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16.01.2011

08:00 Uhr

Literatur

Die überstrapazierte politische Mitte

VonThomas Hanke

Was hat Merkel mit Exekutionen der Römerzeit gemein? Viel, wenn es nach Herfried Münkler geht. Dahinter stehe die Frage, wie sich die gesellschaftliche Mitte behaupte. Münkler eilt auf der Suche nach dem rechten Maß durch Politik, Philosophie und Geschichte – und verläuft sich dabei ein wenig.

Kanzlerin Merkel auf dem CDU-Parteitag in Karsruhe: Alle Parteien beanspruchen die Mitte für sich. DAPD

Kanzlerin Merkel auf dem CDU-Parteitag in Karsruhe: Alle Parteien beanspruchen die Mitte für sich.

BERLIN. Was haben Aristoteles, Gerd Schröder, die Bauweise europäischer Städte und die Exekutionen durch den römischen Feldherrn Sextus Tarquinius miteinander zu tun? Viel, wenn es nach Herfried Münkler geht, weil dahinter die Frage stehe, wie die gesellschaftliche Mitte sich definiere, konstruiere, abgrenze und behaupte – zur Not eben auch dadurch, dass sie ihre Gegner enthaupte. Münklers „Mitte und Maß – der Kampf um die richtige Ordnung“ ist ein Schweinsgalopp durch Philosophie, Sozialgeschichte und Politik Deutschlands, Europas und Nordamerikas.

Münkler betrachtet in rascher Aufeinanderfolge so völlig unterschiedliche Phänomene wie Leonardos Studie der menschlichen Proportionen, das Verhältnis von Stadt und Peripherie oder die deutschen Einkreisungsängste im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das wirkt manchmal ein wenig wie literarischer Bewusstseinsstrom. Seine assoziativen Verbindungen sind anregend: Man kann vieles so sehen. Ob man es auch so sehen muss und ob die unterstellten Verbindungen tatsächlich so eng sind, dass sie die These eines durch die Jahrhunderte wogenden Streits um Maß und Mitte als Streit um die richtige gesellschaftliche Ordnung tragen, ist allerdings fraglich – und auch, ob die Betrachtung von Politik und Gesellschaft durch das Visier der Mitte einen wirklich weiterbringt: War die Französische Revolution ein Kampf um die Mitte?

Unter dem von Münkler sehr weit gespannten historischen Bogen leidet die Genauigkeit der Betrachtung dessen, was heute die Mitte in Deutschland ausmacht, was nicht ganz unwichtig ist, da das Buch damit beginnt und auch endet. Man erwartet deshalb eigentlich etwas weiterführende Erkenntnisse über das, was wirtschaftlich, sozial und politisch unser Zentrum bestimmt. Doch diese Erwartung wird nur sehr bedingt erfüllt. Münklers weit ausholende historische Geste führt nicht zu größerer Tiefenschärfe bei der Beurteilung unserer aktuellen Mitte. Vielmehr bleibt diese Analyse kurzatmig: Wieder einmal lesen wir von den Absturzängsten der Mitte und den einander widersprechenden Wahrnehmungen der oberen Mittelschicht, die sich durch Steuern und Abgaben für die Finanzierung staatlicher Transfers überfordert fühlt, und der unteren, die den Abbau des Sozialstaates fürchtet.

Die interessante Frage, welches politische Projekt diese konfrontative Aufstellung überwinden könnte, wird weder gestellt noch gar beantwortet. Münkler endet arg abrupt mit der wenig originellen These, die Volksparteien hätten dauerhaft an Einfluss verloren und immer mehr Parteien machten sich in der Mitte breit. Ironischerweise zeigt gerade die ganz aktuelle Entwicklung, dass das Gegenteil eintreten könnte: So unwahrscheinlich ist es im Moment nicht, dass Linke und FDP sich selbst aus der Mitte und dem Parlament entfernen und wir eine neue Drei-Parteien-Konstellation erhalten.

Dennoch lohnt sich die Lektüre: Münkler bietet dem Leser genügend historischen und theoretischen Hintergrund, damit er selber eine Analyse der Gegenwart versucht, die im Buch zu kurz kommt.

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