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07.12.2014

16:29 Uhr

Maros Sefcovic

„Europa erfährt nicht die Behandlung, die es verdient“

ExklusivMoskau will die Türkei zur Drehscheibe für russisches Gas machen. Der EU-Kommissions-Vizepräsident sieht die Versorgungssicherheit durch das mächtige Transitland nicht in Gefahr– spart aber nicht mit Kritik an Russland.

Die Türkei als neue Gasdrehscheibe? Das Aus der South-Stream-Pipeline macht es möglich. Reuters

Die Türkei als neue Gasdrehscheibe? Das Aus der South-Stream-Pipeline macht es möglich.

BrüsselNach dem Aus der South-Stream-Pipeline will Moskau die Türkei zur neuen Drehscheibe für russisches Gas machen. Maros Sefcovic, als Vizepräsident der EU-Kommission für die Energieunion verantwortlich, fürchtet die neue Macht des Transitlandes Türkei nicht. „Ich bin zwar erst ein paar Wochen im Amt, habe aber bereits viele Gespräche in der Region geführt, unter anderem mit dem türkischen Energieminister“, sagte Sefcovic dem Handelsblatt (Montagausgabe). „Ich habe keinen Anlass, die Verlässlichkeit des Landes als Energiepartner infrage zu stellen.“

Versorgungssicherheit für Europa ist auch Thema, wenn sich der Vizepräsident der EU-Kommission an diesem Dienstag mit den EU-Staaten trifft, die vom Aus der South-Stream-Gaspipeline betroffen sind. Durch die insgesamt 2.380 Kilometer lange Leitung wollte Russland Gas durch das Schwarze Meer nach Bulgarien und von dort über Serbien bis nach Italien pumpen. „Russland will das Projekt beenden, weil es nicht willens ist, sich an die europäischen Spielregeln zu halten“, sagte Sefcovic. „Für Europa hat Versorgungssicherheit oberste Priorität. Und dabei geht es natürlich nicht nur um neue Lieferwege für russisches Gas, wie es South Stream wäre, sondern vor allem um neue Bezugsquellen. Das haben auch die EU-Mitgliedstaaten beschlossen.“

Die internationale Gasleitung South Stream

Länge

Die Erdgasleitung South Stream bildet eine Gesamtlänge von 2380 Kilometern.

Unter Wasser

Das Herzstück ist ein 925 Kilometer langer Abschnitt im Schwarzen Meer durch russische, türkische und bulgarische Hoheitsgewässer.

Über Land

Vom bulgarischen Anlandepunkt in der Hafenstadt Warna sollte eine 1455 Kilometer lange Landleitung durch Serbien, Ungarn und Slowenien bis nach Norditalien führen.

Vom schwarzen Meer bis Italien

South Stream soll nach den bisherigen Plänen die russische Stadt Anapa am Schwarzen Meer mit dem italienischen Grenzort Tarvisio verbinden. Sie würde es ermöglichen, russisches Gas am Krisenland Ukraine vorbei nach Europa zu transportieren.

Haushalte

Bisherige russische Pläne gingen davon aus, dass durch die Leitung von 2019 an bis zu 38 Millionen Haushalte versorgt werden könnten.

Kosten

Die Kosten für das Vorhaben werden auf 16 Milliarden Euro geschätzt.

Gazprom und Eni

An der Firma South Stream Transport, die ihren Sitz in den Niederlanden hat, sind der russische Gasmonopolist Gazprom mit 50 Prozent und der teilstaatliche italienische Energieversorger Eni mit 20 Prozent beteiligt.

Wintershall und EDF

Die BASF-Tochter Wintershall und der mehrheitlich staatliche französische Energiekonzern EDF halten je 15 Prozent.

Mittelfristig ist es Sefcovics Ziel, die Energieunion aller EU-Staaten voranzutreiben. „Eine Europäische Energieunion muss natürlich mit den Regeln des Wettbewerbs und der Welthandelsorganisation kompatibel sein. Aber eines ist doch klar und sollte auch den Unternehmen bewusst sein: Europa muss mit einer Stimme sprechen und das geht nur, wenn sich alle stärker koordinieren“, sagte Sefcovic dem Handelsblatt.

Es könne nicht sein, dass Preise, die zum Beispiel die russische Gazprom einigen Ländern abverlange, zuweilen zu hoch seien, und sich Europa auch noch Sorgen um die Liefersicherheit machen müsse. „Wenn es um den Einkauf von Energie geht, erfährt Europa heute nicht die Behandlung, die es verdient“, sagte Sefcovic. „Unsere Mitgliedsstaaten sind gute Abnehmer, zahlen jährlich rund 400 Milliarden Euro – und sie zahlen pünktlich und verlässlich.“

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Kommentare (4)

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Herr John Smidt

08.12.2014, 08:36 Uhr

Russland ist schon seit über 40 Jahren ein sehr zuverlässiger Gaszulieferer. Hatte immer seine Verträge erfüllt, auch wenn auf dem Transitweg Probleme gab.
Und als Unternehmer würde ich genauso mit den Vertriebswegen vorgehen. Wenn es mir gehört, kann auch nur ich dafür sorgen, dass diese auch funktionieren. Stehe für die Vertragserfüllung vor meinen Kunden gerade. Und kein Glied der Transportkette kann mich erpressen, Weitertransport stoppen, Gas abzweigen.

Gazprom könnte schon längst die Verträge so umstellen, dass ab der Grenze RU/UA, die Verantwortung der Lieferungen von dem jeweiligen Land abhängen würde, durch dass das Gas fließt. Da wäre man aus der ganzen Schlammassel raus. Aber nein, Gazprom investiert Milliarden in die Umleitung durch die sichere Staaten, damit er auch seine Verträge erfüllen kann. Das ist eine Lieferverpflichtung, die man von einem Lieferanten wünschen würde/ sollte!!!
Deshalb sollte der EU-Kommissar den Ball schön flach halten! Wir alle wollen warme Stuben UND sicheren Zulieferer!

Herr Teito Klein

08.12.2014, 09:30 Uhr

Russisches Gas für Erdogan
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Die EU wollte es ja nicht. Jetzt müssen sie es von Erdogan kaufen. Das wird natürlich teuer. Aber daran sind die Eurokraten selbst schuld.
Putin hat in diesem Falle richtig und konsequent gehandelt.

Herr Otto Pankrath

08.12.2014, 09:46 Uhr

Eine Energieunion halte ich für sinnvoll. Mit einer einheitlichen, viel größeren Marktmacht, kann Europa gegenüber Gas- und Ölexporteuren ganz anders auftreten.
Dass Deutschland weniger an Russland für Gas zahlen musste als die baltischen Länder hat natürlich auch mit der Abnahmemenge zu tun. Wenn ich Großhändler wäre bekäme ich ja normalerweise auch andere Preise als im Einzelhandel... Mengenrabatt.
Nun so zu tun, als wäre Russland kein sicherer Lieferant und die Situation so darzustellen, als hätte Russland das Projekt einfach aus Spaß abgebrochen, halte ich allerdings für unangebracht.

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