Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.06.2012

07:43 Uhr

Literatur

David Graeber - der anarchistische Professor

VonFrank Wiebe

Er ist Wissenschaftler und Aktivist - und erobert mit zwei Bücher derzeit den deutschen Markt. Doch allem Triumph zum Trotz - die beiden Werke von David Graeber, „Schulden“ und „Inside Occupy“, bieten nicht viel Neues.

David Graeber gibt in seinem Buch einen Einblick in das Innenleben der Occupy-Bewegung. AFP

David Graeber gibt in seinem Buch einen Einblick in das Innenleben der Occupy-Bewegung.

KölnSieht so ein bekennender Anarchist aus? Jeans, Pullover, etwas wuschelige Haare, schmale Augen mit einer unergründlichen Farbe zwischen Braun und Grau, immer bereit zu lachen, und eine helle Stimme: David Graeber hat sich, obwohl mehr als 50 Jahre alt, seinen jungenhaften Charme erhalten, und wer sich mit ihm unterhält, spürt sofort, dass ihm da ein Mann mit sehr schnell und präzise arbeitendem Kopf gegenüber sitzt. Der Vordenker der weltweit aktiven Occupy-Bewegung wirkt ganz so wie das, was er im Hauptberuf auch ist: ein progressiver, bei Studenten beliebter Professor in einem faszinierenden, aber exotischen Fach: der Anthropologie; früher lehrte er in Yale, heute in London.

Die Feuilletons der Republik können sich gar nicht sattschreiben über den sympathischen Amerikaner, der vor kurzem seine deutschen Gesinnungsfreunde bei ihrer Aktion „Bloccuppy Frankfurt“ besuchte. Und sein Buch „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ schaffte es auf Anhieb auf die Bestsellerliste des „Spiegels“. Manche Leser werden sich vielleicht wundern, dass der Anthropologe ihnen darin vor allem sehr detailreiche und scharfsinnige Ausführungen zur wirtschaftlichen Lage in Mesopotamien, in der klassischen Antike und im frühen Mittelalter liefert, dagegen aber nur wenig Denkanstöße zur heutigen Situation.

„Inside Occupy“ von David Graeber ist im Campus Verlag erschienen. Pressefoto

„Inside Occupy“ von David Graeber ist im Campus Verlag erschienen.

Wer es aktueller mag, kann auf „Inside Occupy“ zurückgreifen, ein nach Graebers eigener Aussage in zwei Monaten zusammengeschriebenes Buch über das Innenleben der Protestbewegung. Der Verlag liefert dazu noch einen „Revolutions-Guide“, der zum Beispiel verrät, wie man auf einer anarchistischen Großveranstaltung auch ohne Mikrofon per Handzeichen seine Meinung äußern kann (geballte Faust heißt „Ablehnung“); das Heftchen zieht die Sache ungewollt ins Lächerliche.

Wer Graebers Bücher liest oder sich mit ihm unterhält, stellt sich unweigerlich immer wieder die Frage: Was will dieser Mann eigentlich? Die Antwort ist kompliziert, man kann sie nur in drei Teilen geben. Erstens: Graeber hat eine Theorie über die Wirtschaftsgeschichte - dazu gehört vor allem, dass es Schulden schon länger als Geld und sogar Tauschhandel gibt. Zweitens ist er fest überzeugt, dass der Kapitalismus nicht überleben wird - allein schon deswegen, weil er auf Wachstum angelegt ist und die Erde unbegrenztes Wachstum nicht aushält. Und drittens ist er ein pazifistischer Anarchist: Er glaubt tatsächlich, dass man die Gesellschaft ohne den Staat organisieren kann, wenn die Menschen nur gelernt haben, immer wieder in offenen Diskussionen einen Konsens zu finden.

Was ist davon zu halten? Nun, seine Theorie zur Geschichte der Schulden ist interessant, aber auch sehr speziell. Seine Untergangs-Prophezeiung ist alles andere als originell - von Karl Marx bis heute wurde der Kapitalismus immer wieder erfolglos totgesagt. Und seine lieblich-anarchistischen Vorstellungen sind so weit weg von jeder Realität, dass man sich fragt, warum er damit so viel Erfolg hat - dieselbe Frage kann man an die gesamte „Occupy“-Bewegung stellen, bei der ja auch noch niemand klare Ziele entdeckt hat.

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

OlafWippermann

07.06.2012, 09:25 Uhr

Sehr geehrter Herr Wiebe,

das ist schon reichlich niveauloser Journalismus. Offensichtlicher geht's kaum, wenn man jemand "runterschreiben" und ins Lächerliche ziehen will. Wie wäre es mal mit einer ernsthaften Auseindersetzung mit den Sachthemen?
Gruß
Olaf Wippermann
Steuerberater

Aristoteles

07.06.2012, 09:47 Uhr

Bin gar nicht Ihrer Meinung. Wiebe hat sich sogar noch zurückgehalten im Gegensatz etwa zur FAZ, Wirtschaftsteil. Deren Feuilleton-Chef, Frank Schirrmacher, dagegen fand das Buch ganz großartig, wie viele andere Feuilletonisten auch, worauf Wiebe suffisant hinweist. Interessant, dass diese Journaille-Spezies einen Anarchisten "hochschreibt", der den Kapitalismus am Ende sieht. Nur, was kommt dann ?

Account gelöscht!

07.06.2012, 09:58 Uhr

Dieser Mann hat kein politisches Konzept, genau wie "Occupy". Wer die Machtfrage nicht machtvoll mit dem nötigen Nachdruck so stellt, daß die (potentiellen und realen) Machtmißbraucher in permanente Existenzängste versetzt werden, bleibt ein wirkungsloser Schwätzer, der sich an den eigenen Utopien aufhält, wie dieser Graeber. Wer die Grundlagen politischen Denkens und Handelns weder gelernt, noch verstanden hat, fällt natürlich auf solche "Gutmenschen der besonderen Art" herein. Die "99%" verfügen über keine politische Denkfähigkeit, weder in den USA, noch in der BRD, sie ist ihnen bewußt bildungs- und erkenntnismäßig vorenthalten worden. Klopft man Graebers Schriften und Denkweis ab, so wird man nichts zu tatsächlich nötigen und unumgänglichen Grundlagen des gesellschaftlichen Seins finden: Zur Frage der Ausgestaltung von Rechten, Rechtsfindung, Verfaßtsein und rechtlichem Schutz des einzelnen vor anderen und der Mehrheit oder von Minderheiten der Beteiligten von den Exzessen einzelner oder Gruppen. Dies durch Diskussionen klären und aushandeln zu wollen in der Welt, wie sie heute ist, beschreibt die Hirnverbranntheit all derer, die solchen Phantasien nachhängen. Es genügt eben nicht die Lebensspanne einer Generation, um dauerhaft praktikabele Normen, Instrumente und die dazu nötigen interaktiven Strukturen für ein einigermaßen sicheres und sozial ertägliches Leben von Milliarden von Menschen neu auszuhandeln. Die Verwirrung bleibt und das ist von denen, die über "Occupy" manipulieren, auch so gewollt!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×