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03.12.2013

13:57 Uhr

Massenproteste in Kiew

Putin hat die Ukraine noch nicht gewonnen

350.000 Menschen demonstrieren in Kiew – das kann Wladimir Putin nicht in den Griff bekommen. Der russische Präsident hat sich der Loyalität von Viktor Janukowitsch versichert. Aber der sitzt nun zwischen den Stühlen.

Ein tausendfaches Bekenntnis zur europäischen Union: Die Massenproteste in der Ukraine hinterlassen ihren Eindruck. dpa

Ein tausendfaches Bekenntnis zur europäischen Union: Die Massenproteste in der Ukraine hinterlassen ihren Eindruck.

MoskauDie jüngsten Massenproteste pro-europäischer Demonstranten in der Ukraine dürften dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eines klar gemacht haben: Den Kampf um die politische Zukunft der einstigen Sowjetrepublik hat er noch nicht gewonnen. Zwar hat er den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch davon abgebracht, das mühsam mit der EU ausgehandelte Partnerschaftsabkommen zu kippen. Doch die Proteste in Kiew, an denen sich am Wochenende 350.000 Menschen beteiligt haben, kann Putin nicht in den Griff bekommen. Was sich daraus entwickelt, ist völlig offen. Die Demonstrationen haben demokratische Kräfte entfesselt, die seinen Plan von einer „Eurasischen Union” zum Platzen bringen könnten.

Ohne die Ukraine mit ihrem großen Markt, ihren Mineral-Rohstoffen und ihrer Nähe zur EU dürfe Putins Plan nicht aufgehen, mit einer Zollunion ehemals sowjetischer Staaten ein Gegengewicht zur EU, den USA und China aufzubauen. „Die russische Politik ist jetzt ein großes Fragezeichen”, sagt Alex Brideau, Russland-Experte beim Beratungshaus Eurasia Group: „Zwar hat es Moskau geschafft, das geplante Abkommen mit der EU zu ruinieren, aber das Ziel, die Ukraine in die gemeinsame Zollunion zu bringen, scheint nun ebenso in die Ferne gerückt.” Daran würde auch weiterer politischer und wirtschaftlicher Druck auf die Ukraine wenig ändern. Drosselte Russland etwa erneut seine Gaslieferungen an den Nachbarn, würde das die anti-russische Stimmung in der Ukraine nur noch verschärfen.

Euromaidan - Was steckt dahinter?

Wortkreation

Euromaidan ist eine linguistisch wie soziologisch spannende Wortkreation, die der Lage der Ukraine zwischen Ost und West - geografisch wie politisch - Rechnung trägt. Der Urheber des Begriffs ist nicht bekannt, möglicherweise ist Euromaidan eine Frucht des kollektiven Unterbewusstseins einer Nation.

Woraus setzt sich Euromaidan zusammen?

Die Bedeutung des ersten Teils des Wortes, „Euro“, liegt auf der Hand: Europa. „Maidan“ klingt für westeuropäische Ohren zunächst mysteriös. Das Wort hat persische Wurzeln und wurde vermutlich von den Osmanen ins Land gebracht. Es bedeutet „Platz“ oder „offener Ort“. Euromaidan deshalb mit „Europaplatz“ zu übersetzen, wäre zwar technisch korrekt, würde jedoch zu kurz greifen, denn es würde die emotionale Dimension außer Acht lassen, die dem Begriff seine Kraft verleiht.

Europa

Geografisch gehört die Ukraine zu Europa. Für die Demonstranten in den Straßen von Kiew ist Europa jedoch ein Konzept, eine lebhafte aber frustrierend weit entfernet Vision. Europa steht in ihren Augen für echte Demokratie, vertrauenswürdige Polizei und aufrichtigen Respekt der Menschenrechte.

Maidan

Maidan bezieht sich zunächst einmal auf den „Maidan Nesaleschnosti“ (Platz der Unabhängigkeit) im Zentrum von Kiew. Zerstört im Zweiten Weltkrieg, wurde er zur Sowjetzeit im Stil der Stalin-Architektur wieder aufgebaut - weder düster noch einschüchternd in seiner Ausstrahlung, doch mit Gebäuden hoch genug, um zu beeindrucken. Es herrscht eine angenehme Stimmung auf dem Platz und wenn sich die Kiewer dort verabreden, nennen sie ihn fast zärtlich bei seinem ersten Namensteil: „Lass uns auf dem Maidan treffen.“

Euromaidan

Wenn nun Europa und Maidan zu einem Wort verschmelzen, wird daraus vor allem eine Idee, losgelöst vom Platz. Und es ist nicht das erste Mal, dass der Kiewer Maidan Schauplatz von Protesten für westliche Werte wird. Während der Orangenen Revolution 2004 war der Platz das Zentrum der täglichen Demonstrationen, die zur Aufhebung der Präsidentenwahlen führte. Schon damals war Maidan eine zweisilbige Versinnbildlichung friedlichen Widerstands und entschlossener Handlung. Die Ausstrahlung von Euromaidan ist kräftig genug, dass ukrainische Medien die Wortschöpfung übernehmen und inzwischen sämtliche Protestaktionen im Land damit umschreiben.

Ambivalenz des Begriffs

Die Welle des zivilen Widerstands 2004 war ergreifend und mitreißend, doch die Hoffnungen, die mit der Orangenen Revolution verbunden waren, blieben weitgehend unerfüllt. Auf den Umschwung folgten Jahre geprägt von Streit und Ernüchterung. 2010 wählten die Ukrainer Viktor Janukowitsch zu ihrem Präsidenten, denselben Mann, der die 2004 rückgängig gemachte Wahl nominell gewonnen hatte. Die Heldin der Revolution, Julia Timoschenko, landete wegen Machtmissbrauchs als Regierungschefin im Gefängnis.
Daher ist auch die endgültige Bedeutung von Euromaidan zunächst noch undefinierbar. Es muss sich noch herausstellen, ob der Begriff für Erfolg oder Scheitern steht.

„Janukowitschs 'Njet' zur EU, gefolgt von Brutalität gegen Demonstranten, könnte eine Orangene Revolution 2.0 auslösen”, schrieb der frühere Vize-Außenminister Strobe Talbott auf Twitter. Bei der Orangenen Revolution vor neun Jahren wegen Wahlmanipulationen war es den Massen gelungen, Janukowitsch zunächst von der Macht fernzuhalten.

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