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01.06.2017

12:10 Uhr

„Manche werden wohl nie gefunden“

Ermittler rekonstruieren Anschlag von Kabul

Der Attentäter von Kabul wollte seine Bombe offenbar an einem anderen Ort zünden. Sicherheitskräfte hielten ihn auf. Angela Merkel zeigt sich von der Diskussion um einen Abschiebestopp unbeeindruckt.

Der Krater zeigt die gewaltige Kraft der Explosion und das ganze Ausmaß der Zerstörung rund um das Gebäude der deutschen Botschaft. AP

Ort der Explosion

Der Krater zeigt die gewaltige Kraft der Explosion und das ganze Ausmaß der Zerstörung rund um das Gebäude der deutschen Botschaft.

KabulNach einem der schwersten Anschläge in Afghanistan seit Beginn der internationalen Intervention im Jahr 2001 mit mindestens 90 Toten und rund 460 Verletzten gibt es mehr Hinweise darauf, was sich vor der Botschaft abgespielt hat.

Das Eckhaus der Botschaft, das durch die Explosion der massiven Lastwagenbombe schwer beschädigt wurde, liegt neben einem mit einem Sicherheitsposten gesicherten Zugang zur sogenannten Grünen Zone – einem Areal mit wichtigen afghanischen und internationalen Büros. Wie der Sprecher der Kabuler Polizei, Basir Mudschahid, am Donnerstag sagte, sei der mit Sprengstoff gefüllte Wassertanker wohl zunächst an diesen Sicherheitsposten herangefahren. Die Polizei habe ihn aber nicht durchgelassen. Der Fahrer habe dann kehrtgemacht, sei weitergefahren und habe kurz darauf die Bombe an der Straße zwischen der deutschen Botschaft und dem nächsten Eingang zur Grünen Zone gezündet.

Hätte der Lastwagen Zugang zu der Straße bekommen, hätten die Attentäter entlang des Weges direkten Zugang zu vielen Zielen gehabt – was weiter die Frage offenlässt, ob die deutsche Botschaft das beabsichtigte Ziel des Anschlags oder Kollateralschaden war. Das Tor der deutschen Botschaft liegt etwa 30 Meter hinter dem Posten. Weiter die Straße entlang liegen aber auch US-Militäreinrichtungen, ein Tor zum Präsidentenpalast, das Haus des wichtigen Unabhängigen Direktorats für Lokale Regierungsführung, die indische Botschaft sowie am Ende der Straße das Nato-Hauptquartier und die US-Botschaft.

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Der Sender Tolo TV berichtete unter Berufung auf Sicherheitsquellen, im Wassertanker seien 1500 Kilo Sprengstoff versteckt gewesen. Polizeisprecher Mudschahid sagte aber, das sei noch nicht klar. Die Explosion hatte etwa 80 Meter von der Umgebungsmauer der deutschen Botschaft einen mehrere Meter tiefen Krater hinterlassen.

„Bisher haben wir die gleiche Totenzahl wie gestern“, sagte der Sprecher des afghanischen Gesundheitsministeriums, Mohammed Ismail Kawusi, am Donnerstagmorgen. Es gebe aber Hinweise auf weitere Opfer. „Wir glauben, dass manche Menschen niemals gefunden werden, weil die Explosion sie in zu kleine Stücke gerissen hat.“ Manche der Leichen seien kaum zu identifizieren. „Es ist einfach furchtbar.“

Etliche Menschen warteten am Donnerstag in Krankenhäusern, um Neuigkeiten über den Zustand von Verletzten zu erfahren. Bei dem Lastwagen-Anschlag im Botschaftsviertel der afghanischen Hauptstadt waren am Mittwoch mindestens 90 Menschen getötet und mehr als 450 Menschen verletzt worden. Die meisten der Opfer waren Zivilisten.

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Eine offene Frage ist, wer für den Anschlag verantwortlich ist. Der afghanische Geheimdienst NDS hatte in der Nacht eine Stellungnahme veröffentlicht, wonach der Anschlag vom Hakkani-Netzwerk geplant und mithilfe des pakistanischen Geheimdienstes ISI ausgeführt worden sei. Das Hakkani-Netzwek ist eine besonders brutale afghanische Aufständischengruppe, die eng mit den radikalislamischen Taliban zusammenarbeitet. Afghanistan wirft Pakistan seit Jahren vor, die Hakkanis und die Taliban zu unterstützen. Beweise legte der NDS zunächst nicht vor. Die Taliban sagen, sie seien es nicht gewesen.

In Deutschland wird weiter diskutiert, ob Menschen nach Afghanistan abgeschoben werden dürfen.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will daran festhalten. Der erschütternde Anschlag sei „noch einmal Anlass, genau hinzuschauen, die Sicherheitslage immer wieder richtig zu analysieren (...), Provinz für Provinz“. Das mache das Außenamt. Es gehe auch darum, sich bei Abschiebungen auf Flüchtlinge zu konzentrieren, die kriminelle Taten in Deutschland begangen hätten und sich jeden Einzelfall genau anzuschauen. „Das ist für mich die Lehre aus dem gestrigen Tag.“

Unionsfraktionschef Kauder sagte in der ARD: „Es bleibt dabei, das grundsätzlich in Regionen in Afghanistan abgeschoben werden kann“. Einen grundsätzlichen Abschiebestopp halte er nicht für richtig. FDP-Chef Christian Linder sagte der „Passauer Neuen Pesse“: „Ein genereller Abschiebestopp wäre ein Konjunkturprogramm für kriminelle Schlepper.“

Grünen-Chef Cem Özdemir will dagegen eine Änderung: „Ich fordere den Außenminister auf, jetzt, in dieser Situation, endlich das Notwendige zu machen – auf sein Herz zu hören, die Lageberichte der Wirklichkeit anzupassen.“

Kommentare (3)

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Frau Lana Ebsel

01.06.2017, 12:14 Uhr

Natürlich ist der übliche Reflex von SPD und Grünen, dass wir keinen Afghanen mehr ausweisen dürfen. Wo war dieser Reflex nach dem Anschlag in Berlin? Warum haben sie da nicht alle in Deutschland befindlichen Afghanen zur Sicherheit außer Landes gebracht? Auch für Deutschland gibt es Einreisewarnungen!

Herr Ciller Gurcae

01.06.2017, 14:00 Uhr

Es gibt eben Menschen in Deutschland, von linksaußen bis cdu praktisch durchgehend, denen das Wohl und Wehe von Deutschen nicht sonderlich wichtig ist.

Aber sowie es um Ausländer geht, da kommt der anerzogene Pawlowsche Reflex: Denen müssen wir helfen, koste es, was es wolle. Und diesen Reflex nenne ich krankhaft.

Herr Heinz Keizer

01.06.2017, 18:16 Uhr

Junge Afghanische Männer, die sich hier ausruhen und nicht bereit sind ihr Land gegen die Taliban zu verteidigen, dürfen nicht abgeschoben werden, weil es zu gefährlich ist? Dann müssen wir im Umkehrschluss umgehend die deutschen Soldaten und zivilen Helfer aus Afghanistan abziehen. Denen ist das doch wohl noch weniger zumutbar, oder? Die verschrobene Denkweise der Linken (in allen Parteien) verstehe ich nicht. Nur Afghanen, die in deutschen Diensten standen und bedroht sind, sollten hier Asyl bekommen.

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