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15.08.2014

13:57 Uhr

Machtkampf im Irak

Auf der Flucht vor dem Völkermord

VonMartin Pirkl

In den vergangenen zwei Wochen sind etwa 200.000 Jesiden aus dem Irak geflohen. Die Terrorgruppe IS droht ihnen mit dem Tod. Die Uno befürchtet einen Völkermord. Wer sind die Jesiden?

Demonstrationen in Hannover gegen die IS dpa

Demonstrationen in Hannover gegen die IS

Völlig erschöpft und dehydriert schleppten sich innerhalb von drei Tagen 50.000 Menschen über die syrisch-irakische Grenze. Viele von ihnen erlitten bei Temperaturen von über 45 Grad einen Hitzschlag. Um nicht zu verhungern aßen sie Blätter und Baumrinde und vergifteten sich dabei mitunter.

Die Flüchtlinge sind Jesiden. Sie gehören der Volksgruppe der Kurden an. Doch sie unterscheiden sich von den meisten Kurden durch ihre Religion. Das Jesidentum hat keine heilige Schrift. Stattdessen werden die Traditionen und Glaubensvorstellungen mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Nach den Überlieferungen schuf Gott sieben Engel aus seinem Licht. Die Engel formten dann aus einer Perle die Erde und den Himmel.

Jeside kann man nicht werden. Man muss als solcher geboren werden – das heißt, beide Eltern müssen Jesiden sein. Wer einen Andersgläubigen heiratet, muss grundsätzlich die Religionsgemeinschaft verlassen. Dennoch erkennen die Jesiden auch andere Religionen an. Man müsse keine Jeside sein, um ein guter Mensch zu werden.  

Es gibt keine konkreten Zahlen wie viele Jesiden es gibt. Schätzungen gehen von 500.000 bis 800.000 weltweit aus. Die meisten von ihnen leben im Nordirak, dort wo sich die Soldaten der IS gerade auf dem Vormarsch befinden. Andere Siedlungsgebiete sind die Kurdengebiete in Syrien, der Türkei und dem Iran. Aufgrund von Verfolgungen und Diskriminierung sind viele Jesiden ins Ausland geflohen. Die größte Exilgemeinde gibt es in Deutschland. Laut dem Zentralrat der Jesiden zählt sie rund 60.000 Mitglieder. Die meisten wohnen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Die Kurden im Irakkonflikt

Wie viele Kurden gibt es im Irak?

Von den fast 33 Millionen Einwohnern des Iraks sind rund 15 bis 20 Prozent Kurden. Sie stellen neben den arabischen Schiiten und Sunniten die dritte große Volksgruppe im Land. Die meisten Kurden leben im Norden des Landes, wo sie in ihrer Autonomieregion große Unabhängigkeit genießen. Dort haben sie ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung.

Wie ist die Lage in den kurdischen Gebieten?

Während die Sicherheitslage im restlichen Teil des Iraks seit Jahren äußerst schwierig ist, galten die kurdischen Autonomiegebiete bisher als Insel der Stabilität. Die kurdische Hauptstadt Erbil erlebt seit Jahren einen Bauboom. Viele ausländische Firmen nutzen Erbil, um Geschäfte im Irak zu machen.

Welche Rolle spielen Kurden im Konflikt mit IS?

Nach ihrem Vormarsch ist die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) zuletzt jedoch näher an die Autonomiegebiete herangerückt. IS-Extremisten vertrieben kurdische Einheiten nördlich und westlich der Stadt Mossul. Die betroffenen Gebiete gehören zwar nicht zur kurdischen Autonomieregion, werden aber von den Kurden beansprucht. Als die irakischen Truppen nach Beginn des IS-Vormarsches Anfang Juni flohen, übernahmen dort zunächst die kurdischen Peschmerga die Kontrolle.

Welche Ziele verfolgen die Kurden?

Die Kurden wollen die verlorenen Gebiete zurückerobern und erhalten dafür Waffen von den USA. Unterstützt werden sie auch von Kämpfern der verbotenen türkischen PKK und deren syrischen Ableger.

Unterstützen Kurden den irakischen Staat?

In der irakischen Machtverteilung steht den Kurden der Posten des Staatschefs zu. Zuletzt trieb der Präsident der Autonomiegebiete, Massud Barsani, jedoch die Unabhängigkeit voran, ein alter Traum der Kurden. Im Machtkampf in Bagdad gehört Barsani zu den schärfsten Kritikern des bisherigen Regierungschefs Nuri al-Maliki.

Nicht erst seit diesem Jahr sind die Jesiden im Nordirak Verfolgungen ausgesetzt. Ab 1965 begann die Baath-Partei, deren Generalsekretär Saddam Hussein wurde bevor er als Staatspräsident die Macht des Landes übernahm, damit, Jesiden in sogenannte Modell- oder Zentraldörfer umzusiedeln. Dort hatte die Partei mehr Kontrolle über sie. Ziel der Aktion war es, ein einheitlich arabisches Staatsvolk im Irak zu schaffen. In den Schulen im Zentralirak wurden die Jesiden nicht in ihrer kurdischen Muttersprache Kurmandschi unterrichtet, sondern auf Arabisch.

Außerdem gelten die Jesiden bei einigen Muslimen als „ungläubig“, „gottlos“ und „unrein“. Da die Jesiden keine heilige Schrift haben, sind sie nach einer Auslegung der islamischen Lehre nicht als schützenswerte Religion anerkannt. Schutz erhalten nur Buchreligionen wie das Christentum und das Judentum. Bei radikalen Muslimen gilt die Tötung eines Jesiden als heilige Handlung, die dem Täter den Einlass zum Paradies verschafft.

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