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26.08.2016

13:09 Uhr

Machtkämpfe in Syrienkrieg

Türkei beschießt die Kurden in Syrien

Das Eingreifen türkischer Panzer in Syrien bringt die Großmächte unter Druck. Das Militär der Türkei nimmt nun die Kurdenmilizen unter Feuer – doch die sind eigentlich mit den USA verbündet. Viel Gesprächsstoff in Genf.

Die Türkei kämpft in Syrien gegen den IS. dpa

Türkische Armee

Die Türkei kämpft in Syrien gegen den IS.

Genf/Istanbul.

Die Außenminister der USA und Russlands, John Kerry und Sergej Lawrow, haben am Freitag in Genf versucht, ihre Positionen im Syrienkrieg abzustimmen. Nach Angaben von Diplomaten sollte es um eine Koordinierung amerikanischer und russischer Luftangriffe auf die sunnitische Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien gehen. Ein zentrales Thema dürfte auch die Lage der mit den USA verbündeten syrischen Kurden sein. Diese stehen unter Feuer der türkischen Streitkräfte.

Das türkische Heer hatte am Donnerstagabend Stellungen der Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien mit Artilleriegranaten beschossen. Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete unter Berufung auf Geheimdienstinformationen, die YPG habe sich nicht auf das Ostufer des Euphrats zurückgezogen, sondern Geländegewinne angestrebt.

Ankara und Washington hatten von der Kurdenmiliz gefordert, ihre Einheiten nach Osten und hinter den Fluss Euphrat zurückzuziehen. Bis das nicht erfolgt ist, will die Türkei ihren Militäreinsatz in Nordsyrien fortsetzen. Ankara will verhindern, dass die Kurden ein durchgehendes Herrschaftsgebiet an ihrer Südgrenze konsolidieren.

Die Kurden - ewiger Streit

Kurdengebiete

Das Kurdengebiet erstreckt sich vom Osten der Türkei über Syrien, bis in den Irak und Iran. Kurdische Nationalisten fordern seit jeher ein eigenes Staatsgebiet für die Kurden. Die Staaten in diesem Gebiet, allen voran die Türkei, lehnen das jedoch ab.

Tradition und Religion

Die Kurden sind eine Bevölkerungsgruppe mit einer eigenen Sprache, traditionellen Festen, Musik und Literatur und einer eigenen kurdischen Küche. Religiös sind die Kurden hingegen gespalten: Die Mehrheit der Kurden sind Sunniten. Daneben gibt es, wenn auch wenige, Schiiten, Jesiden, Christen und Juden.

Politik

In der Türkei, in Syrien und im Iran gründeten Kurden eigene Parteien, die jedoch zum Teil nur im Untergrund agieren können, da sie von den nationalen Regierungen unterdrückt werden. Die wohl bekannteste von ihnen ist die PKK in der Türkei. Nur die autonome Region Kurdistan, im Irak, hat ein eigenes Parlament und wählt ihren eigenen Präsidenten.

Türkei Konflikt

Der Konflikt zwischen der Türkei und der PKK gilt als der längste Konflikt zwischen Kurden und der türkischen Regierung. Die PKK fordert seit ihrer Gründung im Jahr 1978 einen unabhängigen Kurdenstaat. Diesen versucht sie, zum Teil auch gewaltsam, durchzusetzen. Die Türkei lehnt einen autonomen Kurdenstaat ab und ging ihrerseits immer wieder militärisch gegen die PKK vor. Die PKK wird von der der Türkei, von den USA und von der EU als terroristische Vereinigung eingestuft.

Sport

Die beliebteste Sportart in der autonomen Region Kurdistan ist Fußball. Vor zehn Jahren gründete sich der kurdische Fußballverband „Kurdistan Football Association“, in dem heute 24 Mannschaften spielen. Außerdem gibt es eine kurdische Fußballauswahl, die von der FIFA jedoch nicht anerkannt wird und deshalb nicht an den Weltmeisterschaften teilnehmen darf.

Die USA unterstützen zwar die YPG gegen die IS-Terrormiliz, aber bei der Forderung des Kurdenabzugs hinter den Euphrat stehen sie auf der Seite ihres Nato-Partners Türkei.

Russland will die Kurden an einer Neuauflage der Genfer Syrien-Friedensgespräche beteiligen, was die westlichen Länder bisher ablehnen. Es wurde erwartet, dass Kerry und Lawrow Möglichkeiten für eine Wiederaufnahme der Genfer Gespräche der syrischen Regierung mit den Rebellen sondieren. Dabei dürfte die Kurdenfrage eine zentrale Rolle spielen.

Die YPG ist in Syrien im Kampf gegen den IS der wichtigste Partner der von den USA angeführten internationalen Koalition. Die Kurden haben im Norden Syriens mit Luftunterstützung der Koalition große Gebiete erobert und dort eine Selbstverwaltung ausgerufen. Sie kontrollieren dabei den größten Teil der Grenze zur Türkei. Die YPG teilte allerdings mit, ihre Kräfte hätten die von ihr eingenommene Stadt Manbidsch westlich des Euphrats schon Mitte August an einen örtlichen Militärrat übergeben.

Vertreter von UN-Hilfsorganisationen dringen bei Kerry und Lawrow darauf, Feuerpausen und freien Zugang für humanitäre Helfer zu Zehntausenden notleidenden Zivilisten in Aleppo und anderen umkämpften Orten Syriens zu ermöglichen.

Die wichtigsten Parteien im syrischen Bürgerkrieg

REGIME

Die syrische Armee kontrolliert noch immer die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Unterstützt werden die Anhänger von Präsident Baschar al-Assad von der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah sowie von iranischen Kämpfern. Zudem fliegt die russische Luftwaffe Angriffe in Syrien.

ISLAMISCHER STAAT (IS)

Die Terrormiliz verlor in den vergangenen Monaten einige ihrer Gebiete an das Regime und die Kurden und befindet sich in der Defensive. Die Dschihadisten kontrollieren aber immer noch große Teile des Landes im Norden und Osten, vornehmlich Wüstengebiete.

KURDISCH GEFÜHRTE KRÄFTE

Mit Hilfe der US-Luftwaffe konnte ein Bündnis unter Führung der kurdischen Volksschutzeinheiten YPG den IS aus großen Gebieten im Norden Syriens zurückdrängen. Die Kurden kooperieren mit dem Regime, aber auch mit dessen Gegnern. Zuletzt kam es jedoch in der nordöstlichen Stadt Hasaka zu ungewöhnlich heftigen Zusammenstößen mit syrischen Regierungstruppen. Die Türkei ist ein erklärter Gegner der Kurden. Sie befürchtet angesichts eines mehr als 400 Kilometer langen Gebietes unter kurdischer Kontrolle an seiner Südgrenze Unabhängigkeitsbestrebungen der türkischen Kurden.

DSCHAISCH AL-FATAH

Dabei handelt es sich um ein Bündnis verschiedener moderater und radikaler Gruppen, darunter die dschihadistische Miliz Fatah al-Scham. Teil von Dschaisch al-Fatah sind auch die islamistische Miliz Ahrar al-Scham und Brigaden, die sich als Teil der moderaten Freien Syrischen Armee (FSA) sehen. Das Bündnis beherrscht im Nordwesten Syriens die Provinz Idlib. Einige der islamistischen Rebellen sollen Saudi-Arabien und Katar nahestehen.

AHRAR AL-SCHAM

Die islamistische Miliz ist neben Fatah al-Scham die wichtigste Kraft des Rebellenbündnisses Dschaisch al-Fatah. Sie gibt sich pragmatischer und weniger radikal als der Al-Kaida-Ableger. Die Türkei gilt als wichtige Unterstützerin der Miliz.

FREIE SYRISCHE ARMEE (FSA)

Die FSA ist keine Armee im eigentlichen Sinne, es gibt auch keine einheitliche Führung. Mehrere moderate Gruppen rechnen sich ihr jedoch zu. Stark sind diese im Nordwesten, wo sie auch zu dem Rebellenbündnis Dschaisch al-Fatah gehören, sowie im Süden.

Im Fall der Stadt Daraja bei Damaskus erreichten Rebellen und Regierung eine Einigung. Die Stadt wird seit vier Jahren von Regierungstruppen belagert. Die Einigung sehe vor, dass sowohl Rebellen als auch Zivilisten aus Daraja in die nordwestliche Provinz Idlib gefahren würden, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Donnerstag.

Ein Regierungsmitarbeiter sagte der Deutschen Presse-Agentur, es gehe um 3500 Menschen, zumeist Zivilisten. Die Aufständischen könnten ihre persönlichen Waffen mitnehmen.

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