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01.05.2011

14:56 Uhr

Libyen

Nato-Luftschlag tötet Gaddafis jüngsten Sohn

Ein Luftschlag der Nato traf offenbar ein Haus der Familie von Machthaber Muammar al-Gaddafi. Ein Sohn und drei Enkelkinder des Diktators sind nach libyschen Regierungsangaben tot. Gaddafi selbst entkam den Bomben.

Bombenschaden: Reste des Hauses, in dem sich die Familie des lybischen Diktators Muammar al-Gaddaf aufhielt. Quelle: Reuters

Bombenschaden: Reste des Hauses, in dem sich die Familie des lybischen Diktators Muammar al-Gaddaf aufhielt.

Nach einem Luftangriff der Nato hat Unklarheit über den vermeintlichen Tod von Familienmitgliedern des libyschen Machthabers Muammar Gaddafi geherrscht. Sein jüngster Sohn Saif al-Arab sowie drei Enkelkinder Gaddafis seien bei den Anschlägen in der Hauptstadt Tripolis ums Leben gekommen, teilte Regierungssprecher Mussa Ibrahim am Sonntag mit.

Die britische Regierung konnte diese Berichte nach eigenen Angaben jedoch nicht bestätigen. „Ich fürchte, wir wissen nicht, ob es stimmt oder nicht“, sagte Alistair Burt, Staatminister im britischen Außenamt. Die Nato wies die Vorwürfe der libyschen Regierung zurück, Gaddafi und seine Familie ins Visier genommen zu haben.  „Dies war ein direkter Anschlag, um den Führer dieses Landes zu ermorden“, warf der libysche Regierungssprecher Ibrahim der Nato vor.

Gaddafi selbst und seine Frau seien jedoch unverletzt. Saif al-Arab ist einer der weniger bekannten Söhne Gaddafis. Laut Ibrahim studierte er in Deutschland. Nun müsse es jedem klar sein, dass das, was in Libyen passiert, nichts mehr mit dem Schutz von Zivilisten tun habe, fügte Ibrahim hinzu. Libysche Beamte brachten Journalisten zu einem eingestürzten Haus, in dem die Familienmitglieder bei dem Raketeneinschlag getötet worden sein sollen und dem sich auch Gaddafi selbst zu jedem Zeitpunkt aufgehalten haben soll.    

 „Alle Nato-Angriffe sind militärischer Natur. Wir nehmen keine Einzelpersonen ins Visier“, teilte der Nato-Befehlshaber für den Libyen-Einsatz, der kanadische General Charles Bouchard, am Sonntag mit. Der Tod des Machthabers sei nicht das erklärte Ziel der Nato. Bei den Luftangriffen sei ein Kommandozentrum getroffen worden. Bouchard räumte jedoch ein, er sei sich der unbestätigten Medienberichte über den Tod einiger Familienmitglieder Gaddafis bewusst. „Wir bedauern jeden Verlust an Menschenleben“, sagte er.

Der Gaddafi-Clan

Muammar al-Gaddaf

Libyens Machthaber hat mehrere seiner Kinder in Schlüsselpositionen seines Landes untergebracht. Sein jüngster Sohn Saif al-Arab al-Gaddafi wurde in der Nacht zum Sonntag bei einem Luftschlag der Nato auf Tripolis getötet. Mitte März soll bereits sein Bruder Chamies Opfer eines Kamikaze-Piloten geworden und in einem Krankenhaus in Tripolis gestorben sein. Gaddafi ist seit 1970 in zweiter Ehe mit der Krankenschwester Safija Farkash verheiratet. Mit ihr hat er sieben Kinder.

Mohammed Al-Gaddafi

Der Informatiker wurde 1970 geboren und leitet das staatliche Post- und Fernmeldeunternehmen. Zudem besitzt er zwei libysche Mobilfunk-Anbieter. Er ist das einzige Kind von Gaddafi und der vermögenden Offizierstochter und Lehrerin Fatiha. Die Ehe wurde 1969 nach einem halben Jahr geschieden. Mohammed Al-Gaddafi führt zudem das Nationale Olympische Komitee.

Saif Al-Islam Al-Gaddafi

Sein Vorname wird mit „Schwert des Islams“ übersetzt. Nach einem Studium der Architektur und Wirtschaftswissenschaften in Tripolis, Wien und London gründete er 1999 die formal unabhängige Gaddafi-Stiftung für Entwicklung. Ihm gehören mehrere Wirtschaftsunternehmen. Nach Kritik am Führungsstil seines Vaters hatte er 2006 vorübergehend das Land verlassen. Seitdem gilt er im westlichen Ausland als möglicher reformorientierter Nachfolger des Diktators. Saif wurde 1972 geboren.

Al-Saadi Al-Gaddafi

Er besuchte die libysche Militärakademie und hat - wie sein Vater - den Rang eines Obersten. Nachdem er als Kommandant einer Eliteeinheit Islamisten in Libyen bekämpft hatte, ging er 2003 als Fußballprofi nach Italien. Er stand dort bei mehreren Erstligamannschaften unter Vertrag, kam aber kaum zum Einsatz, bevor er sich nach Doping-Vorwürfen verabschieden musste. Heute ist Al-Saadi (geboren 1973) Präsident des libyschen Fußballverbandes.

Mutassim Billah Al-Gaddafi

Mutassim (geboren 1975) absolvierte eine militärische Ausbildung in Libyen und Ägypten. Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater floh er vorübergehend nach Ägypten. Später durfte er zurückkehren und befehligt nun die einflussreiche Präsidentengarde. In den vergangenen Jahren wurde Mutassim Billah wiederholt vom Vater mit wichtigen politischen und diplomatischen Aufgaben betraut.

Aischa Al Gaddafi

Die Juristin (geboren 1976) ist die einzige Tochter des Herrschers. Sie studierte in Tripolis und Paris. Aischa gehörte zu der Gruppe von Rechtsanwälten, die den gestürzten und später hingerichteten irakischen Diktator Saddam Hussein verteidigte. Sie ist seit 2006 mit einem Cousin ihres Vaters verheiratet und leitet heute eine libysche Wohltätigkeitsorganisation.

Hannibal Al-Gaddafi

Der Absolvent der Militärakademie in Libyen (geboren 1977) geriet durch seinen luxuriösen Lebensstil und Gewalttaten in die Schlagzeilen. 2005 soll er eine Freundin in einem Pariser Hotel niedergeschlagen haben. 2007 verhaftete ihn die Schweizer Justiz, weil er in Genf Hausangestellte misshandelt haben soll.

Saif-Al-Arab Al Gaddafi

Über diesen Sohn ist wenig bekannt. Nach Angaben eines libyschen Regierungssprecher war er bei seinem Tod in der Nacht zum 1. Mai 2011 etwa 29 Jahre alt. Er soll in München studiert haben, wo Saif-al-Arab mehrfach der Polizei auffiel, unter anderem wegen seines besonders lauten Ferraris und wegen Schlägereien in Nobel-Diskotheken.

Chamies Al-Gaddafi

Der nach Medienberichten nun getötete Sohn (geboren 1980) ist ebenfalls weitgehend unbekannt. Nach einer militärischen Ausbildung in Russland soll er zuletzt eine wichtige Funktion im libyschen Sicherheitsapparat bekleidet haben.

Milad Aubustaia Al-Gaddafi

Muammars Neffe wurde von dem Herrscher adoptiert. Während eines US-Bombenangriffs auf Tripolis 1986 soll er nach libyscher Legende das Leben des Machthabers gerettet haben. Die 15 Monate alte Adoptivtochter Hana wurde bei dem Bombardement getötet.

Derweil zerstörte ein Nato-Luftangriff im Osten des Landes 45 Fahrzeuge der Gaddafi-Truppen, wie ein Rebellen-Sprecher am Sonntag mitteilte. In den Städten Dschalu und Aulidscha, südlich der Frontlinie in der Nähe von Adschdabija, hätten die Regierungstruppen am frühen Samstagmorgen das Feuer eröffnet und dabei mindestens fünf Zivilisten getötet. Als sie Dschalu wieder verließen, sei der Konvoi von den Raketen getroffen worden.   

Sollten die Tode der Gaddafi-Familienmitglieder bestätigt werden, könnte sich der Druck auf die Nato erhöhen. Kritiker monieren, die Allianz überschreite das UN-Mandat und wolle Gaddafi töten. Nach den jüngsten Medienberichten regten sich kritische Stimmen aus Russland: „Mehr und mehr Informationen deuten darauf hin, das die anti-libysche Koalition die leibhaftige Vernichtung Gaddafis zum Ziel hat“, sagte der außenpolitische Sprecher des Unterhauses im russischen Parlament, Konstantin Kosachew.

Der venezolanische Präsident Hugo Chavez, ein langjähriger Verbündeter Gaddafis, nannte den jüngsten Angriff einen Mordversuch.  Der jüngste Luftangriff war der zweite innerhalb von 24 Stunden, der in Gaddafis Nähe einschlug. Bereits am Samstag trafen Nato-Kampfflugzeuge drei Ziele in der Nähe eines Fernsehsender-Gebäudes, während Gaddafi eine Fernsehansprache hielt. Darin bot er einen Waffenstillstand und Verhandlungen mit der Nato an, lehnte einen Rücktritt aber weiter ab. Die Rebellen und die Nato lehnten den Vorstoß umgehend als unzureichend ab.

Kommentare (7)

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heinrich

01.05.2011, 13:22 Uhr

Ich hatte bisher geglaubt, daß die NATO ein Verteidigungspakt sei. Offensichtlich ist der Verein zu einer Terror-Vereinigung mutiert.

Es passt wohl in diese Zeiten, daß die NATO sich von Politikern mißbrauchen läßt.

Morchel

01.05.2011, 13:57 Uhr

Manche Heinrichs schreiben so wie sie es verstehen, doch verstehen sie nichts. Das Volk ist den egal je ehr der vor ein Gericht gestellt wird um so schneller zieht Friede ein. Bombt ihn weg.

Daniel

01.05.2011, 14:58 Uhr

Ganz Ihrer Meinung.

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