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30.05.2011

01:46 Uhr

Massaker von Srebenica

Mladic schiebt alles auf Milosevic

Bei Demonstrationen gegen die Verhaftung des mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrechers Mladic ist es zu schweren Ausschreitungen gekommen. Der 69-Jährige bestreitet weiter jegliche Beteiligung am Massaker von Srebrenica.

BelgradBei einer Demonstration für die Freilassung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Ratko Mladic sind am Sonntag im Belgrad Steine geflogen und Fenster zu Bruch gegangen. Nach Ende eines Umzugs mit etwa 7.000 Teilnehmern kam es vor dem Parlamentsgebäude in der serbischen Hauptstadt zu Auseinandersetzungen zwischen den nationalistischen Teilnehmern der Kundgebung und der Polizei. Die Demonstranten warfen Mülltonnen um, zerstörten Ampeln und setzten Feuerwerk ein. An mehreren Stellen kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. 

Viele der Demonstranten sangen nationalistische Lieder oder trugen Mladic verehrende Spruchbänder. Einige riefen rechtsradikale Parolen oder machten den Hitler-Gruß. 

Die Demonstranten protestierten gegen die geplante Auslieferung Mladics an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, wo sich Mladic für die ihm vorgeworfenen Kriegsverbrechen verantworten soll. „Kooperation mit dem Haager Tribunal stellt Hochverrat dar“, rief Lidija Vukicevic von einer der radikalen Parteien der Menge zu. „Das ist ein Protest gegen die beschämende Festnahme eines serbischen Helden“, hieß es weiter. Die Demonstranten forderten außerdem den Rücktritt von Präsident Boris Tadic, der Mladics Festnahme angeordnet hatte. 

Im Osten Bosniens versammelten sich rund 3.000 Unterstützer Mladics in der Stadt Kalinovik um gegen dessen Festnahme zu protestiert. Anschließend machten sich zahlreiche Demonstranten auf den Weg in das Dorf Bozanici, um dort zu jener Hütte zu pilgern, in der Mladic einst geboren wurde. Eine Tante sowie Cousins des unter anderem wegen Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagten Mladic erzählten den Anhängern Geschichten über dessen Kindheit.

Derweil bestreitet der mutmaßliche serbische Kriegsverbrecher jede Beteiligung am Massaker von Srebrenica 1995. Stattdessen hat Ratko Mladic für die ihm vorgeworfenen Gräueltaten den früheren Präsidenten Slobodan Milosevic und die serbische Bevölkerung verantwortlich gemacht. „Ich habe Slobodan Milosevic nicht gewählt, ihr schon“, sagte Mladic nach Angaben von Staatsanwalt Bruno Vekaric.

Der frühere General habe erklärt, „die Schuld liegt bei Milosevic“ und allen Serben, die den damaligen Präsidenten unterstützt hätten, sagte Vekaric am Sonntag der Nachrichtenagentur AP. Milosevic starb 2006 während seines Prozesses vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Er war wegen Gräueltaten in Kroatien und Bosnien sowie wegen Völkermordes und weiterer Verbrechen im Kosovo angeklagt.

Mladics Sohn Darko erklärte am Sonntag, sein Vater habe nach eigener Aussage die Morde nicht angeordnet. Derzeit wehrt sich Mladic mit Verweis auf seinen Gesundheitszustand gegen eine geplante Auslieferung an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag.

„Was immer in Srebrenica getan wurde, er hat damit nichts zu tun“, sagte Darko Mladic vor dem Gefängnis, in dem sein Vater festhalten wird. „Seine Anweisung war, die Verletzten zu evakuieren, die Frauen und die Kinder und dann die Kämpfer. Was immer hinter seinem Rücken getan wurde, er hat damit nichts zu tun.“

Stationen im Leben von Ratko Mladic

Herkunft

Mladic wurde am 12. März 1942 in dem Dorf Bozanovici nahe Kalinovik im Süden der damaligen jugoslawischen Teilrepublik Bosnien geboren. Sein Vater war ein Widerstandskämpfer, der 1945 von kroatischen Nationalisten der Ustascha getötet wurde. Ursprünglich wollte Mladic Lehrer werden, zog aber nach Belgrad und schloss als einer der drei Besten seines Jahrgangs die Militärakademie ab.

Karriere

Seine militärische Laufbahn begann Mladic 1965. Es dauerte 20 Jahre, bis er Brigadegeneral wurde, wofür Kameraden seine arrogante, undisziplinierte Art verantwortlich machten. Die meiste Zeit war er in Mazedonien stationiert, mit kurzen Aufenthalten in Kroatien und im Kosovo.

Aufstieg zum Kommandeur

Am 15. Mai 1992 machte Radovan Karadzic, Chef der von Bosnien-Herzegowina abgespaltenen Bosnisch-Serbischen Republik, Mladic zum Kommandeur seiner Armee. Diese Position hatte er bis Dezember 1996 inne.

Massaker von Srebrenica

Im Juli 1995 überrannten Mladics Streitkräfte die bosnische Stadt Srebrenica, die zum damaligen Zeitpunkt eine moslemische Enklave war und von UN-Truppen geschützt wurde. Männer und Jungen wurden weggeführt, in Scheunen und Schulen zusammengepfercht und schließlich in aller Öffentlichkeit exekutiert. Mladics Einheiten beschossen zudem eine größere Gruppe von Moslems, die durch ein Waldgebiet zu entkommen versuchte. Innerhalb von sieben Tagen starben etwa 8000 Männer und Jungen, was Mladic die Bezeichnung „Schlächter von Bosnien“ einbrachte.

Anklage in Den Haag

Ende 1995 erhob das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag unter anderem wegen Srebrenica Anklage wegen Völkermordes gegen Mladic. Derselbe Vorwurf wird Mladic für die fast zweijährige Belagerung von Sarajevo gemacht. Er soll Scharfschützen angewiesen haben, aus dem Hinterhalt auf Zivilisten zu schießen.

Flucht

Noch Jahre nach dem Krieg lebte Mladic unauffällig in Belgrad. Er tauchte 2002 unter, als Machthaber Slobodan Milosevic gestürzt worden war und ihn nicht mehr schützen konnte. Der Nato zufolge besuchte er 2004 einen alten Bunker in Bosnien, um unter den Augen der bosnischen Polizei mit ehemaligen Kameraden zu feiern.

Mladics Anwalt betonte am Wochenende mehrfach, der 69-Jährige sei körperlich und geistig nicht stabil genug für einen Prozess. Mladic könnte bereits am (morgigen) Montag überstellt werden, wenn ein Richter seinen Berufungsantrag ablehnt.

Mit dieser Entscheidung rechnet er, wie sein Verteidiger Milos Saljic erklärte. Der 69-jährige wolle sich vor einer Auslieferung aber gern noch ein wenig erholen. Am Sonntag sagte der Anwalt dann, der Gesundheitszustand seines Mandanten habe sich über Nacht verschlechtert. Besonders psychisch gehe es ihm nicht gut.

Vorsitzender Richter beim Verfahren des Strafgerichtshofs für das frühere Jugoslawien gegen Mladic wird der frühere Berliner Justizstaatssrekretär Christoph Flügge sein, wie das Tribunal auf seiner Website mitteilte.

Liste der Anklagepunkte gegen Ratko Mladic

Völkermord

Das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wirft Ratko Mladic unter anderem Völkermord und Beihilfe zum Völkermord vor. Der frühere General der bosnischen Serben gilt als Verantwortlicher des Massakers in der Uno-Schutzzone Srebrenica, wo im Juli 1995 etwa 8.000 muslimische Männer und Jungen von bosnisch-serbischen Truppen getötet wurden.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Des weiteren ist Mladic in sieben Fällen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Das Gericht beschuldigt den Bosnier der Verfolgung aus politischen, rassistischen und religiösen Gründen. Zudem wird ihm Menschenvernichtung, Mord, Deportation und gewaltsame Vertreibung vorgeworfen. Die Anklagepunkte beziehen sich auf Verbrechen in Srebrenica und Sarajevo sowie in 27 anderen bosnischen Städten und Dörfern.

Verstöße gegen Vereinbarungen und Konventionen

Darüber hinaus werden Mladic sechs Verstöße gegen Vereinbarungen und Konventionen für Kriegsfälle, darunter Mord, Grausamkeit, Angriffe und Terror gegen Zivilisten sowie Geiselnahme vorgeworfen. Von letzterem Verbrechen waren laut Anklage auch Beobachter der Vereinten Nationen sowie internationale Militärbeobachter betroffen.

Darko Mladic unterstrich am Samstag erneut seine Forderung, dass sein Vater in ein Krankenhaus überstellt werden solle. Er sehe zwar etwas besser aus als am Freitag, sei sich aber der Situation, in der er sich befinde, nicht ganz im Klaren, sagte er. „Er ist irgendwie verwirrt“, erklärte auch Anwalt Saljic. Außerdem habe er gefragt, ob er einige seiner „alten Freunde“ wiedersehen könne.

Ultranationalisten planten für (den heutigen) Sonntag Massenproteste gegen die Festnahme Mladics. Die Polizei verstärkte bereits die Sicherheitsvorkehrungen im ganzen Land. Anwalt Saljic erklärte, Mladic habe seine Anhänger außerdem von seiner Zelle aus zur Zurückhaltung aufgefordert. „Er hat gefordert, dass es kein Blutvergießen geben darf.“ Mladic, dem früheren militärischen Führer der bosnischen Serben im Bürgerkrieg von 1992 bis 1995, werden Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Unter anderem soll er 1995 das Massaker von Srebrenica befohlen haben, bei dem 8.000 muslimische Jungen und Männer ermordet wurden. Außerdem soll er maßgeblich für die vierjährige Belagerung von Sarajevo verantwortlich gewesen sein.

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