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17.11.2015

10:45 Uhr

„Made in France“-Start verschoben

Französischer Terror-Thriller kommt zur Unzeit

VonThomas Hanke

Eine Kalaschnikow am Eiffelturm: Das Plakat von „Made in France“ über islamische Terroristen kündigt den Kinostart des Thrillers für Mittwoch an. Doch die Realität überholte die Fiktion. Der Film bleibt unter Verschluss.

Nach den Terroranschlägen von Paris wird der Terror-Thriller „Made in France“ vorerst im Kino gezeigt. ap

Polizist vor der Kirche Sacre Coeur in Paris

Nach den Terroranschlägen von Paris wird der Terror-Thriller „Made in France“ vorerst im Kino gezeigt.

ParisAm Mittwoch sollte der Terror-Thriller „Made in France“ in die französischen Kinos kommen. Doch daraus wird erst einmal nichts. „Nach den Anschlägen vom Freitag haben wir beschlossen, den Start zu verschieben“, sagt James Velaise vom Verleih Pretty Pictures dem Handelsblatt, „das war die einzig sinnvolle Entscheidung“. Der Film sei von der Wirklichkeit überholt worden.

„Made in France“ handelt von Islamisten, die sich in der französischen Banlieue radikalisieren und Anschläge verüben, also sogenannten „home-grown terrorists“. Das Plakat zeigt eine Kalaschnikow, die am Eiffelturm lehnt – in der Tat ein Bild, das nach dem Blutbad vom Freitag wohl niemandem zuzumuten ist. Am Samstag stoppte der Verleih die geplante Werbekampagne in den Pariser Verkehrsbetrieben.

Übersicht über Attentate in Frankreich in der Vergangenheit

Mai 1978

Palästinensische Terroristen eröffnen am Flughafen Orly das Feuer auf Passagiere, die ein Flugzeug nach Tel Aviv besteigen wollen. Acht Menschen sterben, bei ihnen handelt es sich um drei Angreifer, zwei Polizisten und drei Passagiere. Drei weitere Passagiere werden verletzt.

Oktober 1980

Vor einer Synagoge in der Pariser Rue Copernic geht eine Bombe hoch - vier Menschen sterben, rund 20 weitere werden verletzt.

März 1982

Bei einem Anschlag auf einen Zug zwischen Toulouse und Paris werden fünf Menschen getötet und 77 verletzt. An Bord sollte ursprünglich der damalige Pariser Bürgermeister Jacques Chirac sein. Der Terrorist Carlos soll in den Anschlag verwickelt sein.

August 1982

Bei einem Anschlag auf das Restaurant "Goldenberg" im jüdischen Viertel von Paris werden sechs Menschen getötet und 22 verletzt. Bis heute ist nicht klar, wer für die Tat verantwortlich ist.

Juli 1983

Am Turkish-Airlines-Schalter am Flughafen Orly südlich von Paris explodiert ein Sprengsatz, wodurch acht Menschen getötet und 54 verletzt werden.

Dezember 1983

Zwei Menschen sterben und 34 werden verletzt, als eine Bombe am Bahnhof Saint Charles in Marseille explodiert. Nur wenige Minuten zuvor sterben bei einer Bombenexplosion in einem Hochgeschwindigkeitszug auf der Strecke Marseille-Paris drei Menschen. Zu beiden Anschlägen bekennt sich eine arabische Gruppe mit Verbindungen zu dem Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt als Carlos.

September 1986

Vor einem Kaufhaus in Paris explodiert eine Bombe - sieben Menschen werden getötet und rund 55 weitere verletzt. Der Anschlag reiht sich in eine Serie von Attentaten eines proiranischen Terrornetzwerks in den Jahren 1985 und 1986 ein. Insgesamt sterben bei diesen Anschlägen 13 Menschen, mehr als 300 werden verletzt.

Juli 1995

In einem RER am Bahnhof Saint-Michel im Zentrum von Paris explodiert eine Bombe. Acht Menschen sterben, 119 werden verletzt. Der Anschlag wird algerischen Extremisten zugeschrieben. Es ist das blutigste Attentat einer Reihe von Anschlägen in diesem Sommer, bei denen insgesamt acht Menschen sterben und mehr als 200 verletzt werden.

Dezember 1996

Bei einem Anschlag auf einen Regionalzug (RER) in Paris sterben vier Menschen. Weitere 91 werden verletzt. Es gibt Ähnlichkeiten zu einer Anschlagsserie vom Sommer 1995.

März 2012

Der 23-jährige Mohammed Merah erschießt innerhalb von vier Tagen in Toulouse und Montauban drei Soldaten auf offener Straße. Wenige Tage später erschießt er drei Kinder und einen Lehrer einer jüdischen Schule in Toulouse. Am 22. März wird Merah von einer Spezialeinheit getötet.

Januar 2015

Drei Extremisten töten bei einer mehrere Tage dauernden Terrorwelle in Paris 17 Menschen, bevor sie selbst erschossen werden. Zunächst greifen zwei Brüder das Büro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ an und erschießen zwölf Menschen. In den Tagen darauf tötet ein weiterer Extremist eine Polizistin und nimmt in einem koscheren Supermarkt Geiseln. Vier jüdische Kunden sterben.

Juni 2015

Ein wegen seiner Kontakte zur Salafisten-Szene bekannter Mann enthauptet seinen Chef und bringt den Kopf neben islamistischen Flaggen am Zaun eines Gaslagers nahe Lyon an. Anschließend bringt er auf dem Industriegelände mehrere Gasflaschen zur Explosion, bevor er von Feuerwehrleuten überwältigt wird.

August 2015

Ein schwerbewaffneter Mann eröffnet in einem Schnellzug von Amsterdam nach Paris das Feuer und verletzt zwei Menschen schwer. Der radikale Islamist wird von US-Soldaten überwältigt, die zufällig an Bord des Zuges sind.

Der Dreh wurde noch vor dem Attentat vom 7.Januar auf die satirische Zeitung Charlie Hebdo abgeschlossen. Fertig wurde der Film erst in den vergangenen Wochen. Die Hauptperson ist ein Journalist, der im Milieu der jungen Radikalen recherchiert, dann aber zwischen die Mühlsteine seiner vermeintlichen Glaubensbrüder und der Polizei gerät und nicht mehr zurück kann.

Obwohl Regisseur Boukrieff ausführlich in der Banlieue recherchiert und auch mit der Politischen Polizei zusammengearbeitet hat, ist der Film keine soziologische Studie, „sondern ein reiner Thriller“, stellt Velaise klar. Es sei „der erste Film dieser Art“, soweit er wisse. „Die Öffentlichkeit hätte nicht verstanden, wenn wir ihn wenige Tage nach den grausamen Anschlägen gezeigt hätten.“

Einen neuen Starttermin gibt es noch nicht. Es habe keinerlei politischen Druck gegeben, hebt der Chef der Verleihfirma hervor: „Wir haben schlicht das gemacht, was wir für verantwortlich halten, wir wollen niemanden provozieren oder vor den Kopf stoßen.“

Sicher ist die Entscheidung richtig. Andererseits kann ein Thriller möglicherweise ein Publikum erreichen, dass weder Politiker noch Aktivisten von NGOs oder nachbarschaftlichen Hilfsgruppen ansprechen können. Velaise sagt, dass der Film als Vorpremiere mehrfach in der Banlieue vor Jugendlichen gezeigt wurde: „Sie haben ihn verstanden, und sie waren begeistert.“ Vom Ende verrät er nur so viel: „Die Bösen gewinnen nicht!“

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