrorliste gesetzt. Sie sollen an dem Angriff auf das US-Konsulat beteiligt gewesen sein, bei dem im September 2012 der Botschafter starb. Ansar al-Scharia kämpft im östlichen Bengasi gegen Truppen und Verbündete von Generalmajor Chalifa Haftar.

Märtyrer des 17. Februar

Die Islamistenmiliz aus Bengasi soll bis zu 3500 Kämpfer umfassen. Sie steht auf der Gehaltsliste des Verteidigungsministeriums.

Der Westen hofft, dass die von libysche Übergangsregierung das Land einen und die zersplitterten Gruppen auf ein geschlossenes Vorgehen gegen den aggressiven Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat einschwören kann. Der örtliche IS-Arm hat die am Mittelmeer gelegene Hafenstadt Sirte eingenommen. Vor Ort arbeiten Spezialeinheiten der US-Armee mit libyschen Kräften zusammen, US-Kampfjets haben Luftangriffe ausgeführt.

Libyschen Beamten zufolge sind inzwischen auch kleine Kommandos aus Frankreich, Großbritannien und Italien im Land, um Milizen im Kampf gegen den IS in der östlichen Stadt Bengasi zu unterstützen. Diese Länder haben ihre Präsenz in Libyen nicht bestätigt.

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