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19.02.2016

19:12 Uhr

Libyen

Über 40 Tote bei US-Luftschlag in Libyen

Die USA haben mit Luftschlägen ihren Angriff auf die Terrormiliz IS in Libyen begonnen. In dem Land herrscht seit dem Sturz des Diktators Muammar al-Gaddadfi Chaos, die Terroristen waren zuletzt immer weiter erstarkt.

Rebellen feiern den Sturz Muammar al-Gaddafis 2011. Seitdem ist das Land im Chaos versunken. dpa

USA beginnen Luftkrieg in Libyen

Rebellen feiern den Sturz Muammar al-Gaddafis 2011. Seitdem ist das Land im Chaos versunken.

Berlin/Tripolis/WashingtonIm Kampf gegen die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) haben die USA am Freitag die westlibysche Stadt Sabratha bombardiert und dabei etwa 40 Menschen getötet. Der Angriff habe einem IS- Ausbildungslager sowie einem ranghohen tunesischen Extremisten gegolten, der in Anschläge in Tunesien 2015 verwickelt gewesen sei, erklärte das US-Verteidigungsministerium. Man gehe davon aus, dass die Zerstörung des Lagers und die Ausschaltung des Extremisten unmittelbar die IS-Aktivitäten in Libyen schwächen werde. Dies gelte etwa für die Rekrutierung neuer Kämpfer und die Planung für Anschläge in der Region.

US-Flugzeuge bombardierten nach Angaben des Bürgermeister der Stadt Sabratha, Hussein al-Thwadi, gegen 3.30 Uhr Ortszeit ein Gebäude im Stadtteil Kasr Talil, in dem Arbeiter aus dem Ausland wohnten. 41 Menschen seien dabei ums Leben gekommen, sechs weitere verletzt worden. Unter den Toten seien einige Tunesier, ein Jordanier und zwei Frauen. In dem beschossenen Gebäude seien Waffen gefunden worden.

Das Haus war den Behörden zufolge unter anderem an Tunesier vermietet, die verdächtigt würden, Verbindungen zum IS gehabt zu haben. Sabratha liegt nahe der Grenze zu Tunesien und gilt im Westen auch als Gebiet, in dem der IS präsent ist. Tunesische Sicherheitskräfte gehen davon aus, dass IS-Kämpfer aus ihrem Land in Lagern bei Sabratha ausgebildet worden seien. Der am Freitag getötete Extremist soll hinter den Attentaten auf ein Museum und an einem Strand in Tunesien gesteckt haben.

Mit den Luftangriff haben die USA ihre lang geplante Militärintervention in Libyen begonnen. US-Präsident Barack Obama hatte seine Sicherheitsberater schon vor einiger Zeit angewiesen, den Kampf gegen den Terror in Libyen zu verstärken. Seit dem Sturz des langjährigen Diktators Muammar al-Gaddafi 2011 herrscht in dem nordafrikanischen Land politisches Chaos, es gibt zwei Regierungen und zwei Parlamente, die jeweils von eigenen Milizen unterstützt werden.

Das Machtvakuum nutzt der IS aus und gewinnt an Einfluss. Die Zahl der IS-Kämpfer in Libyen soll zuletzt von 2000 auf 5000 gewachsen sein. Der zerfallende Staat gilt neben Syrien und dem Irak als wichtigstes Gebiet der Terrormiliz.

Obama hatte ein Eingreifen am Mittwoch schon angedeutet. „Mit Blick auf Libyen - ich habe von Anfang an gesagt, dass wir den IS bekämpfen, wo er auch auftaucht, genauso wie wir Al-Kaida bekämpft haben, wo sie auftauchten“, sagte er am Rande seines Treffens mit Asean-Staaten in Kalifornien. „Wir werden weiter handeln, wenn wir eine klare Operation und ein klares Ziel vor Augen haben.“

Gleichzeitig stimmten sich die USA mit ihren Partnern ab und arbeiteten mit den Vereinten Nationen daran, eine Einheitsregierung für Libyen zustande zu bekommen, fügte Obama hinzu.

Das US-Militär beobachtet die Bewegungen der IS-Dschihadisten in Libyen aufmerksam. In den vergangenen Monaten sollen kleine Teams der amerikanischen Streitkräfte im Land gewesen sein, ebenso wie britische, französische und italienische Spezialkräfte. Sie sammelten dort nach Angaben libyscher Militärs Informationen und kartographierten mehrere Regionen und Städte, darunter Bengasi und Sintan.

Milizen in Libyen: Machtkampf unter Revolutionären

Sechs Millionen Libyer bewaffnet

Libyen steht drei Jahre nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi am Rande eines Bürgerkriegs. Wegen eskalierender Kämpfe verfeindeter Milizen verlassen immer mehr Ausländer das Land, auch einige Botschaften schließen. Die Lage ist hochgefährlich: Denn nach Einschätzung der International Crisis Group sind 125 000 der sechs Millionen Libyer bewaffnet.

Libysche Armee

Sie gehört zu den wichtigsten bewaffneten Gruppen in Libyen: Die offiziellen Streitkräfte mit etwa 35 000 Soldaten sind angesichts der bewaffneten Übermacht an Milizen nicht sehr effektiv. Viele dürften inzwischen aber auch auf der Seite von Kampfbrigaden stehen. Denn in der Vergangenheit hat die Armee stets auf die Hilfe von Milizen gesetzt. Viele Soldaten, die unter Gaddafi dienten, sind nicht mehr in den regulären Truppen aktiv.

Al-Saika

Die Eliteeinheit besteht aus bis zu 5000 paramilitärischen Kämpfern. Sie untersteht eigentlich dem Verteidigungsministerium, kämpft aber gemeinsam mit dem abtrünnigen Generalmajor Chalifa Haftar bei der Militärkampagne „Operation Würde“ ohne Befehl aus Tripolis im Osten des Landes gegen islamistische Gruppierungen. Das neu gegründete Militärbündnis aus abtrünnigen Soldaten nennt sich „Nationale Armee“.

Misrata-Brigaden

Der mächtigen Organisation gehören mehr als 230 Milizen mit 40 000 Kämpfern an. In der Stadt Misrata wurde einst der tote Machthaber Muammar al-Gaddafi in einem Kühlhaus zur Schau gestellt, bevor er in der Wüste begraben wurde. Milizen der Stadt sehen sich als Schutzmacht gegen Kräfte des alten Regimes. Sie sind derzeit in die heftigen Kämpfe am internationalen Flughafen Tripolis verwickelt.

Libyens Schutzschild

Der Miliz gehören bewaffnete Brigaden im Osten, Westen, Zentrum und Süden Libyens an – hier gibt es große Überschneidungen mit den Misrata-Brigaden. Die Gruppe wurde 2012 gegründet, um ehemalige Revolutionsgruppen einzubinden, die gegen Gaddafi gekämpft hatten. Die Brigaden mit 6000 bis 12 000 Mitgliedern stehen der islamistischen Muslimbruderschaft nahe; ihre Milizen arbeiteten zeitweise mit dem Verteidigungsministerium in Tripolis zusammen.

Operationszentrum der Revolutionäre in Libyen

Die zwischen 200 und 350 Mann starke Kampfbrigade wurde Anfang 2013 ursprünglich zum Schutz der Hauptstadt Tripolis gegründet und unterstand dem Parlamentspräsidenten. Doch dann beteiligten sich bewaffnete Mitglieder der Gruppierung an der Entführung des Ministerpräsidenten Ali Seidan. Das Operationszentrum wurde daraufhin dem Verteidigungsministerium unterstellt. Auch diese Gruppierung ist an den aktuellen Kämpfen in der Hauptstadt beteiligt.

Revolutionsbrigaden aus Al-Sintan

Mächtige Stammesmilizen kommen aus der Stadt Al-Sintan. Dort haben die Al-Kakaa-Brigade mit 18 000 Kämpfern und Al-Sawaig mit rund 2000 Kämpfern ihre Stützpunkte. International bekannt ist Al-Sintan, weil dort Gaddafis Sohn Saif al-Islam gefangen gehalten wird. Misrata und Al-Sintan rivalisieren um die Macht in Libyen. Milizen beider Städte führen derzeit eine Art Stellvertreterkrieg um den internationalen Flughafen in Tripolis.

Wächter der Erdöl-Einrichtungen

Die Brigade wurde einst vom Verteidigungsministerium bezahlt. Allerdings machten sich die Kämpfer unter Ibrahim Dschadhran selbstständig. Sie blockieren wichtige Ölverladehäfen und fordern die Autonomie Ostlibyens. Die Separatisten sollen mindestens 17 000 Kämpfer unter ihrem Kommando haben.

Ansar al-Sharia

Schätzungen über die Zahl der Mitglieder reichen von wenigen Hundert bis zu 5000. Die Salafisten der radikalsten islamischen Gruppe wollen einen Gottesstaat errichten. Die USA haben sie auf die Terrorliste gesetzt. Sie sollen an dem Angriff auf das US-Konsulat beteiligt gewesen sein, bei dem im September 2012 der Botschafter starb. Ansar al-Scharia kämpft im östlichen Bengasi gegen Truppen und Verbündete von Generalmajor Chalifa Haftar.

Märtyrer des 17. Februar

Die Islamistenmiliz aus Bengasi soll bis zu 3500 Kämpfer umfassen. Sie steht auf der Gehaltsliste des Verteidigungsministeriums.

Vor wenigen Tagen hatten US-Vertreter erklärt, in einigen Wochen könnten US-Spezialkräfte nach Libyen entsandt werden. Vorher müssten aber weitere Gespräche mit den europäischen Verbündeten geführt werden. Die vor Ort gesammelten Informationen könnten dazu dienen, Ziele für Angriffe genauer zu bestimmen.

Die Bündnispartner befürchten, dass die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Ölregionen wie Adschdabija südlich von Bengasi erobert und sein Machtgebiet nach Süden hin über die Landesgrenze ausdehnt. Nach Informationen französischer und britischer Medien bereiten die USA, Frankreich und Großbritannien bereits seit Monaten den Luftkrieg in Libyen gegen den dortigen IS-Ableger vor.

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