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17.06.2013

06:39 Uhr

Medienbericht

Britische Spione hörten ausländische Diplomaten ab

Der britische Geheimdienst soll ausländische Diplomaten vor wichtigen Konferenzen abgehört haben. Laut der britischen Zeitung "Guardian" belegen dies Dokumente des amerikanischen Informanten Edward Snowden.

Antennen auf der britische Militärbasis Menwith Hill. Sie sollen zum British Government Communications Headquarters (GCHQ) Netzwerk gehören. dpa

Antennen auf der britische Militärbasis Menwith Hill. Sie sollen zum British Government Communications Headquarters (GCHQ) Netzwerk gehören.

LondonBritische Spione haben bei internationalen Konferenzen im Vereinigten Königreich ausländische Diplomaten ausgekundschaftet, indem sie sich ihre E-Mail-Passwörter beschafften und ihre Telefongespräche abhörten. Das ist die jüngste Enthüllung der britischen Zeitung „The Guardian“ auf Grundlage des amerikanischen Whistleblowers Edward Snowden, der zuvor Praktiken des US-Geheimdienstes NSA enthüllt hatte. Sie erfolgte am Vorabend einer weiteren wichtigen Konferenz, bei dem die britische Regierung Gastgeber ist: dem G-8-Gipfel in Nordirland.

Durchgeführt wurden die Abhöraktionen laut „Guardian“ vom britischen Abhördienst „Government Communications Headquarters" (GCHQ) zum Beispiel beim G-20-Gipfel 2009 in London. Snowden habe mehr als ein halbes Dutzend interne Dokumente geliefert, die GCHQ-Operationen wie beispielsweise das Hacken in das Computernetzwerk des südafrikanischen Außenministeriums belegten. Auch die türkische Delegation sei Ziel von GCHQ-Aktionen gewesen. Es sei sogar ein „verwanztes“ Internet-Café eingerichtet worden.

Fragen und Antworten zu PRISM

Bekommen US-Geheimdienste Informationen von Internet-Unternehmen?

Ja, und das ist auch seit Jahren bekannt. Nach dem „Patriot Act“ können Behörden mit Gerichtsbeschluss Zugang zu Informationen bekommen. Das neue an den Berichten über ein Programm Namens „PRISM“ wäre der freie Zugang zu den Servern von Google, Facebook & Co. statt eines punktuellen Zugriffs. Sowohl die Regierung als auch die Unternehmen weisen dies zurück. Laut US-Geheimdienstkoordinator James Clapper ist „PRISM“ nur ein internes Computersystem der Behörden.

Die US-Regierung betont, dass die Überwachung und die Verwendung der Daten strikt überwacht werden, von wem?

Die Abläufe bleiben komplett im geheimen Bereich. Die Geheimdienstanfragen nach Nutzerdaten müssen zwar von einem Gericht bewilligt werden - aber es ist ein speziell dafür geschaffenes Gericht mit elf Richtern. Die Anfragen sind so geheim, dass die Unternehmen selbst über ihre Existenz schweigen müssen.

Gibt es Anhaltspunkte dafür?

Die „New York Times“ zitierte am Wochenende einen Juristen „einer Technologiefirma“, der berichtete, wie die NSA einen Agenten ins Hauptquartier des Unternehmens abkommandiert habe, um den Verdächtigen in einem Cyberangriff zu überwachen. Der Agent habe von der Regierung entwickelte Software auf dem Server installiert und sei für mehrere Wochen geblieben, um Daten in ein Notebook der Agentur herunterzuladen. In anderen Fällen fordere die NSA Echtzeitdaten an, die dann digital übermittelt würden.

Könnte der Geheimdienst sehen, wie Ideen beim Tippen entstehen?

Das muss kein Widerspruch sein. Der amerikanische Journalist und Geheimdienstexperte Marc Armbinder beschreibt das Funktionieren des „PRISM“-Systems so: Zum Beispiel könnte Facebook die Anordnung bekommen, Informationen über alle Profile aus Abbottabad in Pakistan herauszurücken, angenommen, es gibt 50 davon. „Diese Accounts werden ständig aktualisiert. Also erstellt Facebook eine „Spiegel“-Version der Inhalte, zu der nur die NSA Zugang hat. Die ausgewählten Profile werden in Echtzeit sowohl auf dem Facebook-Server als auch auf dem gespiegelten Server aktualisiert. "PRISM" ist das Werkzeug, das das alles zusammenbringt.“

Könnte die NSA Daten auch ohne Kooperation bekommen?

Absolut. Und Zunger beschreibt eine Möglichkeit dafür: Sie könnten den Datenstrom bei den Anbietern von Internet-Zugängen abgreifen und Datenpakete mit Bezug zum Beispiel zu Facebook oder Google herausfiltern.

Wie glaubwürdig sind die Dementis der Internet-Konzerne?

Sie sind ähnlich formuliert und beziehen sich auf einen „direkten Zugriff“ auf Server der Unternehmen. Zugleich klingen einige davon auch sehr persönlich und aufrichtig. So versicherte der Chefentwickler des Online-Netzwerks Google+, Yonathan Zunger, er würde kündigen, wenn er davon Wind bekäme. Und er sei in einer Position bei Google, in der er eine so groß angelegte Spionageaktion eigentlich hätte mitkriegen müssen. Zunger ist offen in seiner „Abscheu“ für die NSA: „Wir haben nicht den Kalten Krieg geführt, damit wir die Stasi nachbauen können“.

„Die diplomatischen Auswirkungen hiervon könnten beträchtlich sein“, sagte der britische Wissenschaftler Richard Aldrich, der ein Buch über die Geschichte des GHCQ geschrieben hat. Das GCHQ äußerte sich zunächst nicht zu dem „Guardian“-Bericht.

Snowden, der für die NSA gearbeitet hatte, überließ dem „Guardian“ Material, das die Zeitung als „Powerpoint-Präsentation“, „Besprechungsunterlagen“ oder einfach als „Dokumente“ bezeichnete. Ein Teil des Materials wurde auf der Webseite des „Guardians" veröffentlicht, allerdings mit erheblichen Schwärzungen. Ein Sprecher der Zeitung sagte, das sei auf eigene redaktionelle Initiative erfolgt. Weiter erklären wollte er das nicht.

Kommentare (13)

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Account gelöscht!

17.06.2013, 07:15 Uhr

Das ist nix neues !
"Spione" müssen ja auch was zu tun haben .

Orangensaft

17.06.2013, 07:25 Uhr

hört man sich in der EU jetzt schon gegenseitig ab? Interessant!

Account gelöscht!

17.06.2013, 07:32 Uhr

Wenn mich im Hotel jemand bespitzelt, so ist meine logische und normale Reaktion darauf, dass ich dieses Hotel so schnell nicht mehr besuchen werde und fordere Aufklärung samt einer Anzeige.

Politisch geht das ganze einfach weiter als ob nichts gewesen wäre...absolut krank dieses System.

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