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26.01.2013

14:58 Uhr

Mali zwischen Scharia und Krieg

Binnenvertriebene suchen Frieden

Über 350.000 Malier sind auf der Flucht. Erst wollten sie Extremisten entkommen, jetzt drohen französische Bomben. Aber die Menschen sind sich einig: Die Verbrechen der Rebellen haben mit Religion nichts zu tun.

350.000 Malier sind auf der Flucht vor Rebellen und französischen Bomben. AFP

350.000 Malier sind auf der Flucht vor Rebellen und französischen Bomben.

BamakoYacouba Souleyman ist weit weg von Zuhause. 1.300 Kilometer trennen ihn von seiner Heimatstadt Ansongo im Nordosten Malis. Erst gab es einen Militärcoup im Süden, dann fielen islamische Terroristen in seine Heimatregion ein. Seit zehn Monaten flieht der 26-Jährige von einem Ort zum anderen, immer auf der Suche nach Frieden und Sicherheit. Derzeit arbeitet er als Angestellter an einem College in der Hauptstadt Bamako. „Es war unmöglich, im Norden zu bleiben“, sagt er.

Denn seit brutale Islamisten im März 2012 die Kontrolle in der Region übernommen haben, ist nichts mehr, wie es einmal war. „Diese Kriminellen haben schwere Verbrechen begangen. Sie haben kleine Mädchen vergewaltigt“, erzählt Souleyman. Dann ruft er wütend: „Dieses Verhalten ist nicht muslimisch!“

Der junge Mann ist einer von Hunderttausenden Binnenvertriebenen, die nach dem Vorrücken der Extremisten ihre Heimatstädte verlassen haben. Viele weitere sind in Nachbarländer wie Mauretanien, Burkina Faso und Niger geflüchtet, oft kommen sie zu Fuß in den staubigen Camps an. Seit Malier und Franzosen vor knapp zwei Wochen gemeinsam eine Militäroffensive gegen die Rebellen gestartet haben, hat der Flüchtlingsstrom noch weiter zugenommen. Schätzungen zufolge sind seither weitere 10.000 Menschen auf der Flucht, innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen.

Internationale Hilfsorganisationen machen sich zunehmend Sorgen, dass die Intervention vor allem verheerende humanitäre Folgen haben könnte. Weitere Menschen könnten vertrieben und Hilfsgüter blockiert werden, warnt Ilaria Allegrozi, die für die britische Organisation Oxfam in Bamako tätig ist.

Noch schlimmer ist es aber für diejenigen, die im Norden bleiben müssen, weil sie weder Geld noch Transportmöglichkeiten haben. Zudem sind vermutlich zahlreiche Zivilisten bei den Luftangriffen und Zusammenstößen zwischen Militär und Islamisten verletzt worden - eine genaue Zahl gibt es bisher nicht. „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) forderte bereits vor Tagen, medizinische Versorgung für Verwundete zu gewährleisten. „Wir rufen alle Konfliktparteien dazu auf, sowohl die zivile Bevölkerung als auch humanitäre Organisationen zu respektieren“, erklärte der örtliche MSF-Direktor Malik Allaouna.

Dennoch: Die Unterstützung für die Militärmission aus Paris ist riesig. Die Malier lebten bis vor zehn Monaten in einer afrikanischen Vorzeigedemokratie und folgten einem eher moderaten Islam. Die meisten finden es unerträglich, sich jetzt von religiösen Fanatikern vorschreiben zu lassen, was sie anziehen und welche Musik sie hören dürfen - einmal ganz zu schweigen von den gruseligen Bestrafungen inklusive Amputationen und Auspeitschungen.

Was in Mali auf dem Spiel steht

Wieso schreitet die alte Kolonialmacht Frankreich erst jetzt ein?

Frankreich hat in den vergangenen Monaten wiederholt die USA und die UN zum Eingreifen im Norden Malis bewegen wollen, allerdings mit wenig Erfolg. Bei allen Handlungen muss Paris auch immer das Schicksal der französischen Geiseln in der Hand von Islamisten in Afrika berücksichtigen. Es geht auch um Wirtschaftsinteressen. Der Vormarsch der Islamisten auf die strategisch wichtige Stadt Mopti zwang Paris zum Handeln. Seit langem sieht Frankreich seinen Einfluss in der Sahelzone, drei Flugstunden südlich von Europa, in Gefahr. Der Terror dort könnte auf Frankreich selbst übergreifen, weil viele der Gotteskrieger französisch sprechen und Verwandte im Land haben.

Aus welchen Kräften setzt sich die Dreier-Allianz der islamistischen Rebellen im Norden Malis zusammen?

Die Kämpfer der Terrororganisation Al-Kaida im islamischen Maghreb (AQM) gelten als Anführer. Sie sollen durch Drogenschmuggel und Lösegelder für entführte Ausländer über Dutzende Millionen Dollar verfügen. Geheimdiensten zufolge haben die Islamisten insgesamt 6000 ausgebildete Kämpfer in Nordmali, darunter Dschihadisten aus Ägypten, dem Sudan und anderen Staaten. In den Reihen der Islamisten kämpfen auch Männer des nordmalischen Volks der Tuareg. Sie nennen sich Ansar Dine. An ihrer Seite steht die „Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika“ (MUJAO), die ebenfalls die Scharia durchzusetzen will.

Wieso droht ausgerechnet Mali zum „zweiten Afghanistan“ werden?

Mali galt lange als einer der wenigen demokratischen Musterstaaten Afrikas. Nach einem Militärputsch in der im Süden gelegenen Hauptstadt Bamako im März 2012 eroberten Tuareg-Kämpfer gemeinsam mit Islamistengruppen den Norden Malis. In Timbuktu, wo Moscheen, Mausoleen und Friedhöfe zum Weltkulturerbe gehören, ließen die Islamisten mehrere historische Heiligtümer zerstören. Experten fürchten, dass der riesige Norden Malis ohne staatliche Kontrolle ebenso wie Afghanistan unter den Taliban zu einer Brutstätte für islamistische Terrornetzwerke wird. Auch in Afghanistan wurde die Weltöffentlichkeit erst durch die Zerstörung von Kulturgütern auf den Konflikt aufmerksam.

Afrika-Kenner schreiben, der Konflikt in Mali sei eine späte Rache des ermordeten libyschen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi. Wie hängt das zusammen?

Der libysche Diktator hatte kampferprobte Tuareg-Männer aus dem benachbarten Nordmali für seine Streitkräfte rekrutiert. Nach Gaddafis Sturz kehrten viele mit modernen Waffen in die Heimat zurück. Dort verschafften sie den Aufständischen die entscheidende Schlagkraft im Kampf gegen die Zentralregierung im Süden.

Hat die internationale Staatengemeinschaft zu lange die Entwicklungen in Mali ignoriert?

Die dramatische Entwicklung ist eine Katastrophe mit Ankündigung. Über Monate warnten Frankreich, die USA und auch die Vereinten Nationen wechselseitig vor den Gotteskriegern aus Nordmali. Doch aus Sicht der Interimsregierung passierte viel zu wenig. Alarmiert von den jüngsten Vorstößen der Islamisten rief der Weltsicherheitsrat am Freitag dazu auf, die afrikanisch geführte Unterstützungsmission Afisma müsse schneller in Gang gesetzt werden. Dabei war die Entsendung schon Wochen vorher beschlossen worden. Ein Hindernis war bislang, dass es in Mali Vorbehalte gegen den Einmarsch von Soldaten aus Nachbarstaaten gab. Zudem wurde befürchtet, dass der Konflikt sich auch auf andere Länder der Region ausweiten könnte.

Kann es sein, dass deutsche Soldaten bald Seite an Seite mit den Franzosen in Mali kämpfen werden?

Deutschland schließt einen Kampfeinsatz der Bundeswehr in dem westafrikanischen Krisenstaat derzeit aus. Die Europäische Union plant seit längerem, etwa 200 Militärberater zu entsenden. Sie sollen malische Soldaten auf den Kampf gegen Rebellen vorbereiten. Auch Bundeswehrsoldaten dürften bei der Ausbildung mit dabei sein. Bisher war geplant, die Ausbilder innerhalb der ersten drei Monate dieses Jahres nach Mali zu schicken. Nach den jüngsten Entwicklungen hat die EU angekündigt, die Militärausbilder schneller zu entsenden. Quelle: dpa

Auch Souleyman wurde Zeuge, wie derzeit in Nord-Mali eine strenge Auslegung der Scharia durchgesetzt wird: Als er im Sommer seine Mutter in dem Ort Karou - 190 Kilometer südlich der strategisch wichtigen Stadt Gao - besuchte, durften Männer ihre Hosen nicht länger als bis zu den Knöcheln tragen - das geht auf die Sitten zuzeiten des Propheten Mohammed zurück; Frauen mussten sich verhüllen. Wer gegen die Regeln verstieß, wurde verprügelt.

Wie viele seiner Landsleute wehrt sich Souleyman denn auch gegen das Wort „Islamisten“ als Beschreibung für die Extremisten. Mit Glauben und muslimischer Religion habe das alles wenig zu tun, meint er. Der Einsatz der Franzosen sei deshalb richtig: „Wir sind sehr dankbar und hoffen, dass sie ihre Mission erfüllen werden.“

Mali – Wie aus dem Musterland eine Krisenregion wurde

21./22. März 2012

Meuternde Soldaten stürzen Präsident Amadou Toumani Touré. Hintergrund sind Kämpfe zwischen Tuareg-Rebellen und Regierungstruppen im Norden des Landes.

6. April 2012

Wenige Tage später spitzt sich die Lage im Norden weiter zu. Nach einem militärischen Siegeszug erklären Tuareg-Rebellen das eroberte Gebiet für unabhängig. Der neue Staat soll Azawad heißen.

12. April 2012

Der bisherige Vorsitzende der Nationalversammlung, Dioncounda Traoré, wird als Interimspräsident vereidigt.

30. Juni 2012

Islamisten zerstören in Gao und Timbuktu jahrhundertealte Mausoleen, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Sie setzen ihr zerstörerisches Werk in den nächsten Tagen fort und lösen damit internationale Proteste aus.

15. Oktober 2012

Die EU-Außenminister beschließen in Luxemburg die Entsendung von Militärausbildern nach Mali, um die einheimischen Streitkräfte für den Kampf gegen die Islamisten zu rüsten.

19. Oktober 2012

In Malis Hauptstadt Bamako diskutieren Experten, wie eine Spaltung des Landes zu verhindern wäre. Eine Militärintervention afrikanischer Staaten unter UN-Mandat wird immer wahrscheinlicher.

1. November 2012

Bei einem Besuch in Mali stellt Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) humanitäre und militärische Hilfe in Aussicht.

12. November 2012

Die westafrikanischen Staatschefs einigen sich in Nigeria auf die Entsendung von 3500 Soldaten, um den Norden gewaltsam zu befreien. Die Afrikanische Union gibt grünes Licht.

5. Dezember 2012

Die Tuareg strebten eine politische Lösung an, sagt ein Sprecher nach einem Treffen mit der Regierung Malis, an dem auch Vertreter der islamistischen Organisation Ansar Dine teilnahmen.

20. Dezember 2012

Der UN-Sicherheitsrat spricht sich einstimmig für die Entsendung von Friedenstruppen aus. Die unter afrikanischer Führung stehende Afisma-Mission solle die Regierung Malis „mit allen notwendigen Mitteln“ unterstützen, heißt es in der Resolution. Kurz darauf erklären sich Tuareg und Islamisten zum Dialog bereit. Zugleich werden in Timbuktu weitere Heiligtümer zerstört.

8. Januar 2013

Die Rebellen rücken immer weiter nach Süden vor. Einwohner berichten von Gefechten zwischen Islamisten und Armee.

10. Januar 2013

Angesichts der Offensive spricht sich der UN-Sicherheitsrat in einer Sondersitzung für eine schnelle Entsendung von internationalen Truppen aus.

11. Januar 2013

Soldaten aus Frankreich, Nigeria und dem Senegal seien in Mali eingetroffen, gibt die Regierung in Bamako bekannt. Präsident Traoré hatte in einem Brief an Frankreichs Präsidenten François Hollande und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon um Hilfe gebeten.

12. Januar 2013

Französische Kampfjets zwingen die Rebellen zum Rückzug aus der umkämpften Stadt Kona. Ein französischer Hubschrauberpilot kommt ums Leben. Quelle: dpa

Von

dpa

Kommentare (5)

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psy

26.01.2013, 15:24 Uhr

echt schade das das Handelsblatt zum Propagandasprachrohr des Krieges wird. nichts gegen objektive Berichterstattung, aber bei dem obigen Artikel ist die unterschwellige Botschaft nicht zu verkennen.

Account gelöscht!

26.01.2013, 15:58 Uhr

Es ist schon erstaunlich wie viele Menschen, die hier trocken und warm sitzen, es einfach ignorieren, dass die mehr heit der Bevölkerung auch im Norden des Landes dankbar ist für diesen Militäreinsatz.

Da wird man dann eben besonders agressiv, wenn das nicht in das eigen Weltbild passt und ein Artikel über die Flüchtlinge wird soafort als Kriegspropaganda difamiert !

ubjay

26.01.2013, 17:05 Uhr

Man sollte nicht vergessen, dass Frankreich zuvor diese Leute als "Aufständische" mit Waffen versorgt hat.
Jetzt sind es plötzlich Feinde.

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