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06.10.2011

13:45 Uhr

Lob für Trichets Krisenpolitik

„Nur die EZB kann den Euro retten“

VonDietmar Neuerer

ExklusivTrichets Amtszeit läuft aus: Finanzkrise, Rezession und Staatsschuldenkrisen haben den scheidenden EZB-Chef in Atem gehalten. Und zu Tabubrüchen gezwungen. Das habe aber die Politik zu verantworten, sagen Ökonomen.

Euro-Skulptur vor dem Frankfurter EZB-Gebäude. Reuters

Euro-Skulptur vor dem Frankfurter EZB-Gebäude.

DüsseldorfFührende Ökonomen in Deutschland haben das Euro-Krisenmanagement des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, gelobt und zugleich die Hoffnung geäußert, dass sein Nachfolger Mario Draghi diesen Kurs fortsetzt. „Der scheidende EZB-Präsident  hat das Richtige zur Rettung des Euro getan“, sagte der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, Handelsblatt Online. „Letztendlich kann nur die EZB die Währung retten.“

Solange die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone der Auffassung seien, kein Mitgliedsland der Währungsunion pleite gehen zu lassen, müsse die EZB zur Not dessen Anleihen auf dem Sekundärmarkt kaufen, sagte Horn weiter. Denn laut dem Maastrichter Vertrag sei die EZB verpflichtet, in Einklang mit den Grundsätzen der Wirtschaftspolitik zu handeln solange die Preisstabilität nicht gefährdet ist. „Dies war nicht der Fall; folglich hat der EZB-Präsident kein Tabu gebrochen, sondern sich schlicht pflichtgerecht verhalten“, betonte der IMK-Chef. Von seinem Nachfolger Draghi sei zu erwarten, dass er diese Politik fortsetzt.

Europas oberster Währungshüter Jean-Claude Trichet gibt sein Amt an der Spitze der Europäischen Zentralbank zum Monatsende turnusgemäß ab. Mitten in der Staatsschuldenkrise, die die Europäische Union in den Grundfesten erschüttert und Zweifeln an der Zukunft des Euro Nahrung gibt, leitet der 68-jährige „Monsieur Euro“ am heutigen Donnerstag seine letzte Ratssitzung.

Für den Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, wird Trichet als „wahrer Europäer“ an der Spitze der EZB in die Geschichtsbücher eingehen. „Allerdings haben europäisch gesinnte Geldpolitiker gegenwärtig einen schweren Stand in einem Europa, das eben politisch nicht geeint ist“, sagte Kater Handelsblatt Online. „Die europäischen Realitäten haben Trichet das Notenbankleben schwer gemacht, in dem er aber auch viele Erfolge verbuchen konnte, so um die Preisstabilität oder um die Bewältigung der Finanzkrise.“ Draghi werde einen „pragmatischen Krisenkurs“ steuern, ist sich Kater sicher. Er werde „die EZB dort ins Spiel bringen, wo sie Finanzstabilität erhalten muss, sie aber insgesamt so weit wie möglich von der Finanzpolitik fern halten“.

Die Instrumente der EZB

Veränderung des Leitzinses

Mit der Veränderung des Leitzinses reagiert die EZB in erster Linie auf die Inflation im Euro-Raum. Steigen die Preise deutlich, zieht die Notenbank die geldpolitischen Zügel in der Regel an. Höhere Zinsen verteuern aber auch Kredite. Daher können sie Gift sein für die lahmende Wirtschaft von Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Die EZB muss also die Inflation bekämpfen, ohne die Konjunktur in den 17 Mitgliedstaaten des Euro-Raums abzuwürgen. Die Zinspolitik ist normalerweise das herausragende Instrument der Notenbank. In Krisenzeiten greift sie aber auch zu unkonventionellen Maßnahmen.

Ankauf von Wertpapieren

Nach dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise 2010 hat die EZB die Notenpresse angeworfen, um im großen Stil Staatsanleihen von Euro-Krisenstaaten zu kaufen. Die Währungshüter reagieren damit auf steigende Renditen für Anleihen der Schuldensünder. Für Portugal, Irland, Griechenland und zuletzt auch für Spanien und Italien war es dadurch teurer geworden, sich frisches Geld zu besorgen. Nach dem Einschreiten der EZB sanken die Renditen. Die Notenbank hat derzeit Anleihen von Problemstaaten im Volumen von 156,5 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen, die sie auf dem sogenannten Sekundärmarkt gekauft hat, also beispielsweise bei Banken. Die EZB lässt sich ihr Engagement verzinsen. Gehen die Länder pleite, bleibt sie aber zumindest auf Teilen ihrer Forderungen sitzen.

Liquidität

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren versorgt die EZB die Banken großzügiger mit Geld als sonst. Sie stellt ihnen Kredite mit verschiedenen Laufzeiten zur Verfügung. Zuletzt drehte die EZB den Geldhahn wieder weit auf, weil die Kreditinstitute zögern, sich gegenseitig Geld zu leihen. Banken konnten sich für sechs Monate zum Leitzins von 1,5 Prozent so viel Geld borgen wie sie wollten (Vollzuteilung). In „normalen Zeiten“ sind die Laufzeiten kürzer und es wird nur eine festgelegte Summe versteigert. Daneben vergibt die EZB Darlehen mit kürzerer Laufzeit und mit begrenzter oder voller Zuteilung. Kritiker werfen der Notenbank vor, den Markt mit Geld zu fluten und damit neuen Finanzspekulationen Vorschub zu leisten.

Intervention an Devisenmärkten

Starken Wechselkursschwankungen können die Notenbanken mit dem Kauf oder Verkauf von Devisen begegnen. Die EZB setzte dieses Instrument im Jahr 2000 ein, als der Euro gegenüber dem Dollar einen Schwächeanfall erlitt. Im Kampf gegen einen zu starken Franken, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie belastet, hatte die Schweizer Nationalbank SNB erstmals seit mehr als 30 Jahren eine Obergrenze für den Frankenkurs eingeführt, die sie unter allen Umständen verteidigen will, indem sie Franken auf den Markt wirft und damit Euro kauft. Bei massiven Attacken gegen eine Währung können allerdings auch Notenbanken in die Defensive geraten. So wettete der legendäre Hedge-Fonds-Gründer George Soros im Jahr 1992 erfolgreich gegen das britische Pfund und zwang die Bank of England in die Knie.

Kommunikation

EZB-Präsident Mario Draghi ist äußerste Aufmerksamkeit gewiss, wann immer er sich äußert. Manchmal reicht schon die Andeutung, dass die Notenbank aktiv werden könnte, um Spekulationen beispielsweise auf den Devisenmärkten zu beenden. Zugleich ist die EZB bemüht, die Märkte mit ihren Zinsentscheidungen nicht unnötig zu überraschen. Die EZB will - zumindest für Finanzprofis - berechenbar bleiben, damit nicht starke Wechselkurs- oder Aktienkursschwankungen das Vertrauen der Bürger in die Gemeinschaftswährung Euro erschüttern.

Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, kritisierte, dass EZB-Präsident Trichet mit den Anleihekäufen das Heft des Handelns in die Hand und damit den Druck auf die Politik genommen habe, selbst aktiv zu werden. „Würde die EZB keine Anleihen der strauchelnden Peripherieländer aufkaufen, hätten die Finanzminister ihren Rettungsfonds schon längst in die Lage versetzt, diese Anleihen selbst zu kaufen“, sagte Krämer Handelsblatt Online. „Es wird Draghis Aufgabe sein, den Deutschen nach den Rücktritten von Weber und Stark wieder das Gefühl zu vermitteln, dass die EZB auch ihre Zentralbank ist.“

Kommentare (6)

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wir-sind-99-prozent

06.10.2011, 14:03 Uhr

Diese interessante Denke hatten die Amis auch mal, dass nur eine unabhängige Zentralbank sie noch retten kann.

Heute demonstrieren zig-tausend gegen die FED

WE ARE 99%

Account gelöscht!

06.10.2011, 14:14 Uhr

Niemand kann den Euro in der heutigen Form retten. Die Frage ist bloss, ob das angedachte Europa zuerst untergeht, oder der verwirklichte Euro.

Account gelöscht!

06.10.2011, 14:39 Uhr

Die EZB ist nichts anderes als ein Durchlauferhitzer der Hochfinanz und damit der überstaatlichen Mächte und internationalen Kapitaltreiber.

Ihre häßliche Fratze hat die EZB bereits gezeigt, durch die willkürliche Auslegung ihrer Daseinsberechtigung.

Alles was aktuell Brüssel, Berlin und Paris ihren Mitbürgern vorspielen ist Hollywood vom Feinsten.

Jetzt wird der Stöpsel aus der Wanne gezogen Freunde.

Gute Nacht Abendland !

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