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06.06.2017

13:06 Uhr

London-Anschlag

Der Mann, der die Moschee nicht mehr betreten sollte

VonKatharina Slodczyk

Zwei Tage nach der Terrorattacke von London nennt die britische Polizei die Namen der drei mutmaßlichen Täter. Die Informationen der Ermittler bringen Premierministerin Theresa May in Erklärungsnot.

Nach dem Anschlag

Londoner Täter war Geheimdienst bekannt

Nach dem Anschlag: Londoner Täter war Geheimdienst bekannt

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LondonEr wiederholte immer wieder diesen einen Satz: „Nur Gott hat das Sagen.“ So soll Khuram Shazad Butt regelmäßig Predigten eines moderaten Imam in einer Moschee im Osten Londons unterbrochen haben. Man habe Butt daher aus der Gemeinde ausgeschlossen und ihm nahegelegt, die Moschee nicht mehr zu betreten, berichten britische Medien.

Der 27-Jährige war einer der drei mutmaßlichen Attentäter, die in der Nacht zu Sonntag den Anschlag in London verübt haben sollen, das gab die britische Polizei am Montagabend bekannt. Den Namen des dritten Täters veröffentlichten die Behörden am Dienstag. Es soll sich um den 22-Jährigen Youssef Zaghba handeln. Der aus dem Osten Londons stammende italienischer Staatsbürger habe marokkanische Wurzeln.

Besonders Khuram Shazad Butt beschäftigt die britische Öffentlichkeit, nachdem die Polizei einräumen musste, dass er den Sicherheitsbehörden bereits bekannt war. Er war den Menschen in einer Umgebung nicht nur mit seinen Zwischenrufen in der Moschee als radikal aufgefallen, sie haben ihre Beobachtungen und Sorgen Medienberichten zufolge auch an Sicherheitsbehörden weitergegeben.

Diese müssen sich jetzt verteidigen, warum sie sich Butt zwar vor zwei Jahren schon genauer angeschaut haben, er zuletzt offenbar aber vom Radar des Inlandsgeheimdienst und der Antiterroreinheit verschwunden war. Es habe keine Informationen gegeben, die auf einen Anschlag hingedeutet hätten, sagte Mark Rowley, Leiter der Antiterroreinheit bei der Londoner Polizei, und weiter: Er habe bisher nichts gesehen, dass darauf hingedeutet hätte, dass in dieser Angelegenheit eine falsche Entscheidung getroffen worden wäre.

Nach dem Anschlag in London

Theresa May unter Druck – Alles nur Wahlkampf?

Nach dem Anschlag in London: Theresa May unter Druck – Alles nur Wahlkampf?

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Am Dienstag nahm die Polizei in Pakistan Verwandte Butts ins Visier. Dutzende Sicherheitskräfte in zivil durchsuchten einem Bericht der Zeitung „The Telegraph“ zufolge ein Restaurant, das einem Verwandten von Khuram Butt gehört. Der Einsatz erfolgte in der Stadt Jhelam, etwa 120 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Islamabad. Es handele sich um eine Vorsichtsmaßnahme, sagte ein Offizieller, der namentlich nicht genannt wurde, dem Blatt.

Zwar gingen die britischen Sicherheitsbehörden davon aus, dass der mutmaßliche Attentäter sich in Großbritannien radikalisiert habe. „Aber wir durchsuchen die Häuser aller Verwandten und verfolgen alle Telefonanrufe, die von Familienmitgliedern gemacht wurden“, sagte der Sicherheitsbeamte. Die pakistanischen Behörden gingen davon aus, dass Butt in Syrien als Attentäter ausgebildet wurde, sagte er. Butt war 1990 in Pakistan geboren worden und als Kind mit seinen Eltern nach Großbritannien gekommen.

Der Ablauf des Terroranschlags von London

22.08 Uhr (3. Juni)

Polizei und Rettungsdienste erhalten den ersten Notruf von der London Bridge – ein weißer Transporter rast über den Gehweg und verletzt Passanten.

Angriff

Das Fahrzeug fährt weiter nach Süden Richtung Borough Market. Der Transporter bleibt am Borough Market, einer beliebten Touristenattraktion, stehen. Drei Männer steigen aus und stechen willkürlich mit langen Messern auf Menschen ein.

Notrufe

Weitere Notrufe zum Geschehen auf dem Borough Market gehen ein.

22.14 Uhr

Die Rettungsdienste erreichen den Unglücksort an der London Bridge und versorgen die Verletzten. Mehr als 80 Ärzte und Sanitäter sowie ein Rettungshubschrauber sind im Einsatz. 48 Menschen werden in sechs verschiedene Londoner Krankenhäuser gebracht.

Schießerei

Die Polizei schießt am Borough Market auf die drei Terroristen 50 Schüsse ab.

22.16 Uhr

Von den Terroristen geht keine Gefahr mehr aus.

00.25 Uhr (4. Juni)

Die Polizei erklärt, es habe sich um „terroristische Vorfälle“ gehandelt.

Butt war bereits in einer Anfang 2016 ausgestrahlten Fernsehdokumentation „The Jihadis Next Door“ zu sehen, wie er eine Flagge einer Terrororganisation in einem Londoner Park entrollt. Ein Mann, der Butt kannte, soll die Antiterror-Hotline der Polizei verständigt und den Behörden gesagt haben, dass sich dieser radikalisiert haben soll. „Ich hab meinen Teil getan“, sagte der Mann einer britischen Zeitung. Die Sicherheitsbehörden hätten dagegen nichts unternommen, so sein Vorwurf.

Butt hatte aus seinen radikalen Ansichten auch kein Geheimnis gemacht. In einer Moschee in Barking, im Osten Londons, hat er angeblich gegen die britischen Parlamentswahlen gewettert. Die Teilnahme an diesem demokratischen Prozess sei „unislamisch“, soll er gesagt haben.

Wenige Tage vor dem Anschlag habe er eine Grillparty veranstaltet, berichten Nachbarn. Einer von ihnen sagte, dies habe ihn an eine Art Abschiedsparty erinnert. Nach Informationen des „Evening Standard“ soll die Polizei im vergangenen Monat Gespräche von IS-Sympathisanten in Barking aufgezeichnet haben, die angeblich über eine mögliche Attacke mit einem Minibus und mit Messern gesprochen haben sollen.

Nach Angaben einiger von Butts Nachbarn, die mit dem „Guardian“ gesprochen haben, war Butt ein „freundlicher, geselliger“ Mann, der gelegentlich Tischtennis oder Fußball mit Bekannten gespielt habe. Eine andere Sache hat eine Nachbarin aber offenbar beunruhigt: Er habe viel Zeit mit Kindern und Teenagern verbracht. Und einmal sei einer ihrer Söhne nach Hause gekommen und habe gesagt: „Mutti, ich will Moslem werden“, erzählte Erica Gasparri dem „Guardian“. Sie habe Butt daraufhin zur Rede gestellt.

All diese Informationen über einen der mutmaßlichen Täter könnten jetzt den Druck auf Premierministerin Theresa May erhöhen. Sie war vor ihrem Einzug in die Downing Street Innenministerin und damit für den Sicherheitsapparat verantwortlich. In dieser Zeit gab es massive Stellenkürzungen bei der Polizei. Angesichts ihrer Bilanz als Innenministerin sei sie als Premierministerin eigentlich nicht wählbar und komme für das Amt nicht in Frage, sagte Labour-Chef Jeremy Corbyn bereits Anfang dieser Woche.

May verteidigte sich und griff wiederum Corbyn an: Angesichts seiner Vergangenheit sei er als Regierungschef ungeeignet, denn er habe in der Vergangenheit unter anderem mit der nordirischen Terrorgruppe IRA sympathisiert. May ist bereits in den vergangenen Wochen massiv in die Defensive geraten. Wegen umstrittener Reformvorschläge in ihrem Wahlprogramm, hat sie in Meinungsumfragen ihren ursprünglich komfortablen Vorsprung gegenüber Corbyn eingebüßt.

Kommentare (11)

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Herr Martin Wienand

06.06.2017, 12:53 Uhr

GB hat über 23.000 "Gefährder". Frankreich über 12.000. Die deutschen Zahlen kenne ich nicht. Wie will man die alle kontrollieren? Wir haben viel zu viel zugelassen und sind selbst schuld.

Herr Hans-Jörg Griesinger

06.06.2017, 13:27 Uhr



Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Alessandro Grande

06.06.2017, 14:21 Uhr


Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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