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30.01.2017

13:27 Uhr

Martin Schulz

Genosse Menschenfänger

VonAnna Gauto

Mit der Entscheidung, Martin Schulz die Kanzlerkandidatur zu überlassen, hat Sigmar Gabriel viele überrumpelt. Wie kommt die Personalie bei denjenigen an, die sie auf der Straße verkaufen müssen? Ein Besuch an der Basis.

SPD Kanzlerkandidat

Begeisterung an der Basis - „Schulz ist ein Top-Mann“

SPD Kanzlerkandidat: Begeisterung an der Basis - „Schulz ist ein Top-Mann“

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DüsseldorfAls der Vorsitzende der SPD-Friedrichstadt in Düsseldorf die Genossin Zelal Kaya fragt, ob es bei ihrer Kandidatur bleibt, erstirbt im Raum die Diskussion. Für ein paar Sekunden schießen allen dieselben Assoziationen durch die Köpfe: „Kandidatur, Martin Schulz, Kanzlerkandidatur, Zelal Kaya?!“. Dann setzt das Denken ein und Gelächter vertreibt die Stille. „Das wäre ja die nächste Sensation. Statt Martin Schulz tritt unsere Zelal gegen Merkel an“.

Auch die 27-Jährige muss schmunzeln, denn sie soll lediglich für den Posten als Vorstands-Beisitzerin beim Ortsverband kandidieren. Weil die Machtübergabe zwischen Sigmar Gabriel und Martin Schulz die Gemüter bewegt und die Vorstandssitzung dominiert, sind die versammelten Sozialdemokraten beim Schlagwort „Kandidatur“ kurz perplex.

Dafür steht SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz

Präsenz

Schulz verdankt seinen Aufstieg in Brüssel Eigenschaften, die ihm Freunde und Gegner gleichermaßen zuschreiben: Ehrgeiz, Arbeitseifer, klare Sprache, Machtbewusstsein. Vor allem als EU-Parlamentspräsident und als Spitzenkandidat der Sozialdemokraten bei der Europawahl 2014 schärfte er nicht nur sein eigenes Profil, sondern gab Europa eine starke Stimme. Der Christsoziale Manfred Weber würdigte Schulz zum Abschied aus Brüssel als kraftvollen und durchsetzungsstarken Europäer.

Klare Botschaften

Der designierte SPD-Kanzlerkandidat gilt als Politiker, der Streit nicht aus dem Weg geht. Zuletzt übte er zum Beispiel heftige Kritik am EU-Mitgliedsland Ungarn und dessen Referendum zur Flüchtlingspolitik. Wachsenden Nationalismus und Rechtspopulismus verurteilte er scharf und verlangte Einsatz für das europäische Gesellschaftsmodell gegen die „Feinde der Freiheit“. Seine eigene Partei mahnt er, normalen Menschen zuzuhören und auf ihre Nöte einzugehen. Die Krise der EU trieb ihn um – wobei er gerne die Brüsseler Perspektive einnahm und vor allem den Streit der Mitgliedsstaaten kritisierte.

Anpacken

Obwohl das Amt als EU-Parlamentspräsident eher zeremoniell angelegt ist, präsentierte sich Schulz als Macher. Ein Beispiel: der Handelspakt Ceta mit Kanada. Im Herbst überzeugte er die vom Streit mit der Wallonie völlig entnervte kanadische Ministerin Chrystia Freeland, ihre Abreise zu verschieben und sich noch ein letztes Mal mit ihm zu treffen. Fernsehkameras standen bereit, das Überraschungsgespräch im Morgengrauen zu dokumentieren. Letztlich wartete Kanada die europäischen Kapriolen dann geduldig ab, und das Abkommen kam doch noch zustande.

Allianzen

In Brüssel und Straßburg stand Schulz für die informelle große Koalition mit der Europäischen Volkspartei und deren Vorsitzendem Weber. 2014 unterzeichneten beide einen Pakt, der Schulz bei der Wiederwahl zum Parlamentspräsidenten EVP-Stimmen sicherte. Dafür sollte er im Januar 2017 seinen Posten für einen EVP-Kandidaten räumen. Es ging aber nicht nur um Personal: Die beiden größten Fraktionen sahen den Pakt als Mittel, in Europa stabil und effizient Politik zu machen und der EU-Kommission zu Mehrheiten zu verhelfen.

Machtanspruch

Kleinere Parlamentsfraktionen wie die Grünen oder Linken fühlten sich in der Ära Schulz an den Rand gedrängt und ignoriert. Auch wurden Schulz Eigenmächtigkeiten vorgeworfen – sowohl inhaltlich, wenn er für das Parlament sprach, als auch bei der Besetzung von Spitzenposten im Haus. Etliche Abgeordnete zeigen sich nun erleichtert, dass neue Zeiten anbrechen.

Wie sie, glaubten bis vergangenen Dienstag die meisten Menschen in Deutschland, Sigmar Gabriel werde als SPD-Kandidat Bundeskanzlerin Angela Merkel herausfordern. Nun ist alles anders. Sigmar Gabriel ist Außenminister. Er hat den Parteivorsitz und seine Kanzlerambitionen an den ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz abgeben, einen Mann ohne bundespolitische Erfahrung. Eine Entscheidung, die manch Kommentator als Rücktrittsgesuch einer ganzen Partei wertet. Die SPD-Basis, wie im Düsseldorfer Stadtteil Friedrichstadt, feiert sie.

Fabrice Witzke, der Chef des Ortsvereins, hat die Genossen zur Vorstandssitzung in seine Altbauwohnung geladen. Er bringt Tacos, Chips, Bionade und Radler aus der Küche. Die Genossen, ein paar ältere, viele junge, sitzen um den Wohnzimmertisch und erzählen, warum sie die Kandidatur von Schulz befürworten. Sie sind diejenigen, die auf der Straße für die SPD werben, die Flyer verteilen, Wechselwähler überzeugen. Immer wieder hörten sie: „Euer Programm ist okay, aber den Gabriel können wir nicht wählen, der ist so unsympathisch“. Die Leute schimpften, dämonisierten, projizierten alles Schlechte auf ihn, sagt Witzke. Die einen warfen ihm Wankelmut bei der Vorratsdatenspeicherung vor, die nächsten verfluchten ihn für Gerhard Schröders Hartz-Reformen.

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Martin Schulz hingegen, „das ist ein echter Sympathieträger, ein Menschenfänger. Für ihn kann man gut auf die Straße gehen. Mit dem haben wir eine echte Chance“, sagt ein anderes Vorstandsmitglied, das seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Der Studentin Zelal Kaya imponiert, wie Schulz den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zurechtwies, als der im Zuge der Armenienresolution des Bundestages türkische Abgeordnete attackierte. „Schulz ist kein Möchtegern-, sondern ein richtiger Demokrat“, sagt die junge Frau.

Martin Schulz fliegen die Herzen in Witzkes Wohnzimmer zu. Doch nicht nur dort. 41 Prozent der deutschen Wähler würden aus dem Stand für den leidenschaftlichen Europäer stimmen, ebenso viele wie für Angela Merkel. Zu dem Ergebnis gelangt eine aktuelle ARD-Umfrage, die das Institut Infratest dimap durchführte. Das mag auch daran liegen, dass niemand so recht weiß, wofür Schulz steht, außer für ein starkes Europa. Er eignet sich so bestens als Projektionsfläche für alle möglichen Sehnsüchte und positiven Zuschreibungen. Die Antithese zu Sigmar Gabriel.

Kommentare (11)

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Herr Franz Paul

30.01.2017, 13:56 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

G. Nampf

30.01.2017, 14:22 Uhr

Schulz hat den Makel des Dauer-Eurokraten.

Also nichts was man wählen muß.

Herr Vinci Queri

30.01.2017, 14:42 Uhr

>> Mit der Entscheidung, Martin Schulz die Kanzlerkandidatur zu überlassen, hat Sigmar Gabriel viele überrumpelt >>

Wie Müller-Vogt schon safte, wer einen Feuerwehrmann als Nachbarn hat, der kann JEDEM das Wasser reichen.............:-)

Deshalb hat Gabriel ihm den Vortritt gewährt, sich selbst in ein schönes NEUES Plätzchen beim Hosenanzug niedergelassen ( für die nächsten 5 Jahre dieser Koalition, zusätzlich der Grünen ),

wohl wissend, dass dieser Schulz gnadenlos verheizt wird !

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