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16.07.2014

14:49 Uhr

Literatur im Ersten Weltkrieg

„Nie wurde so viel geschrieben wie im August 1914“

Kälte, Schmerz und Todesangst, Gemeinschaftsgefühl und Heldentum: Autoren wie  Ernst Jünger oder Erich Maria Remarque haben versucht, den Ersten Weltkrieg auf Papier zu bannen. Doch wie fasst man Erlebnisse der Urkatastrophe des 20. Jahrhundert in Literatur?

Ein Archivfoto aus dem Jahre 1926: Literaturnobelpreisträger Thomas Mann (1875-1955). dpa

Ein Archivfoto aus dem Jahre 1926: Literaturnobelpreisträger Thomas Mann (1875-1955).

Konstanz Als Paul Bäumer im Fronturlaub nach Hause kommt, fehlen ihm schlicht die Worte. Der Soldat - Figur in Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ - ist mit knapp 20 Jahren traumatisiert, „verdorben“ vom Ersten Weltkrieg. „War es sehr schlimm draußen, Paul?“, fragt seine Mutter. Bäumers Reaktion: Hilflosigkeit, Befremdung, Trauer, Wut. „Mutter, was soll ich dir darauf antworten!“, denkt er. „Du wirst es nicht verstehen und nie begreifen. Du sollst es auch nie begreifen.“ Laut sagt er nur: „Nein, Mutter, nicht so sehr.“

Denn wie fasst man anhaltendes Trommelfeuer, Gasangriffe, Hunger, Kälte, Todesangst in Worte? Als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ wird der Erste Weltkrieg von Historikern bezeichnet. Ein Ereignis, das Politik, Gesellschaft und Kultur des beginnenden 20. Jahrhunderts fundamental geprägt und verändert hat. Im Vorfeld hätten viele Intellektuelle in Deutschland der erhofften „Zäsur“ positiv gegenüber gestanden, sagt der Literaturwissenschaftler Matthias Schöning, der sich seit Jahren mit der Beziehung zwischen Krieg und Literatur auseinandersetzt.

Bekannte Künstler und Schriftsteller

Zeitzeugen

Bekannte Künstler und Schriftsteller nahmen am Ersten Weltkrieg teil. Ein Überblick:

Max Beckmann

Er meldet sich freiwillig zum Sanitätsdienst. Im Sommer 1915 erleidet Beckmann aufgrund seiner Erlebnisse mit Kriegsopfern einen Nervenzusammenbruch.

Otto Dix

Der Kriegsfreiwillige war 1914 bis 1918 Soldat bei der Feldartillerie sowie als MG-Schütze in Frankreich und Russland. Als Unteroffizier meldet er sich gegen Kriegsende noch zu einer Fliegerausbildung. Das Grauen des Krieges wird zum Grundbestandteil seiner Bilder.

Alfred Döblin

Der Kriegsfreiwillige war 1914 bis 1918 Soldat bei der Feldartillerie sowie als MG-Schütze in Frankreich und Russland. Als Unteroffizier meldet er sich gegen Kriegsende noch zu einer Fliegerausbildung. Das Grauen des Krieges wird zum Grundbestandteil seiner Bilder.

Georg Grosz

Er versucht, seine Kriegserlebnisse mit düsteren Zeichnungen von mit Leichen übersäten Schlachtfeldern zu verarbeiten. Wegen einer Krankheit wird er 1915 als dienstuntauglich aus der Armee entlassen.

Ernst Ludwig Kirchner

Er wird im Oktober 1915 wegen einer Lungeninfektion und allgemeiner Schwäche krankgeschrieben. Kirchner erholt sich nie von seinen Kriegserlebnissen.

Oskar Koroschka

Der Kriegsfreiwillige beim 15. österreichisch- ungarischen Dragonerregiment wird 1915 an der ukrainischen Front durch Kopfschuss und Bajonettstich in die Brust schwer verwundet. 1916 wird er beim Einsatz an der Italien-Front erneut verletzt.

Wilhelm Lehmbrück

Der Bildhauer meldet sich freiwillig zum Dienst als Sanitätsgehilfe in einem Militärhospital. Gezeichnet von den Schrecken des Krieges, flieht er in die Schweiz. 1919 begeht er in Berlin Selbstmord.

August Macke

Er wird am 3. August 1914 zum Militärdienst eingezogen und fällt nur wenige Wochen später am 26. September in einem Gefecht in der französischen Champagne.

Max Pechstein

Der Maler wird vom Ausbruch des Krieges in der deutschen Kolonie Palau-Inseln im Pazifik überrascht und gerät in japanische Gefangenschaft. 1915 freigelassen, kehrt er nach Deutschland zurück. In Berlin findet er seine Wohnung besetzt und sein Atelier geräumt. Bis 1916 leistet Pechstein dann Militärdienst an der Westfront in Flandern.

Georg Trakl

Der Lyriker meldet sich im August 1914 als Freiwilliger Sanitäter und erlebt an der Ostfront den Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Russland. Als Sanitätsoffizier hat er zeitweise rund 100 Menschen allein zu versorgen und erleidet in der Folge einen Nervenzusammenbruch. Im Militärlazarett Krakaus stirbt Trakl am 3. November 1914 an einer Überdosis Kokain.

„Der Krieg wurde herbeigesehnt“, sagt der Dozent an der Universität Konstanz. „Als er ausbrach, sind die Intellektuellen Sinn stiftend tätig geworden.“ Der Krieg sollte die Kultur renovieren, „man versprach sich positive Impulse davon.“ Die literarische Begleitmasse dazu ist beeindruckend: Bis 1915 seien in anderthalb Jahren 235 Bände mit Kriegslyrik erschienen, anderthalb Millionen Kriegsgedichte und 800 Bände Kriegsliteratur, schrieb die Zeit.

In die Liste der Befürworter reiht sich auch der ausgemusterte Thomas Mann ein. Sein Aufsatz „Gedanken im Kriege“ zeige exemplarisch, wie die Stimmung in der meinungsführenden Gruppe der Intellektuellen gewesen sei, sagt Schöning. Wirklich erlebt hat den Grabenkrieg Ernst Jünger (1895-1998). Vierzehn Treffer zählt sein literarisiertes Ich in dem auf Tagebüchern basierenden Roman „In Stahlgewittern“: Fünf Gewehrgeschosse, zwei Granatsplitter, eine Schrapnellkugel, vier Handgranaten- und zwei Gewehrgeschoßsplitter.

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