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17.04.2015

13:28 Uhr

Libyen

Italienische Marine sichert gekapertes Fischerboot

In Libyen herrscht seit Jahren politisches Chaos. Nun wird vor der Küste ein italienisches Schiff mit sieben Shrimps-Fischern an Bord entführt. Wer steckt dahinter?

In dem nordafrikanischen Land herrscht politisches Chaos. Die Staatsgewalt ist kollabiert, Milizen haben das Sagen. dapd

Checkpoint bei Misrata

In dem nordafrikanischen Land herrscht politisches Chaos. Die Staatsgewalt ist kollabiert, Milizen haben das Sagen.

MailandDie italienische Marine hat ein am Freitag von Piraten gekapertes Fischerboot vor der libyschen Küste unter ihre Kontrolle gebracht. Einsatzkräfte, die zur Rettung von Flüchtlingen in dem Gebiet waren, hätten auf Berichte über den Gewaltakt reagiert, teilte das italienische Militär mit.

Das italienische Boot mit sieben Besatzungsmitgliedern war am frühen Morgen von bewaffneten Männern besetzt worden. Sie wollten es nach Misrata im Osten von Libyen bringen, hatte eine Fischereigenossenschaft auf Sizilien mitgeteilt. Wer hinter dem Gewaltakt steckt, war zunächst unklar.

Den Überfall auf das Fischerboot meldeten Kollegen eines anderen Boots am frühen Freitagmorgen den italienischen Hafenbehörden in Mazara del Vallo, wie der Sprecher der Genossenschaft COSVAP, Francesco Mezzapelle, sagte. Der Präsident der Genossenschaft habe Kontakt sowohl mit den libyschen Behörden als auch mit dem italienischen Außenministerium.

Milizen in Libyen: Machtkampf unter Revolutionären

Sechs Millionen Libyer bewaffnet

Libyen steht drei Jahre nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi am Rande eines Bürgerkriegs. Wegen eskalierender Kämpfe verfeindeter Milizen verlassen immer mehr Ausländer das Land, auch einige Botschaften schließen. Die Lage ist hochgefährlich: Denn nach Einschätzung der International Crisis Group sind 125 000 der sechs Millionen Libyer bewaffnet.

Libysche Armee

Sie gehört zu den wichtigsten bewaffneten Gruppen in Libyen: Die offiziellen Streitkräfte mit etwa 35 000 Soldaten sind angesichts der bewaffneten Übermacht an Milizen nicht sehr effektiv. Viele dürften inzwischen aber auch auf der Seite von Kampfbrigaden stehen. Denn in der Vergangenheit hat die Armee stets auf die Hilfe von Milizen gesetzt. Viele Soldaten, die unter Gaddafi dienten, sind nicht mehr in den regulären Truppen aktiv.

Al-Saika

Die Eliteeinheit besteht aus bis zu 5000 paramilitärischen Kämpfern. Sie untersteht eigentlich dem Verteidigungsministerium, kämpft aber gemeinsam mit dem abtrünnigen Generalmajor Chalifa Haftar bei der Militärkampagne „Operation Würde“ ohne Befehl aus Tripolis im Osten des Landes gegen islamistische Gruppierungen. Das neu gegründete Militärbündnis aus abtrünnigen Soldaten nennt sich „Nationale Armee“.

Misrata-Brigaden

Der mächtigen Organisation gehören mehr als 230 Milizen mit 40 000 Kämpfern an. In der Stadt Misrata wurde einst der tote Machthaber Muammar al-Gaddafi in einem Kühlhaus zur Schau gestellt, bevor er in der Wüste begraben wurde. Milizen der Stadt sehen sich als Schutzmacht gegen Kräfte des alten Regimes. Sie sind derzeit in die heftigen Kämpfe am internationalen Flughafen Tripolis verwickelt.

Libyens Schutzschild

Der Miliz gehören bewaffnete Brigaden im Osten, Westen, Zentrum und Süden Libyens an – hier gibt es große Überschneidungen mit den Misrata-Brigaden. Die Gruppe wurde 2012 gegründet, um ehemalige Revolutionsgruppen einzubinden, die gegen Gaddafi gekämpft hatten. Die Brigaden mit 6000 bis 12 000 Mitgliedern stehen der islamistischen Muslimbruderschaft nahe; ihre Milizen arbeiteten zeitweise mit dem Verteidigungsministerium in Tripolis zusammen.

Operationszentrum der Revolutionäre in Libyen

Die zwischen 200 und 350 Mann starke Kampfbrigade wurde Anfang 2013 ursprünglich zum Schutz der Hauptstadt Tripolis gegründet und unterstand dem Parlamentspräsidenten. Doch dann beteiligten sich bewaffnete Mitglieder der Gruppierung an der Entführung des Ministerpräsidenten Ali Seidan. Das Operationszentrum wurde daraufhin dem Verteidigungsministerium unterstellt. Auch diese Gruppierung ist an den aktuellen Kämpfen in der Hauptstadt beteiligt.

Revolutionsbrigaden aus Al-Sintan

Mächtige Stammesmilizen kommen aus der Stadt Al-Sintan. Dort haben die Al-Kakaa-Brigade mit 18 000 Kämpfern und Al-Sawaig mit rund 2000 Kämpfern ihre Stützpunkte. International bekannt ist Al-Sintan, weil dort Gaddafis Sohn Saif al-Islam gefangen gehalten wird. Misrata und Al-Sintan rivalisieren um die Macht in Libyen. Milizen beider Städte führen derzeit eine Art Stellvertreterkrieg um den internationalen Flughafen in Tripolis.

Wächter der Erdöl-Einrichtungen

Die Brigade wurde einst vom Verteidigungsministerium bezahlt. Allerdings machten sich die Kämpfer unter Ibrahim Dschadhran selbstständig. Sie blockieren wichtige Ölverladehäfen und fordern die Autonomie Ostlibyens. Die Separatisten sollen mindestens 17 000 Kämpfer unter ihrem Kommando haben.

Ansar al-Sharia

Schätzungen über die Zahl der Mitglieder reichen von wenigen Hundert bis zu 5000. Die Salafisten der radikalsten islamischen Gruppe wollen einen Gottesstaat errichten. Die USA haben sie auf die Terrorliste gesetzt. Sie sollen an dem Angriff auf das US-Konsulat beteiligt gewesen sein, bei dem im September 2012 der Botschafter starb. Ansar al-Scharia kämpft im östlichen Bengasi gegen Truppen und Verbündete von Generalmajor Chalifa Haftar.

Märtyrer des 17. Februar

Die Islamistenmiliz aus Bengasi soll bis zu 3500 Kämpfer umfassen. Sie steht auf der Gehaltsliste des Verteidigungsministeriums.

Drei der Besatzungsmitglieder sind Sizilianer, vier weitere Tunesier, wie es hieß. Sie wollten Garnelen fangen. Es war zunächst offen, ob Schüsse bei dem Gewaltakt fielen. Auch gab es keine Informationen, ob jemand verletzt wurde.

Mezzapelle sagte, es habe seit 2005 schon etwa ein Dutzend ähnlicher Übergriffe gegeben. Libyen behaupte, seine Gewässer reichten bis 70 Meilen vor die Küste, was international nicht anerkannt wird. Ein italienisches Boot werde seit 2012 in der ostlibyschen Stadt Bengasi festgehalten. Die Crew sei damals allerdings bereits nach einem Monat freigelassen worden.

In Libyen herrscht seit Jahren politisches Chaos. Das nordafrikanische Land hat inzwischen zwei Regierungen und ist faktisch geteilt zwischen West und Ost. Der Westen und damit auch Misrata ist unter Kontrolle der von islamistischen Milizen gestützten Regierung in Tripolis. Das im Juli 2014 gewählte Parlament und die international anerkannte Regierung sitzen inzwischen im Osten des Landes.

Von

ap

Kommentare (2)

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Herr Joly Joker

17.04.2015, 12:45 Uhr

Ist das verwunderlich? Kaum ist irgendwo nicht mehr die Staatsgewalt präsent, kommen die internationale Fischflotten und plündern die Hoheitsgewässer des geschwächten Staates. Die heimischen Fische fischen dann nicht mehr, weil es nichts mehr gibt... bis auf Öltanker, Containerschiffe oder eben Raubfischer. Das kennen wir doch - gelle! Das Horn von Afrika läß grüßen.

Herr Peter Spiegel

17.04.2015, 13:02 Uhr

Insbesondere die Fischerboote der EU geben sich Mühe, die afrikanische Küste von Meeresbewohnern zu reinigen.

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