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24.02.2014

15:31 Uhr

Markt-Turbulenzen möglich

Ökonomen warnen vor Ukraine-Pleite

VonDietmar Neuerer

ExklusivDie Ukraine kann einen Staatsbankrott aus Sicht von Experten nur mit westlicher Hilfe abwenden. Finanzspritzen alleine werden das Land aber nicht auf die Beine bringen. In der Politik kursieren bereits weitere Ideen.

Nach Protesten

Ukraine: Kommt jetzt der Neuanfang?

Nach Protesten: Ukraine: Kommt jetzt der Neuanfang?

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BerlinFührende Ökonomen in Deutschland sehen einer möglichen Staatspleite der Ukraine mit Sorge entgegen. „Eine Staatspleite der Ukraine würde die Unsicherheit der Investoren deutlich erhöhen“, sagte der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, Handelsblatt Online. „Sie sind wegen der sich abzeichnenden geldpolitischen Wende in den USA ohnehin besorgt, was seit Mitte letzten Jahres die Währungen vieler Schwellenländer unter Druck gesetzt hat.“ Das größte direkte Risiko für Europa bestehe allerdings in der Unsicherheit bei den Gaslieferungen. Die EU-Länder bezögen 22 Prozent ihres Erdgases aus Russland, erläuterte Krämer. „Wenn die Ukraine die Durchleitung verweigerte, könnte nur die Hälfte über andere Pipelines umgeleitet werden.“

Der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, gab zu bedenken, dass die Ukraine seit geraumer Zeit auf öffentliche Kreditgeber außerhalb des Landes angewiesen sei – sei es Russland, der Internationale Währungsfonds (IWF) oder potenziell auch die Europäische Union. „Es ist wenig wahrscheinlich, dass diese Geldgeber ihre Kreditvergabe verlängern, solange der politische Kurs des Landes nicht klar ist“, sagte Kater Handelsblatt Online. „Das gibt der Opposition einen zusätzlichen Hebel in die Hand: keine Einigung über die politische Zukunft der Ukraine bedeutet automatisch die Staatspleite, wobei noch nicht ausgemacht ist, ob es sich eher um die Verzögerung von Zahlungen handelt, oder um Ausfälle, denn die Ukraine ist bei politischer Stabilität kein hoffnungsloser Fall.“

Eine Staatspleite würde aus Sicht Katers zunächst die Menschen in der Ukraine selbst betreffen, bei denen es selbst in einheimischer Währung in der Vergangenheit schon zu Verzögerungen bei staatlichen Zahlungen gekommen sei. „Westliche Banken haben sich in der Ukraine zurückgehalten, denn die Risiken waren bereits vor der aktuellen Zuspitzung der politischen Lage sehr hoch“, sagte der Dekabank-Ökonom weiter. „Sicherlich würde es in einem solchen Fall auch auf ausländischer Investorenseite Verluste oder Verzögerungen geben, allerdings gehe ich nicht von einer Systembedrohung aus.“

Die wirtschaftliche Bedeutung der Ukraine

Rohstoffe

Das flächenmäßig nach Russland größte europäische Land besitzt jede Menge davon: Eisenerz, Kohle, Mangan, Erdgas und Öl, aber auch Graphit, Titan, Magnesium, Nickel und Quecksilber. Von Bedeutung ist auch die Landwirtschaft, die mehr zu Bruttoinlandsprodukt beiträgt als Finanzindustrie und Bauwirtschaft zusammen. Etwa 30 Prozent der fruchtbaren Schwarzerdeböden der Welt befinden sich in der Ukraine, die zu den größten Weizenexporteuren gehört. In der Tierzucht spielt das Land ebenfalls eine führende Rolle.

Wirtschaftskraft

Sie ist gering. Das Bruttoinlandsprodukt liegt umgerechnet bei etwa 130 Milliarden Euro, in Deutschland sind es mehr als 2700 Milliarden Euro. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt nicht einmal 3900 Dollar im Jahr. Wuchs die Wirtschaft 2010 um 4,1 und 2011 um 5,2 Prozent, waren es 2012 noch 0,2 Prozent. 2013 dürfte es nur zu einem Plus von 0,4 Prozent gereicht haben.

Außenhandel

Exportschlager sind Eisen und Stahl, gefolgt von Nahrungsmitteln, Rohstoffen und chemischen Produkten. Wichtigstes Importgut ist Gas. Auch Erdöl muss eingeführt werden. Die Ukraine könnte aber vom Energie-Importeur zum -Exporteur werden, weil sie große Schiefergasvorkommen besitzt.

Industrie

Sie ist von der Schwerindustrie geprägt, besonders von der Stahlindustrie, dem Lokomotiv- und Maschinenbau. Ein Grund ist, dass die Sowjetunion einen Großteil der Rüstungsproduktion in ihrer Teilrepublik Ukraine angesiedelt hatte. Eine Westorientierung und die Übernahme von EU-Rechtsnormen könnte das Land zunehmend zum Produktionsstandort für westliche Firmen machen.

Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland

Deutschland ist einer der wichtigsten Handelspartner der Ukraine. Gemessen an der Größe des Landes ist das deutsche Handelsvolumen aber unterdurchschnittlich. Zu den wichtigsten deutschen Exportgütern zählen Maschinen, Fahrzeuge, Pharmaprodukte und elektrotechnische Erzeugnisse. Wichtigste ukrainische Ausfuhrgüter sind Textilien, Metalle und Chemieprodukte. Nach Angaben des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft sind knapp 400 deutsche Unternehmen in der Ukraine vertreten. Bei den Direktinvestitionen liegt Deutschland auf Platz zwei hinter Zypern.

Chancen ergeben sich für die deutsche Wirtschaft vor allem im ukrainischen Maschinen- und Anlagenbau. Zudem ist die frühere Sowjetrepublik mit ihren rund 45 Millionen Einwohnern ein potenziell wichtiger Absatzmarkt für Fahrzeuge. Korruption und hohe Verwaltungshürden stehen Investitionen indes im Wege.

Wirtschaftsbeziehungen zur EU

Rund ein Drittel der ukrainischen Exporte fließt in die EU. Eine engere wirtschaftliche Verknüpfung durch ein Handels- und Assoziierungsabkommen liegt auf Eis, nachdem Präsident Viktor Janukowitsch auf russischen Druck seine Unterschrift verweigerte. Für die EU ist die Ukraine für die Versorgung mit Erdgas von Bedeutung. Rund ein Viertel ihres Gases bezieht die EU aus Russland, die Hälfte davon fließt durch die Ukraine.

Wiirtschaftsbeziehungen zu Russland

Mit Abstand wichtigster Handelspartner der Ukraine ist Russland. Ein Drittel der Importe stammt aus dem Nachbarland, ein Viertel der Exporte gehen dorthin. Der Regierung in Moskau ist eine Orientierung der Ukraine nach Westen ein Dorn im Auge. Stattdessen drängt sie das Land zum Beitritt zur Zollunion mit Kasachstan und Weißrussland.

Streit flammt zwischen beiden Ländern immer wieder über Gaslieferungen auf. Die Ukraine importiert fast ihr gesamtes Gas aus Russland, muss dafür aber einen für die Region beispiellos hohen Preis zahlen. Der Konflikt über Preise und Transitgebühren hat in der Vergangenheit zu Lieferunterbrechungen geführt, die auch die Gasversorgung Europas infrage stellten.

Die Ukraine braucht in den kommenden beiden Jahren 35 Milliarden Dollar an ausländischer Hilfe. Die erste Tranche sei in ein bis zwei Wochen nötig, teilte der amtierende Finanzminister Juri Kolobow am Montag mit und rief zu einer Geberkonferenz auf. In den vergangenen zwei Tagen habe es bereits Beratungen mit der EU, den USA, anderen Ländern und Finanzorganisationen gegeben.

US-Finanzminister Jack Lew forderte die Ukraine auf, wegen Finanzhilfen zügig auf den IWF zuzugehen. Sobald eine Übergangsregierung stehe, sollte sich das Land um Hilfen bemühen, sagte Lew einem Vertreter des Ministeriums zufolge. Die USA, die EU und andere in der internationalen Gemeinschaft seien bereit, ein IWF-Programm zu unterstützen. Die EU sagte der Ukraine finanzielle Hilfe zu, knüpft diese aber an Reformen der neuen Regierung.

Russland hat als Reaktion auf den Machtwechsel den Geldhahn zugedreht und Milliardenhilfen auf Eis gelegt. Der Osteuropa-Beauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler, sprach sich in der ARD dafür aus, bei Finanzhilfen auch Russland ins Boot zu holen. Aus Moskau kommen derzeit aber andere Signale. Der russische Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew drohte Kiew vielmehr mit der Erhebung von Zöllen. Wenn die künftige ukrainische Regierung doch noch ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union unterzeichne, würde Russland wegen des Freihandels in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) mit zollfreien Waren aus der EU überschwemmt, sagte der Minister dem Handelsblatt.

Die Ukraine könne ihren Weg selbst bestimmen - „aber wir sind dann gezwungen, Importzölle zu erhöhen“, sagte Uljukajew. Der Wirtschaftsminister schloss aus, dass die Ukraine nach Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens ein bedeutender Handelspartner Russlands bleiben werde. „Das eine ist mit dem anderen nicht vereinbar.“

Kommentare (18)

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Notar

24.02.2014, 13:16 Uhr

Zitat : Die Ukraine braucht in den kommenden beiden Jahren 35 Milliarden Dollar an ausländischer Hilfe. Die erste Tranche sei in ein bis zwei Wochen nötig, teilte der amtierende Finanzminister Juri Kolobow am Montag mit und rief zu einer Geberkonferenz auf.

Die Kredite von IWF, der EU, Russland, etc. wandern doch alle auf Konten der Korrumpierten Regierung und korrumpierten Opposition, falls diese die Macht an sich reißt !

[...]
Der IWF hat an das von der korrupten Timoschenko geplünderte Land schon mal Kredite vergeben :

http://de.reuters.com/article/idDEBEE66S07820100729


Zitat Spiegel : "Willkommen in der Freiheit"

Weiter soll Merkel ihr gesagt haben, Timoschenko solle sich "um den Zusammenhalt der bisherigen Opposition" bemühen. Die Kanzlerin sagte weiter: "Willkommen in der Freiheit."


http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-merkel-und-putin-telefonieren-a-955191.html

[...]

[...] Hat sie denn keine Berater...? Oder hört sie auf diese nicht ?

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Truchel

24.02.2014, 13:18 Uhr

Ja, ja, die deutschen Ökonomen!? Die Nummer "Ukraine" dürfte für das hoch verschuldete Europa wohl zu groß sein. Die EU wird allein schon an den Schulden der Mitgliedsländer zerbrechen. Und natürlich an der irrsinnigen Diktatur ohne Bürgerwillen. Die Europawahlen werden es beschleunigen!

Account gelöscht!

24.02.2014, 13:38 Uhr

Wo sind denn die Milliarden der Oligarchen? Erst mal dort Geld einsammeln, weil bis zum Beweis des Gegenteils erst mal angenommen werden muß, daß dieses Geld unrechtmäßig erworben ist. Und danach gucken wir dann mal, wie der Finanzbedarf in der Ukraine aussieht.
Auch wenn der neue Präsident Klitschko heißen sollte, darf man von dieser Linie nicht abweichen! Sonst wird das ein neues Faß ohne Boden. Ich war einige Zeit sehr häufig in der Ukraine und habe einiges erlebt, wie man dort Geld versickern läßt....

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