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24.10.2011

14:54 Uhr

Libyen nach Gaddafi

Islamismus auf dem Vormarsch

Gaddafi ist tot, das alte Regime besiegt. Doch was kommt jetzt - die Scharia? Die starken religiösen Untertöne der Rede des Übergangsratsvorsitzenden Abdul Dschalil verschrecken den Westen.

Ein libysches Mädchen mit Kopftuch begrüßt die heimkehrende Rebellenkämpfer aus Sirte. dapd

Ein libysches Mädchen mit Kopftuch begrüßt die heimkehrende Rebellenkämpfer aus Sirte.

Tripolis/IstanbulDie Rede von Mustafa Abdul Dschalil in Bengasi sollte den Beginn der Post-Gaddafi-Ära einläuten. Doch anstatt über Wahlen, Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit zu sprechen, kündigte der Vorsitzende des Übergangsrates den Aufbau islamischer Banken an und ein neues Gesetz, das die bislang geltenden Einschränkungen für die islamische Vielehe aufhebt. „Jedes Gesetz, das den Prinzipien des islamischen Rechts zuwiderläuft, ist ungültig“, postulierte Abdul Dschalil.

Bei einigen westlichen Diplomaten kam seine Rede deshalb nicht gut an. Sie befürchten nun, dass Libyen dem Beispiel Saudi-Arabiens folgen könnte, das seine Bürger zwingt, nach den Prinzipien einer puritanisch-konservativen Auslegung des Islam zu leben. Auch einige Libyer sind nicht begeistert. Sie werfen Abdul Dschalil vor, er treffe eigenmächtig Entscheidungen, die in einer Demokratie nur von gewählten Volksvertretern getroffen werden dürften. Außerdem wurde von einigen Jung-Revolutionären kritisiert, dass er die Siegesfeier in der einstigen Rebellenhochburg Bengasi abhielt und nicht in der Hauptstadt Tripolis.

„Er hat nicht das Recht, über diese Fragen jetzt zu entscheiden, denn wir befinden uns noch in einer Übergangsphase und Abdul Dschalil ist schließlich nicht gewählt worden“, sagt Inas al-Ders. Die junge Frau aus Bengasi, die in den Revolutionsmonaten im Medienbüro des Übergangsrates gearbeitet hatte, hält auch nichts von der Vielehe.

Al-Ders, die sich selbst als liberal bezeichnet, findet, lediglich in Ausnahmefällen - beispielsweise wenn eine Frau keine Kinder bekommen kann - sollte es einem Mann erlaubt sein, eine zweite Frau zu heiraten. Auch in der Gaddafi-Ära durften Libyer bereits nach islamischem Recht bis zu vier Ehefrauen gleichzeitig haben. Allerdings musste der Ehemann vor einer weiteren Heirat dafür die Erlaubnis seiner ersten Ehefrau einholen, die von dieser oft nicht gewährt wurde. Diese Bedingung soll jetzt wegfallen.

Die Libyer sind ein frommes Volk. Der Islam bestimmt viele Aspekte ihres Alltags - von der Eheschließung bis zum Fasten im Monat Ramadan. Anders als im Nachbarland Tunesien war Alkohol in Libyen auch unter Gaddafi schon verboten. Wer trinken wollte, musste ins Ausland reisen oder sich den Alkohol auf dem Schwarzmarkt beschaffen, ähnlich wie in Saudi-Arabien. Das Tragen des Kopftuches war zwar, anders als in Saudi-Arabien oder im Iran, nicht Pflicht. Allerdings trägt die Mehrheit der libyschen Frauen ohnehin Kopftuch, aus Frömmigkeit oder um sich der Mehrheit anzupassen.

„Abdul Dschalil hat in seiner Rede Dinge ausgesprochen, die viele junge Libyer hören wollten“, glaubt der Geschäftsmann Mohammed al-Ghannai aus der Stadt Sintan, der in den Monaten des Aufstandes gegen Gaddafi Mitglied der Militärführung der Rebellen wurde. „Abdul Dschalil ist nicht radikal, er ist nur konservativ“, fügt er hinzu.

Der Vorsitzende des Übergangsrates, der sein Amt voraussichtlich behalten wird, bis im kommenden Jahr ein Präsident gewählt wird, war unter Gaddafi Richter und Justizminister. Das bedeutet, dass er mit Bedacht formuliert, wenn er sagt, „dass wir das islamische Recht als Hauptquelle der Gesetzgebung genommen haben“. Denn in Saudi-Arabien formuliert man anders. Dort heißt es: „Das islamische Recht ist die einzige Quelle der Gesetzgebung.“

Von

dpa

Kommentare (7)

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F.Franz

24.10.2011, 15:14 Uhr

Demnächst kommt dann noch der unglaublich blöde, aber beliebte Satz: das konnte man ja nicht ahnen.

zarakthuul

24.10.2011, 15:20 Uhr

Wer hätte das gedacht? Wurde hier wieder der Schah gegen den Ajatolla getauscht? Mit bombiger Unterstützung der NATO!

kurzda

24.10.2011, 15:32 Uhr

Überrascht, nicht wirklich. Nur die Propagandaschreiberlinge vieleicht, die den Rebellen immer einen Heiligenschein verpasst haben.

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