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03.10.2011

14:54 Uhr

Ludwig Erhard zur Euro-Krise

„Frechheit und Dummheit sind immer gepaart“

VonGabor Steingart

ExklusivZum ersten Mal äußert sich Ludwig Erhard ausführlich über die Euro-Krise, zur Inflationsgefahr und über die Verantwortung der Unternehmer. Ein fiktives Interview mit Original-Aussagen des Ordnungspolitikers.

Professor Ludwig Erhard raucht eine Zigarre bei einem Interview am 9.10.1964 im Bonner Palais Schaumburg. dpa

Professor Ludwig Erhard raucht eine Zigarre bei einem Interview am 9.10.1964 im Bonner Palais Schaumburg.

Handelsblatt: Herr Professor Erhard, was fehlt dem heutigen Europa, damit aus dieser Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft endlich ein Erfolg wird?

Ludwig Erhard: Im Englischen gibt es eine Sentenz, die da lautet: Stability begins at home. Das ist genau das, was uns in Europa fehlt.

Sie meinen deutsche Stabilitätskultur und südeuropäischer Schlendrian passen nicht zusammen?

Die Beteiligung eines Landes an derartigen Gemeinschaften wie der Gemeinschaft aller Europäer macht auf dem Felde der Finanz- und Wirtschaftspolitik ein ganz bestimmtes Verhalten dieses Staates erforderlich. Ein Mitgliedsland kann nur dann zur Integrationsreife gelangen, wenn es gewillt ist, seine innere Ordnung nicht nur herzustellen, sondern diese auch unverrückbar zu bewahren.

Ludwig Erhard

Vita

Der Ökonom und Soziologe war von 1949 bis 1963 Bundesminister für Wirtschaft. Nach dem Rücktritt Konrad Adenauers wurde Erhard am 16. Oktober 1963 zum Kanzler gewählt. Er regierte das Land bis zum Jahr 1966. Erhard war Mitbegründer des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft und gilt als Vertreter des Ordoliberalismus.

* Die Quellen

Das Interview mit Ludwig Erhard ist fiktiv, aber alle Antworten beruhen auf Originalzitaten Erhards aus den Jahren 1950 bis 1970. Sie stammen aus seinen Regierungserklärungen und Parlamentsansprachen, Interviews sowie aus seinem Wirtschaftsbuch-Klassiker „Wohlstand für alle“ von 1957. Auch die Biografie von Volker Hentschel „Ludwig Erhard. Ein Politikerleben“ aus dem Jahr 1996 wurde als Quelle benutzt.

Dank

Wir danken der Ludwig-Erhard-Stiftung in Bonn für ihre Unterstützung. Dokumentation: Heike Nabert de Lobo und Dr. Jörg Lichter, Handelsblatt Research.

Als Bundeskanzler hatten Sie es in der Hand, die Südstaaten Europas zu domestizieren. Erinnern Sie sich noch?

Ich weiß, worauf Sie anspielen. Bei seinem Bonner Besuch im Jahre 1964 schlug mir Frankreichs Staatspräsident de Gaulle vor, unsere beiden Länder so eng zu vereinen, dass sie Europa beherrschen könnten und sich nicht mehr um die kleinen Staaten kümmern müssten. Ich habe das abgelehnt, ich fand das unzumutbar.

Und Sie würden nach wie vor sagen, Europa ist eine gute Idee, trotz der aktuellen Schwierigkeiten?

Ich glaube, wir alle können nur gewinnen, wenn die Grenzen zwischen den Staaten allmählich, aber sicher niedersinken. Man macht es sich allerdings zu leicht, wenn man glaubt, zur Europapolitik gehöre lediglich der gute Wille.

Nun versucht die internationale Staatengemeinschaft, die Griechen, unser europäisches Sorgenkind, zu einer Politik des Sparens und Verzichtens zu zwingen. Ist das in Ihrem Sinne?

Niemand kann mir nachsagen, dass ich je Vokabeln verwandt habe wie „den Leibriemen enger schnallen“, „entsagen und entbehren müssen“. Solche Heilmittel sind mit meiner wirtschaftspolitischen Grundauffassung nicht in Einklang zu bringen. Der Erfolg unserer Wirtschaftspolitik bestand immer darin, dass wir den Durchbruch nach vorne, das heißt also in der Expansion, gesucht und gefunden haben.

Kommentare (15)

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Account gelöscht!

03.10.2011, 15:25 Uhr

Es ist mir unverständlich, wie EU-Eliten so ein Theater um eine 8 Mrd. EUR Auszahlung innerhalb einer bereits bewilligten Fazilität machen können, wenn gleichzeitig die EZB quasi hinter verschlossenen Türen und ohne öffentliche Diskussion 100 Mrd. EUR (oder mehr) an den griechischen Bankensektor schickt (den sie bereits zu 20-25% finanziert).
Obwohl so viel Auslandsgeld nach Griechenland geschickt wurde, sind die Auslandsschulden des Landes von 406 Mrd. EUR (Q3/2010) auf 404 Mrd. EUR (Q2/2011) gesunken. Das kann doch nur heißen, dass das ganze Geld ins Ausland als Schuldentilgung zurückgeflossen ist. Wer hat denn dann das Budget Defizit finanziert?
Während die EU über Prozentsätze von Defizit und Staatsschulden und über Rettungsschirme diskutiert, werden heuer 25 Mrd. EUR Griechenland als Leistungsbilanzdefizit verlassen und weitere 25 Mrd. EUR als Kapitalflucht. Schaut sich denn niemand die national accounts von Griechenland an?
http://klauskastner.blogs...
http://klauskastner.blogs...

Account gelöscht!

03.10.2011, 15:48 Uhr

Gut gemachter Artikel, liebes Handelsblatt.

Jacke_wie_Hose

03.10.2011, 16:48 Uhr

@ HB
Ihr hättet mal besser unsere starke D-Mark interviewt, was Sie von ihrem Nachfolger dem Inflations-Preistreiber-Teuro hält.

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