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20.02.2015

15:48 Uhr

Maidan-Proteste am 20. Februar 2014

„Wie Wildschweine haben sie uns abgeknallt“

VonNina Jeglinski

In Kiew eskalierte vor einem Jahr die Gewalt: In wenigen Stunden töteten Scharfschützen 70 Menschen. Die Hintergründe sind noch ungeklärt. Viele, die die Proteste vorantrieben, regieren heute. Der Druck auf sie wächst.

Unruhen in der Ukraine

Jahrestag der Maidan-Proteste

Unruhen in der Ukraine: Jahrestag der Maidan-Proteste

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KiewMenschen liegen verletzt auf der Straße. Viele schrien um Hilfe, einige sind offenbar schon tot, andere werden von Kameraden die Straße hinuntergezogen, weg vom Platz, wo die Gewalt stattfindet, weg vom Maidan in Kiew, dem zentralen Platz in der Kiewer Innenstadt. Auch in der Umgebung des Platzes werden Verletzte in Zelten versorgen. Es sind Schüsse zu hören.

In der Nähe des Eingangs ins bekannte Shoppingcenter „Globus“ liegt ein Toter. Sein Gesicht ist mit einer ukrainischen Fahnen zugedeckt. Um ihn herum standen drei Männer und rauchten. Einer von ihnen weint bitterlich. Das Hotel Ukraina gleicht einem Feldlazarett: In der Lobby des Hotels sind provisorisch Liegen aufgestellt worden. Überall liegen Verletzte, werden von Ärzten und Helfern versorgt. Die ganze Zeit über werden Verletzte reingetragen. Einige von ihnen mit aschfahlen Gesicht und weißen Lippen. Es wimmelt vor TV-Kameras und Journalisten.

Nach wenigen Minuten verließ ich den Ort und ging über den Platz, am Gebäude der Hauptpost vorbei zurück in meine Wohnung. Auf dem Weg, der keine zehn Minuten dauert, zählte ich alleine zu der Zeit zwölf Tote. Sie lagen in Decken gewickelt oder auf Bahren vor den Maidan-Zelten. Ich traute mich erst am ganz am Ende Fotos zu machen, weil ich fand, damit verletzt man die Würde der Toten und der Trauernden. Mehrere ukrainische TV-Sender haben Kameras auf dem Platz installiert und übertragen. Das war vor genau einem Jahr.

Das wurde in Minsk 2015 vereinbart

13 Punkte für das Ende des Ukraine-Konflikts

In der weißrussischen Hauptstadt Minsk haben Vertreter der Ukraine, Russlands und der prorussischen Separatisten unter OSZE-Aufsicht eine 13 Punkte umfassende Vereinbarung über einen Waffenstillstand und andere Maßnahmen zur Beilegung des Ukraine-Konflikts unterzeichnet. Es folgen Einzelheiten der Vereinbarung der sogenannten Kontaktgruppe aus einer englischen Übersetzung des russischen Textes.

Quelle: Reuters

Waffenruhe

Am 15. Februar 0.00 Uhr Ortszeit tritt eine strikt einzuhaltende Waffenruhe in Kraft treten.

Rückzug der Waffen

Die schweren Waffensysteme sollen bei den kleineren Kalibern 50 Kilometer hinter die Demarkationslinie zurückgezogen werden, die größeren Kaliber 70 Kilometer und Raketensysteme 140 Kilometer. Dabei gelten für die Separatisten die bereits im September ausgehandelten Grenzlinien als Ausgangspunkte. Der Rückzug soll spätestens zwei Tage nach Beginn des Waffenstillstands beginnen und binnen 14 Tage abgeschlossen werden. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) soll dies überwachen - auch mit Satelliten, Drohnen und Radar.

Lokale Wahlen

Bereits am ersten Tag der Waffenruhe sollen die Gespräche über Kommunal- und Regionalwahlen "in Übereinstimmung" mit ukrainischem Gesetz beginnen. Spätestens 30 Tage nach Unterzeichnung des Abkommens soll das ukrainische Parlament in einer Resolution die Gebiete festlegen, die einen Sonderstatus erhalten. Dieser soll für jene Gebiete in den Regionen Donezk und Luhansk gelten, die zur Zeit des Minsker Abkommen vom September unter Kontrolle der Separatisten waren. Die Wahlen sollen im Rahmen der Kontaktgruppe vorbereitet und international überwacht werden.

Amnestie

Für die Separatisten gibt es eine Amnestie.

Gefangenenaustausch

Fünf Tage nach dem Rückzug der Waffen soll der Austausch von Gefangenen und Geiseln beider Seiten beendet sein.

Humanitäre Hilfe

Beide Seiten sollen den sicheren Zugang der Menschen zu humanitären Hilfslieferungen gewährleisten.

Versorgung der Ostukraine

Die Regierung in Kiew soll die Zahlungen für die Menschen in den von Separatisten kontrollierten Gebieten wieder aufnehmen. Dabei geht es etwa um Renten- und Gehaltszahlungen und die Einbeziehung in das ukrainische Bankensystem. Auch sollen die Modalitäten für die Abwicklung anderer Zahlungen wie die fristgerechte Begleichung von Strom- und Gasrechnungen sowie die Wiederaufnahme der Steuerzahlungen gemäß dem ukrainischen Recht geregelt werden.

Grenzkontrolle Ukraine-Russland

Einen Tag nach den regionalen Wahlen soll die Ukraine wieder die volle Kontrolle der Grenze zu Russland in den Rebellengebieten übernehmen. Dies soll gelten bis zum Abschluss einer umfassenden politischen Regelung, die bis Ende 2015 angestrebt wird.

Abzug

Alle ausländischen Kämpfer und Waffen sollen das Land verlassen. Alle „illegale Gruppen“ sollen entwaffnet werden.

Verfassungsreform

Bis Ende 2015 soll eine Verfassungsänderung umgesetzt werden, die eine Dezentralisierung und einen Sonderstatus für die Gebiete in der Ostukraine vorsehen. Im Rahmen dieser Reform soll etwa eine Amnestie für die Separatisten, eine sprachliche Selbstbestimmung der meist russischsprachigen Bevölkerung und eine enge, grenzüberschreitende Kooperation der Gebiete von Lugansk und Donezk mit den angrenzenden russischen Grenzgebieten festgeschrieben werden. Die Gebiete im Osten sollen das Recht auf die Bildung lokaler Polizeien erhalten.

Seit dem vergangenen Wochenende werden auf dem Maidan eine Bühne und Tribünenplätze aufgebaut. Die Kamerateams sind zurück. Wer es nicht besser wüsste, könnte meinen, hier wird demnächst ein Konzert oder ein Sportevent stattfinden.

Der Platz ist für die Regierung der Ukraine historisch. Ein großes Wort, aber im Zusammenhang mit den Ereignissen, die sich zwischen dem 18. bis 20. Februar 2014 auf der Institutska Straße/Ecke Kretschatik, zwischen Gewerkschaftshaus, Hotel Ukraina und dem Globus-Shoppingcenter abgespielt haben, hatten sie nicht nur für die Ukraine weitreichende Folgen.

Am 18. Februar hatte der Kommandant des Maidan-Sicherheitsschutzes „Samooborona“, Andreij Parubiy, zu einem „Marsch des Zorns“ in das angrenzende Regierungsviertel Rada aufgerufen. Das Parlament tagte, man wollte den Druck auf die Politiker erhöhen, endlich ein Amtsenthebungsverfahren gegen den damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch auf den Weg zu bringen.

Es war der Auftakt einer zwei Tage währenden Eskalation: An jenem 18. Februar, einem Dienstag kam es den ganzen Tag über zu Prügeleien zwischen Polizei und Demonstranten, am Abend verlagerten sich die Schlägereien aus dem Regierungsviertel, hinunter zum Maidan. In der Nacht versuchte die Polizei den Platz zu stürmen – allerdings ohne Erfolg. Überall auf dem Platz und in einem der direkt an den Maidan angrenzenden Gebäuden brannte es. Die Polizei schoss Blendgranaten, die Demonstranten verteidigten sich mit Molotow-Cocktails und Pflastersteinen.

„Es ist ein Wunder, dass in der Nacht nicht viel mehr Tote und Verletzte zu beklagen waren, wenngleich es Opfer gab“, sagt Marina. Die Ärztin hatte damals als Freiwillige beim Medizinischen Dienst des Maidans geholfen. Es gab zwar Menschen mit Brandverletzungen, aber das war nur das Vorspiel zu dem, was am 20. Februar folgte.

Am 19. Februar spitzte sich die Situation weiter zu. Es kamen immer mehr Menschen auf den Maidan. West-Ukrainer erreichten busseweise Kiew. Die Situation eskalierte dann am Folgetag, am 20. Februar, als einige Demonstranten am Morgen versuchten, erneut ins Regierungsviertel zu stürmen.

Am Vormittag dieses trüben Spätwintertags, wurden innerhalb weniger Stunden über 70 Menschen erschossen. Die meisten starben durch Kugeln von Scharfschützen am unteren Teil der Institutska-Straße. Dort, wo am Sonntag in einer großen Gedenkfeier die Opfer geehrt werden.

Kommentare (1)

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Herr Bodo von Anderswo

20.02.2015, 18:54 Uhr

@H.Weneer. Sie kennen mein Weltbild doch gar nicht! Wenn es so wäre, würde ich Sie bitten Ihren Usernamen in "Rasputin" umzubenennen :-) !

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