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06.02.2013

01:03 Uhr

Mali

Frankreich will im März mit Truppenabzug beginnen

Bei ihrem Einsatz gegen islamistische Rebellen in Mali kommen die französischen Truppen gut voran. Paris denkt bereits über den Abzug nach. Doch nach wie vor ist die Lage gefährlich, warnt Außenminister Fabius.

Ein französischer Soldat in Bamako, Mali. dpa

Ein französischer Soldat in Bamako, Mali.

ParisFrankreich will schon im kommenden Monat damit beginnen, seine Truppen aus Mali abzuziehen. „Ich denke, wenn alles wie geplant klappt, sollte die Zahl der französischen Truppen von März an sinken“, sagte Außenminister Laurent Fabius der Zeitung „Metro“ (Mittwoch). Derzeit sind etwa 4000 französische Soldaten in Mali im Einsatz. Frankreich beabsichtige nicht, dauerhaft in Mali zu bleiben. „Die Afrikaner und Malier selbst sollen die Garanten für die Sicherheit, territoriale Integrität und Souveränität des Landes sein“, sagte Fabius. Deshalb werde man die Verantwortung schrittweise an die westafrikanische Militärmission Misma übergeben.

Rohstoffe aus Nordafrika

Mali

In dem Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, werden Bodenschätze vor allem im Norden vermutet. Abgebaut wird bisher nur Gold, weltweit belegt das Land hier den 18. Rang. Doch in der Region zwischen den bisherigen Islamistenhochburgen Kidal und Gao gibt es auch Uran. "Es handelt sich um eine ähnliche geologische Formation, wie die, die im benachbarten Niger die Uranminen des französischen Atomkonzerns Areva beherbergt", sagte die Afrikaexpertin Gaelle Aerson vor einiger Zeit dem Deutschlandfunk. Erdöl- und Erdgas-Projekte wurden laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) inzwischen wieder eingestellt.

Niger

Das Land stand 2011 bei der Uranproduktion weltweit an vierter Stelle, wie aus einer Energiestudie 2012 der Deutschen Rohstoffagentur hervorgeht. Frankreich, der größte Atomstromproduzent Europas, ist von dem Rohstoff abhängig. Und auch für die französischen Atomwaffen ist Uran unerlässlich. Nach Kasachstan ist Niger für Frankreich das zweitwichtigste Land, um seinen Uran-Bedarf zu decken. Deutschland wiederum deckt einen guten Teil seines Uranbedarfs aus Frankreich.

Im Niger baut der staatliche französische Atomkonzern Areva, 2011 der zweitgrößte Uran-Produzent weltweit, seit 40 Jahren Uran ab. Ende 2014 will Areva dort eine dritte Mine eröffnen, die nach Unternehmensangaben zur zweitgrößten weltweit werden soll. Derzeit sind vier Franzosen, die bei der Uranmine Arlit im Norden des Landes im September 2010 entführt wurden, nach wie vor Geiseln von Al-Kaida in Nordafrika (Aqmi). Neuerdings sichern auch Spezialkräfte der französischen Armee diese Areva-Anlagen. Mit den Minen machte Areva 2011 einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro.

Darüber hinaus gibt es im Niger auch Erdöl, das von einer chinesischen Firma gefördert wird. China ist dort auch im Uran-Abbau aktiv.

Algerien

Das nördliche Nachbarland Malis, in dem im Januar ein islamistisches Kommando hunderte Menschen in einer Gasanlage als Geiseln nahm, gehört für die deutsche Wirtschaft unter den zehn wichtigsten Ländern Afrikas für Raffinerieproduktion. Zwar liegen bei der Erdölproduktion weltweit andere Länder wie Saudi-Arabien weit vor Algerien. Doch für das nordafrikanische Land machen der Export von Erdöl, Erdgas und Raffinerieprodukten laut Auswärtigem Amt rund 98 Prozent seiner Deviseneinnahmen aus. Zudem verläuft von dort aus eine wichtige Pipeline zur Versorgung Südeuropas mit Erdgas.

Der Angriff der Islamisten auf das Gasfeld von In Aménas in Südalgerien wurde denn auch als Attacke auf die vitalen Interessen und als Versuch einer Destabilisierung Algeriens angesehen.

Libyen

Ähnlich ist die Lage in Libyen. Auch dort machen Energieexporte fast den gesamten Erlös im Außenhandel aus. Nach dem Umsturz im Jahr 2011 hat sich laut einem Bericht der deutschen Gesellschaft für Außenwirtschaft die Erdölproduktion Anfang 2012 wieder weitgehend normalisiert. Die Produktion von Erdöl und Erdgas soll künftig deutlich ausgeweitet werden. Rund 40 Prozent der Landesfläche gelten demnach noch als unerforscht, es werden noch große Vorkommen in Libyen vermutet. Viele Großprojekte stehen wegen der politischen Unsicherheit aber still.

Derzeit vergeht in Libyen kaum ein Tag ohne einen Anschlag oder Angriff von Islamisten, die oft mit Gruppen in Algerien, Mali oder Niger zusammenarbeiten.

Quelle: dpa

Vorerst würden französische Truppen aber weiter gegen islamistische Terroristen im Norden Malis vorgehen, sagte Fabius. Der Einsatz habe drei Komponenten, eine militärische, eine politische und eine humanitäre. „In der ersten Phase ist es sehr erfolgreich gelungen, die Terroristengruppen zu stoppen und Städte einzunehmen.“ Es könne aber nach wie vor zu einzelnen Aktionen der Islamisten kommen, sowohl in Mali als auch in den benachbarten Ländern. „Man sollte immer daran denken, dass die Gefahr jederzeit besteht“, warnte Fabius.

Französische Soldaten hatten am 11. Januar damit begonnen, gemeinsam mit malischen Truppen gegen die aus dem Norden vorrückenden islamistischen Rebellen vorzugehen. Seither wurden die Städte Timbuktu und Gao, die sich über Monate in der Hand der Islamisten befanden, zurückerobert. In der Stadt Kidal im Nordosten Malis, sicherten französische Soldaten den strategisch wichtigen Flughafen, während die Stadt selbst nach Angaben der französischen Regierung von rund 1800 Soldaten aus dem zentralafrikanischen Tschad kontrolliert wird.

Was in Mali auf dem Spiel steht

Wieso schreitet die alte Kolonialmacht Frankreich erst jetzt ein?

Frankreich hat in den vergangenen Monaten wiederholt die USA und die UN zum Eingreifen im Norden Malis bewegen wollen, allerdings mit wenig Erfolg. Bei allen Handlungen muss Paris auch immer das Schicksal der französischen Geiseln in der Hand von Islamisten in Afrika berücksichtigen. Es geht auch um Wirtschaftsinteressen. Der Vormarsch der Islamisten auf die strategisch wichtige Stadt Mopti zwang Paris zum Handeln. Seit langem sieht Frankreich seinen Einfluss in der Sahelzone, drei Flugstunden südlich von Europa, in Gefahr. Der Terror dort könnte auf Frankreich selbst übergreifen, weil viele der Gotteskrieger französisch sprechen und Verwandte im Land haben.

Aus welchen Kräften setzt sich die Dreier-Allianz der islamistischen Rebellen im Norden Malis zusammen?

Die Kämpfer der Terrororganisation Al-Kaida im islamischen Maghreb (AQM) gelten als Anführer. Sie sollen durch Drogenschmuggel und Lösegelder für entführte Ausländer über Dutzende Millionen Dollar verfügen. Geheimdiensten zufolge haben die Islamisten insgesamt 6000 ausgebildete Kämpfer in Nordmali, darunter Dschihadisten aus Ägypten, dem Sudan und anderen Staaten. In den Reihen der Islamisten kämpfen auch Männer des nordmalischen Volks der Tuareg. Sie nennen sich Ansar Dine. An ihrer Seite steht die „Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika“ (MUJAO), die ebenfalls die Scharia durchzusetzen will.

Wieso droht ausgerechnet Mali zum „zweiten Afghanistan“ werden?

Mali galt lange als einer der wenigen demokratischen Musterstaaten Afrikas. Nach einem Militärputsch in der im Süden gelegenen Hauptstadt Bamako im März 2012 eroberten Tuareg-Kämpfer gemeinsam mit Islamistengruppen den Norden Malis. In Timbuktu, wo Moscheen, Mausoleen und Friedhöfe zum Weltkulturerbe gehören, ließen die Islamisten mehrere historische Heiligtümer zerstören. Experten fürchten, dass der riesige Norden Malis ohne staatliche Kontrolle ebenso wie Afghanistan unter den Taliban zu einer Brutstätte für islamistische Terrornetzwerke wird. Auch in Afghanistan wurde die Weltöffentlichkeit erst durch die Zerstörung von Kulturgütern auf den Konflikt aufmerksam.

Afrika-Kenner schreiben, der Konflikt in Mali sei eine späte Rache des ermordeten libyschen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi. Wie hängt das zusammen?

Der libysche Diktator hatte kampferprobte Tuareg-Männer aus dem benachbarten Nordmali für seine Streitkräfte rekrutiert. Nach Gaddafis Sturz kehrten viele mit modernen Waffen in die Heimat zurück. Dort verschafften sie den Aufständischen die entscheidende Schlagkraft im Kampf gegen die Zentralregierung im Süden.

Hat die internationale Staatengemeinschaft zu lange die Entwicklungen in Mali ignoriert?

Die dramatische Entwicklung ist eine Katastrophe mit Ankündigung. Über Monate warnten Frankreich, die USA und auch die Vereinten Nationen wechselseitig vor den Gotteskriegern aus Nordmali. Doch aus Sicht der Interimsregierung passierte viel zu wenig. Alarmiert von den jüngsten Vorstößen der Islamisten rief der Weltsicherheitsrat am Freitag dazu auf, die afrikanisch geführte Unterstützungsmission Afisma müsse schneller in Gang gesetzt werden. Dabei war die Entsendung schon Wochen vorher beschlossen worden. Ein Hindernis war bislang, dass es in Mali Vorbehalte gegen den Einmarsch von Soldaten aus Nachbarstaaten gab. Zudem wurde befürchtet, dass der Konflikt sich auch auf andere Länder der Region ausweiten könnte.

Kann es sein, dass deutsche Soldaten bald Seite an Seite mit den Franzosen in Mali kämpfen werden?

Deutschland schließt einen Kampfeinsatz der Bundeswehr in dem westafrikanischen Krisenstaat derzeit aus. Die Europäische Union plant seit längerem, etwa 200 Militärberater zu entsenden. Sie sollen malische Soldaten auf den Kampf gegen Rebellen vorbereiten. Auch Bundeswehrsoldaten dürften bei der Ausbildung mit dabei sein. Bisher war geplant, die Ausbilder innerhalb der ersten drei Monate dieses Jahres nach Mali zu schicken. Nach den jüngsten Entwicklungen hat die EU angekündigt, die Militärausbilder schneller zu entsenden. Quelle: dpa

Seit Beginn des französischen Einsatzes seien auf Seiten der Islamisten mehrere Hundert Kämpfer getötet worden, sagte Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian am Dienstagabend dem französischen Nachrichtensender BFMTV. Auch die materiellen Schäden seien erheblich. Auf französischer Seite kam bislang ein Soldat ums Leben.

In Bezug auf mögliche Unterstützung internationaler Partner verwies Le Drian erneut auf nicht ausreichende Mittel zur Luftbetankung der französischen Kampfjets. Zudem fehlten Drohnen für Aufklärungsmissionen.

Fabius zeigte sich erfreut über die große Unterstützung für den Einsatz, national wie international. Die Kosten allein für die französischen Truppen bezifferte er auf mehrere 10 Millionen Euro.

Von

dpa

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