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11.08.2014

11:23 Uhr

Machtkampf im Irak

USA entsetzt – Panzer rollen durch Bagdad

Iraks Premier al-Maliki verteidigt sein Amt. Zu Recht, sagt das oberste Gericht des Landes. Dennoch setzt al-Maliki im Machtkampf mit Präsident Massum die Armee ein, in Bagdad fahren Panzer vor. Die USA sind entsetzt.

Krise im Irak

Maliki will im Amt bleiben

Krise im Irak: Maliki will im Amt bleiben

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BagdadDie Lage im Irak verschärft sich weiter: Unterstützt von weiteren US-Luftangriffen gelang es den kurdischen Sicherheitskräften im Norden zwar, die IS-Terrormiliz aus zwei wichtigen Grenzstädten zu vertreiben. An der politischen Front bahnte sich jedoch ein möglicherweise explosiver Machtkampf zwischen dem irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki und Staatspräsident Fuad Masum an. Al-Maliki, der sich weigert, die Macht abzugeben – und bekam nun Unterstützung vom obersten Gericht des Landes.

Die Bundesrichter entschieden, dass Malikis Fraktion die stärkste im Parlament sei und der umstrittene schiitische Regierungschef im Amt bleiben könne, berichtete das staatliche Fernsehen am Montag. Nach der irakischen Verfassung muss nun der Staatspräsident Maliki mit der Bildung einer Regierung beauftragen.

Am Sonntag bezogen Maliki ergebene Spezialtruppen in Bagdad an strategisch wichtigen Orten Position. Pro-Maliki-Milizen verstärkten zudem ihre Patrouillen in der Hauptstadt. Es gebe eine bislang beispiellose Stationierung von Armeekommandos und Eliteeinheiten in Bagdad, verlautete aus den Polizeikreisen. Augenzeugen berichteten, ein Panzer sei vor der sogenannten Grünen Zone aufgefahren, wo sich Regierungsgebäude befinden. „Diese Truppen übernehmen nun die volle Verantwortung für diese Gebiete in der Hauptstadt“, hieß es in den Polizeikreisen. Brücken wurden abgesperrt und Zufahrtsstraßen zur Grünen Zone, dem Regierungs- und Diplomatenviertel der Stadt, mit Panzern blockiert, wie die „Washington Post“ unter Berufung auf irakische Fernsehberichte meldete. Sicherheitskräfte hätten zudem den Präsidentenpalast eingekreist.

Jesiden – die verfolgte Minderheit

Verbreitung

Die größte Gemeinde gibt es im Irak, nach Angaben der Minderheit leben dort 600.000 Jesiden. Andere Schätzungen gehen von 100.000 aus. In Deutschland lebt die größte Exilgemeinde, hier gehen die Jesiden von 45.000 bis 60.000 Religionsangehörigen aus. In Syrien, der Türkei, Armenien und Georgien leben ebenfalls mehrere tausend Jesiden. Eine offizielle Zählung gibt es nicht.

Ursprung

Als Jeside wird man geboren, konvertieren kann man zu dem Glauben nicht. Die Jesiden-Tradition untersagt Hochzeiten mit Nicht-Jesiden sowie außerhalb der Kaste. Normalerweise geht mit einer Mischhochzeit daher der Austritt aus dem Glauben einher.

Glaube

Der jesidische Glaube ist eine monotheistische Religion und enstand vor über 4000 Jahren in Mesopotamien. Der Glaube beruht teilweise auf dem altpersischen Kult des Zoroastrismus, im Laufe der Zeit kamen auch islamische und christliche Elemente dazu.

Religion

Die meisten Jesiden sind arme Bauern und Hirten. Jesiden beten der Sonne zugewandt zu ihrem Gott und verehren seine sieben Engel. Der wichtigste ist Melek Taus, auch Engel Pfau genannt. Eine feste religiöse Schrift haben die Jesiden nicht, ihre Religion orientiert sich an mündlichen Überlieferungen. Die Jesiden glauben an Seelenwanderung und Wiedergeburt.

Verfolgung

Viele strenggläubige Muslime und vor allem auch Islamisten sehen im Engel Pfau eine dämonische Figur und betrachten die Jesiden daher als „Teufelsanbeter“. Auch andere Vorgaben wie zum Beispiel das Verbot, Kopfsalat zu essen oder die Farbe Blau zu tragen, werden von anderen Religionen als satanisch missinterpretiert. Als nichtarabische und nichtmuslimische Iraker wurden die Jesiden schon unter Saddam Hussein im Irak verfolgt und vertrieben. Im August 2007 wurden zwei jesidische Dörfer im Nordirak beinahe vollständig zerstört. Mehr als 400 Jesiden starben. Es war der blutigste Angriff auf die Minderheit seit der US-geführten Invasion im Irak im Jahr 2003.

In einer Fernsehansprache hatte Maliki Forderungen zurückgewiesen, auf eine dritte Amtszeit zu verzichten. Der Schiit wird mitverantwortlich für die Spaltung des Irak und damit für die Erfolge der Milizen der sunnitischen Islamisten-Gruppe Islamischer Staat (IS) gemacht. Maliki hat die Sunniten aus den Staatsgeschäften gedrängt. Auch Kurden und bestimmte schiitische Gruppen lehnen Maliki ab.

Die USA sprachen dem in die Kritik geratenen irakischen Präsidenten Fuad Massum ihre „volle Unterstützung“ aus. Washington lehne jeden Versuch ab, bei dem Prozess der Ernennung des neuen irakischen Regierungschefs Druck oder Manipulation auszuüben, sagte Außenamtssprecherin Jen Psaki am Sonntagabend. Damit spielte sie auf eine Erklärung des amtierenden Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki an, die er wenige Stunden zuvor abgegeben hatte.

Maliki ist wegen der militärischen Erfolge der sunnitischen Miliz Islamischer Staat (IS) im Norden des Landes unter besonderen Druck geraten. Mit der Weigerung, auf sein Amt zu verzichten, widersetzt er sich Forderungen von Vertretern der Sunniten und Kurden, aber auch einiger Schiiten. Sie wollen, dass der autoritär regierende Maliki Platz für einen weniger polarisierenden Regierungschef macht, um die Iraker im Kampf gegen die IS-Miliz zu einigen.

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