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15.12.2013

17:26 Uhr

Medienbericht

NSA kann auf breiter Front Handys abhören

Dass ein wichtiger Verschlüsselungsstandard für Handygespräche geknackt ist, ist bekannt. Laut neuen Dokumenten aus dem Fundus von Edward Snowden gibt das der NSA die Möglichkeit, auf breiter Front mitzulauschen.

Die gängige Verschlüsselung des Mobilfunkstandards GSM ist nicht sicher – das nutzt offenbar die NSA aus. dpadpa

Die gängige Verschlüsselung des Mobilfunkstandards GSM ist nicht sicher – das nutzt offenbar die NSA aus.

WashingtonDie NSA kann nach neuen Enthüllungen massenhaft Handy-Gespräche abhören. Dabei nutze der US-Geheimdienst aus, dass die rund 30 Jahre alte Verschlüsselung des Mobilfunk-Standards GSM geknackt sei, schrieb die „Washington Post“ in der Nacht zum Samstag unter Berufung auf Unterlagen des Informanten Edward Snowden. Mit dieser Fähigkeit dürften auch die Gespräche von Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört worden sein.

Experten warnen schon seit langem, dass der Schutzmechanismus des vor allem in Europa verbreiteten GSM-Standards durchbrochen ist. In Deutschland kündigte bisher die Deutsche Telekom vor wenigen Tagen an, ihre Netze vom ursprünglichen Verschlüsselungssystem A5/1 rasch auf die als sicherer geltende Variante A5/3 umzustellen. Probleme mit älteren Handys hatten einen schnelleren Wechsel verhindert.

Auch in den neuen schnellen UMTS-Datennetzen werden Sprachtelefonate oft noch über den GSM-Funk abgewickelt. Die eigene Verschlüsselung bei UMTS oder dem extrem schnellen LTE-Datenfunk ist deutlich sicherer.

Wie die NSA das Internet überwacht

Immer neue Enthüllungen

Seit Sommer 2013 kommen immer neue Details über Spionageaktivitäten von Geheimdiensten im Internet ans Licht. Sie basieren auf Dokumenten, die der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden an Journalisten übergab. Ein Überblick über die zentralen Erkenntnisse.

Prism

Prism: Der Name stand zunächst für die gesamte Affäre, umfasst aber nur einen Teil des Repertoires der NSA. Über Prism hat der Überwachungsdienst Zugriff auf Nutzerdaten großer US-Internetfirmen, darunter Google, Yahoo, Microsoft und Facebook. Ein Geheimgericht ordnet die Herausgabe der Informationen an. Das seien etwa Inhalte von Mails, Suchanfragen oder Chats, berichtete die britische Zeitung „Guardian“. Die Firmen sind zum Stillschweigen verpflichtet. Die Internetriesen streiten vor Gericht dafür, mehr Details veröffentlichen zu dürfen.

Tempora

Tempora hießt ein Programm des britischen Dienstes GCHQ. Der GCHQ arbeitet eng mit der NSA zusammen. Gemeinsam mit Australien, Neuseeland und Kanada bilden die Länder die Allianz der «Five Eyes», («Fünf Augen»), in der Informationen ausgetauscht werden. Unter dem Codenamen Tempora soll der GCHQ mehr als 200 Glasfaserkabel anzapfen, über die Daten um die Welt rasen. So habe der GCHQ Zugriff auf den Internetverkehr, der über die angezapften Kabel läuft.

Xkeyscore

Die gewaltigen Datenmengen, die die NSA sammelt, müssen irgendwie ausgewertet werden. Dazu dient die Software XKeyscore. Damit können NSA-Analysten wie Snowden die Datenberge nach Verdächtigen durchsuchen. Der deutsche Bundesnachrichtendienst setze ebenfalls eine Version von XKeyscore ein, berichtete „Der Spiegel“.

Verschlüsselung aushebeln

Wenn Daten verschlüsselt durchs Netz geschickt werden, können Geheimdienste nicht einfach so mitlesen. Doch NSA und GCHQ können Medienberichten zufolge mehrere gängige Verschlüsselungstechniken knacken oder aushebeln, darunter die oft eingesetzt SSL-Technologie. Es ist allerdings unklar, welche Techniken genau in welchem Maße für die Dienste zugänglich sind.

Anonymität aufheben

Auch das Anonymisierungsnetzwerk Tor, mit dem Nutzer ihre Spuren im Netz verwischen können, war Spionageziel der NSA. Der Geheimdienst schaffte es allerdings wohl nicht, das Netzwerk direkt zu knacken.

Überwachung ausländischer Staatschefs

Nicht nur Angela Merkels Handy geriet offenbar ins Visier der NSA. Der „Guardian“ berichtete, der Nachrichtendienst habe Telefone von 35 Spitzenpolitikern überwacht. Auch die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff und ihr mexikanischer Kollege Enrique Peña Nieto seien ausgespäht worden.

Angriff auf Google und Yahoo

Die NSA konnte laut der „Washington Post“ den Datenverkehr zwischen den Rechenzentren der beiden Internet-Riesen abgreifen. In den Rechenzentren werden Informationen aus E-Mail-Diensten, Suchanfragen oder Dokumente der Nutzer gespeichert. Inzwischen sollen die Daten auch zwischen den Rechenzentren verschlüsselt unterwegs sein.

In welchem Ausmaß genau die NSA ihre Fähigkeit zum Abhören der Handy-Gespräche ausnutze, gehe aus Snowdens Unterlagen nicht hervor, schränkte die „Washington Post“ ein. Experten warnten, dass der US-Geheimdienst wahrscheinlich auch neuere Varianten der Verschlüsselung knacken könne. Dies sei angesichts des größeren Aufwands aber vermutlich eher gezielt bei einzelnen Personen sinnvoll, denn auf breiter Front. Um ein Gespräch mit A5/3-Verschlüsselung zu knacken, sei 100 000 Mal mehr Rechenleistung nötig als bei A5/1, sagte der deutsche IT-Sicherheitsexperte Karsten Nohl der „Washington Post“.

Die NSA verteidigte in einer Stellungnahme zu dem Bericht ausdrücklicher als sonst das Knacken von Verschlüsselung. „Im Lauf der Geschichte haben Länder Verschlüsselung eingesetzt, um ihre Geheimnisse zu schützen, und heute nutzen auch Terroristen, Cyber-Kriminelle, Menschenhändler und andere die Technologie, um ihre Aktivitäten zu verschleiern.“ Die US-Geheimdienste kämpften dagegen an, um Schaden von Amerikanern und deren Verbündeten abzuwenden.

Die Enthüllung, dass die NSA das Handy von Kanzlerin Merkel abgehört habe, hatte im Oktober für erhebliche diplomatische Spannungen zwischen Berlin und Washington gesorgt. Das Weiße Haus erklärte damals nur, dass dies derzeit nicht der Fall sei und auch in Zukunft nicht passieren werde. Den Snowden-Unterlagen zufolge sollen Telefone von rund 35 internationalen Spitzenpolitikern abgehört worden sein.

Neben der Standard-Verschlüsselung im GSM-Standard gibt es auch Anbieter zusätzlich verschlüsselter Telefondienste. Diese Systeme gelen weiterhin als sicher und werden zunehmend in Behörden und großen Unternehmen eingesetzt.

Von

dpa

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