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18.02.2015

15:28 Uhr

Libyen-Konflikt

Italien will vermitteln und Soldaten ausbilden

In Libyen konkurrieren zwei Regierungen, die von verfeindeten Milizen unterstützt werden. Politiker befürchten, dass sie Allianzen mit IS-Kämpfern schmieden. Italien appelliert an die internationale Gemeinschaft.

Italien hat nicht zuletzt wegen der Flüchtlinge großes Interesse an Stabilität in Libyen. ap

Italiens Außenminister Paolo Gentiloni

Italien hat nicht zuletzt wegen der Flüchtlinge großes Interesse an Stabilität in Libyen.

RomItalien will in dem immer gefährlicher werdenden Konflikt in Libyen eine Waffenruhe vermitteln. Die internationale Gemeinschaft müsse rasch handeln, um zu verhindern, dass Libyen vollends im Chaos versinke und seine Nachbarländer mitreiße, sagte Außenminister Paolo Gentiloni am Mittwoch in Rom vor dem Parlament.

Italien sei bereit, bei der Vermittlung einer Waffenruhe zu helfen und die reguläre Armee im Rahmen eines Mandates der Vereinten Nationen (UN) auszubilden. In New York sollte später der UN-Sicherheitsrat über die Lage in Libyen beraten. Ägypten hat ein internationales Bündnis mit UN-Mandat verlangt, um die radikalislamische IS-Miliz in seinem Nachbarland zu bekämpfen.

Es bestehe die große Gefahr, dass die konkurrierenden Milizen in Libyen Allianzen mit der IS-Miliz schmiedeten, sagte Außenminister Gentiloni. „Die sich verschlechternde Situation im Land zwingt die internationale Gemeinschaft, rasch zu handeln, bevor es zu spät ist.“ In Libyen konkurrieren zwei Regierungen, die von verfeindeten Milizen unterstützt werden. Die eine herrscht von der Hauptstadt Tripolis aus, die vom Westen unterstützte Regierung ist nach Tobruk im Nordosten geflohen. Die ägyptische Luftwaffe hatte am Montag Angriffe auf IS-Stellungen im Libyen geflogen, nachdem der IS 21 ägyptische Christen hingerichtet hatte.

Milizen in Libyen: Machtkampf unter Revolutionären

Sechs Millionen Libyer bewaffnet

Libyen steht drei Jahre nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi am Rande eines Bürgerkriegs. Wegen eskalierender Kämpfe verfeindeter Milizen verlassen immer mehr Ausländer das Land, auch einige Botschaften schließen. Die Lage ist hochgefährlich: Denn nach Einschätzung der International Crisis Group sind 125 000 der sechs Millionen Libyer bewaffnet.

Libysche Armee

Sie gehört zu den wichtigsten bewaffneten Gruppen in Libyen: Die offiziellen Streitkräfte mit etwa 35 000 Soldaten sind angesichts der bewaffneten Übermacht an Milizen nicht sehr effektiv. Viele dürften inzwischen aber auch auf der Seite von Kampfbrigaden stehen. Denn in der Vergangenheit hat die Armee stets auf die Hilfe von Milizen gesetzt. Viele Soldaten, die unter Gaddafi dienten, sind nicht mehr in den regulären Truppen aktiv.

Al-Saika

Die Eliteeinheit besteht aus bis zu 5000 paramilitärischen Kämpfern. Sie untersteht eigentlich dem Verteidigungsministerium, kämpft aber gemeinsam mit dem abtrünnigen Generalmajor Chalifa Haftar bei der Militärkampagne „Operation Würde“ ohne Befehl aus Tripolis im Osten des Landes gegen islamistische Gruppierungen. Das neu gegründete Militärbündnis aus abtrünnigen Soldaten nennt sich „Nationale Armee“.

Misrata-Brigaden

Der mächtigen Organisation gehören mehr als 230 Milizen mit 40 000 Kämpfern an. In der Stadt Misrata wurde einst der tote Machthaber Muammar al-Gaddafi in einem Kühlhaus zur Schau gestellt, bevor er in der Wüste begraben wurde. Milizen der Stadt sehen sich als Schutzmacht gegen Kräfte des alten Regimes. Sie sind derzeit in die heftigen Kämpfe am internationalen Flughafen Tripolis verwickelt.

Libyens Schutzschild

Der Miliz gehören bewaffnete Brigaden im Osten, Westen, Zentrum und Süden Libyens an – hier gibt es große Überschneidungen mit den Misrata-Brigaden. Die Gruppe wurde 2012 gegründet, um ehemalige Revolutionsgruppen einzubinden, die gegen Gaddafi gekämpft hatten. Die Brigaden mit 6000 bis 12 000 Mitgliedern stehen der islamistischen Muslimbruderschaft nahe; ihre Milizen arbeiteten zeitweise mit dem Verteidigungsministerium in Tripolis zusammen.

Operationszentrum der Revolutionäre in Libyen

Die zwischen 200 und 350 Mann starke Kampfbrigade wurde Anfang 2013 ursprünglich zum Schutz der Hauptstadt Tripolis gegründet und unterstand dem Parlamentspräsidenten. Doch dann beteiligten sich bewaffnete Mitglieder der Gruppierung an der Entführung des Ministerpräsidenten Ali Seidan. Das Operationszentrum wurde daraufhin dem Verteidigungsministerium unterstellt. Auch diese Gruppierung ist an den aktuellen Kämpfen in der Hauptstadt beteiligt.

Revolutionsbrigaden aus Al-Sintan

Mächtige Stammesmilizen kommen aus der Stadt Al-Sintan. Dort haben die Al-Kakaa-Brigade mit 18 000 Kämpfern und Al-Sawaig mit rund 2000 Kämpfern ihre Stützpunkte. International bekannt ist Al-Sintan, weil dort Gaddafis Sohn Saif al-Islam gefangen gehalten wird. Misrata und Al-Sintan rivalisieren um die Macht in Libyen. Milizen beider Städte führen derzeit eine Art Stellvertreterkrieg um den internationalen Flughafen in Tripolis.

Wächter der Erdöl-Einrichtungen

Die Brigade wurde einst vom Verteidigungsministerium bezahlt. Allerdings machten sich die Kämpfer unter Ibrahim Dschadhran selbstständig. Sie blockieren wichtige Ölverladehäfen und fordern die Autonomie Ostlibyens. Die Separatisten sollen mindestens 17 000 Kämpfer unter ihrem Kommando haben.

Ansar al-Sharia

Schätzungen über die Zahl der Mitglieder reichen von wenigen Hundert bis zu 5000. Die Salafisten der radikalsten islamischen Gruppe wollen einen Gottesstaat errichten. Die USA haben sie auf die Terrorliste gesetzt. Sie sollen an dem Angriff auf das US-Konsulat beteiligt gewesen sein, bei dem im September 2012 der Botschafter starb. Ansar al-Scharia kämpft im östlichen Bengasi gegen Truppen und Verbündete von Generalmajor Chalifa Haftar.

Märtyrer des 17. Februar

Die Islamistenmiliz aus Bengasi soll bis zu 3500 Kämpfer umfassen. Sie steht auf der Gehaltsliste des Verteidigungsministeriums.

Italien hat nicht zuletzt wegen der Flüchtlinge großes Interesse an Stabilität in Libyen. Italiens südliche Inseln liegen nur rund 300 Kilometer von der libyschen Küste entfernt. Hunderttausende Menschen sind bereits mit Hilfe von Schleuserbanden von dort übers Mittelmeer geflohen und illegal nach Italien eingereist.

Von

rtr

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