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24.07.2011

14:35 Uhr

Massaker in Norwegen

Opferzahl steigt - Polizei sucht Sprengstoff

Nach dem Tod eines Schwerverletzten am Sonntag haben die Anschläge in Oslo und Utøya das 93. Menschenleben gefordert. Der Attentäter und selbsternannte Tempelritter wollte Europa vor Kulturmarxismus und Islamisierung retten.

An einem improvisierten Mahnmal trauern am Samstag in Oslo zahlreiche Norweger und gedenken der vielen Opfer der Terrorakte in der Hauptstadt und auf der Insel Utøya. Quelle: Reuters

An einem improvisierten Mahnmal trauern am Samstag in Oslo zahlreiche Norweger und gedenken der vielen Opfer der Terrorakte in der Hauptstadt und auf der Insel Utøya.

Oslo/UtøyaDer norwegische Attentäter Anders Behring Breivik hat seine Anschläge mit mindestens 93 Toten bei Verhören als „grausam, aber notwendig“ bezeichnet. Kurz vor der Bombenexplosion im Osloer Regierungsviertel und dem Massaker in einem sozialdemokratischen Jugendferienlager hatte er in einem 1.500 Seiten starken „Manifest“ Terroraktionen zur „Rettung Europas vor dem Kulturmarxismus und der Islamisierung“ angekündigt, berichtete der TV-Sender NRK in Oslo.

Der Verteidiger des 32-Jährigen, Geir Lippestad, sagte am Sonntag im Sender TV2, die Äußerungen des Attentäters in dem mehrstündigen Polizeiverhör seien zum Teil unverständlich gewesen. „Es ist ausgesprochen schwer für mich, eine vernünftige Zusammenfassung von dem zu geben, was er in dem Verhör gesagt hat.“

Polizei sucht nach Sprengstoff

Derweil sind bei einem Polizeieinsatz im Zusammenang mit den Anschlägen am Sonntag vorübergehend sechs Menschen festgenommen worden. Diese wurden aber wieder freigelassen, nachdem die Osloer Polizei ihren bewaffneten Einsatz beendete. Nach Angaben der Online-Ausgabe der Zeitung „VG“ wurde bei der Durchsuchung eines Hauses im östlichen Teil von Norwegens Hauptstadt nicht der dort vermutete Sprengstoff gefunden. Die Zahl der Toten stieg zu dem Zeitpunkt auf mindestens 93. Wie der TV-Sender NRK berichtete, starb ein Schwerverletzter vom Massaker auf der Fjordinsel Utøya am Sonntag im Osloer Ullevål-Krankenhaus.

Dieses Bild des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik  fand sich in einem 1.500 seitigen Manifest ("2083 - A European Declaration of Independence"), das auf einer norwegischen Website als Download angeboten wurde und dem 32jährigen zugeschrieben wird. Quelle: Reuters

Dieses Bild des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik fand sich in einem 1.500 seitigen Manifest ("2083 - A European Declaration of Independence"), das auf einer norwegischen Website als Download angeboten wurde und dem 32jährigen zugeschrieben wird.

Der Attentäter hatte am Samstag die Täterschaft bei beiden Anschlägen zugegeben. Er habe seine Taten allein und ohne Hilfe von Komplizen ausgeführt, sagte sein Anwalt am Sonntag. Am Freitag hatte der 32jährige im Osloer Zentrum erst eine Autobombe explodieren lassen, die mindestens sieben Menschen tötete. Danach fuhr er zum 40 Kilometer entfernten Tyrifjord, setzte als Polizist verkleidet auf die kleine Insel Utøya über und erschoss mit zwei legal erworbenen Waffen mindestens 85 Menschen in einem Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF.

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Das Massaker dauerte anderthalb Stunden, ehe der Täter. sich freiwillig Antiterrorspezialisten der Polizei ergab. Sein Anwalt Lippestad meinte zu den Verhören in TV2: „„Man hat ihm das unglaubliche Ausmaß des Schadens und die Zahl der Toten erklärt. Seine Reaktion war, dass er die Ausführung der Tötungen als grausam, aber in seinem Kopf als notwendig erachtete.“

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Aussagen des Norwegers zu seinem Motiv für die beiden furchtbaren Anschläge wollte der Anwalt nicht öffentlich wiedergeben, ehe er sie nicht noch einmal genau durchdacht habe. Wenige Stunden vor dem ersten Anschlag hatte der Attentäter an mehrere Adressaten als Mail sein „Manifest“ mit dem Titel „2083. A European Declaration of Indepence“ („2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung“) verschickt. Darin schrieb er nach Angaben von NRK unter anderem, er wolle Europa „vor Kulturmarxismus und Islamisierung retten“.

Dem norwegischen Geheimdienst PST soll der nach dem Massaker auf der Insel Utøya festgenommene Anders Behring Breivik bis zu den Anschlägen völlig unbekannt gewesen sein. Das berichteten die Zeitungen „VG“ und „Dagbladet“ unter Berufung auf mehrere Quellen. Der 32-Jährige hatte unter anderem auf einem Hof in der Nähe von Oslo sechs Tonnen Kunstdünger zur Herstellung von Sprengstoff gelagert.

Kommentare (15)

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Wuerger

24.07.2011, 10:41 Uhr

Ein unglaublicher Massenmord und das Handelsblatt hat nichts weiter zu tun, als ein Bild des Schlächters in Heldenpose herumzuzeigen! Mir kommt Brechzeiz auf!

Buerge-r

24.07.2011, 10:53 Uhr

Offensichtlich steckt eine tiefsitzende Angst vor Identitätsverlust und letztlich Vernichtung hinter den Taten von Oslo, die zwar ggfls. nicht völlig unbegründet aber in ihrer undifferenzierten Besessen- und Verbissenheit klar pathologisch ist. Die Nazis in Deutschland waren seinerzeit offenbar von einem ähnlichen "Denkvirus" befallen und damals hat sich sogar ein ganzes Volk -unseres- damit infiziert.

Die Zeiten werden härter und die Nährböden für derartiges falsches Denken fruchtbarer und bevor es eine erneute Epedemie gibt, sollte man, um gewappnet zu sein, das wirklich wissenschaftlich nüchtern untersuchen. Bauchaussagen a la "Dieser Hass ist unser gemeinsamer Feind", die die pathologische Seiten dieses verkehrten Denkens trotz der damit verbundenen unsagbaren Tragik inhaltlich zu ernst nehmen und damit aufwerten und wichtig machen und gleichzeitig die gesunde (die reale Angst der Menschen, die da sein darf und Raum braucht!) übersehen und nicht ernst nehmen, führen in die Irre und öffnen falsche Fronten (anderes Beispiel solcher irreführender Aussagen: "Krieg gegen den Terror").

marco

24.07.2011, 12:08 Uhr

"grausam, aber notwendig" klingt wie "alternativlos" von Frau Merkel

"Kampf gegen Islam und Marxismus" erinnert stark an Herrn Schäuble und Herrn Friedrich

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