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16.10.2014

18:40 Uhr

Medikamente werden knapp

US-Luftschlag tötet Zivilisten in Kobane

Ein fehlgeleiteter US-Luftschlag hat versehentlich mehrere Kurden getötet. Unterdessen werden Medikamente und Verbandszeug knapp. Der Vormarsch der radikalislamischen IS-Miliz in Kobane wurde offenbar vorerst gestoppt.

Ein US-Luftschlag wie dieser in Kobane tötete mehrere Zivilisten. AFP

Ein US-Luftschlag wie dieser in Kobane tötete mehrere Zivilisten.

KobaneBei einem von den USA angeführten Luftschlag gegen IS-Stellungen in der nordsyrischen Stadt Kobane sind nach Medienangaben versehentlich Kurden getötet worden. Mindestens sechs Kämpfer der Volksschutzeinheiten (YPG) seien ums Leben gekommen, meldete die irakisch-kurdische Nachrichtenseite Rudaw am Donnerstag. Idris Nassan, ein Sprecher für auswärtige Angelegenheiten in Kobane, bestätigte der dpa, mehrere YPG-Kämpfer seien bei dem fehlgeleiteten Luftschlag getötet worden. Auch eine Zivilistin sei umgekommen.

„Die alliierten Flugzeuge hatten auf IS-Kämpfer gezielt“, sagte Nassan. Die Dschihadisten hätten in der Nacht in einem Gebäude im Osten Kobanes Unterschlupf gesucht. Doch in dem Haus hätten sich bereits mehrere ältere kurdische Frauen versteckt.

Rund ein Drittel Kobanes sei unter Kontrolle der IS-Miliz, sagte Nassan. Der Rest werde erbittert von YPG-Einheiten verteidigt. Allerdings würden Medikamente und Verbandszeug knapp. „Alle wichtigen Vorräte wie Bandagen, Antibiotika und Betäubungsmittel gehen zur Neige“, sagte Nassan. Verletzte liegen demnach im Sterben, weil es keine Medikamente für sie gibt.

Die Luftangriffe der USA und ihrer Verbündeten haben den Vormarsch der radikalislamischen IS-Miliz in der syrischen Kurdenstadt Kobane offenbar vorerst gestoppt. Kämpfern sei es gelungen, Gelände von den Dschihadisten zurückzuerobern, berichteten Informanten am Donnerstag aus der Stadt nahe der türkischen Grenze. In Kobane tobten aber weiter heftige Gefechte. Die Gefahr, dass der Ort in die Hände der Extremistenmiliz fallen könnte, sei nicht gebannt, warnte das US-Verteidigungsministerium. Durch die Luftangriffe könnten die Islamisten ihre Kämpfer aber nicht mehr beliebig verschieben.

Die Grenzstadt Kobane

Warum ist Kobane für Kurden so wichtig?

Die syrischen Kurden haben den Bürgerkrieg im Land zum Aufbau eigener regionaler Machtstrukturen in den mehrheitlich von ihnen bewohnten Gebieten genutzt. Nachdem sich die Truppen des Regimes von Baschar al-Assad 2012 zurückgezogen hatten, übernahmen sie die Kontrolle und gründeten später im Norden des Landes drei „autonome Kantone“. An der türkischen Grenze kontrollierten sie wichtige Enklaven: im Nordwesten um die Stadt Afrin, im Nordosten um die Städte Hasaka und Al-Kamischli sowie im Norden um Kobane. Eine Übernahme Kobanes durch die Terrormiliz IS wäre nicht nur der Verlust einer strategisch wichtigen Versorgungsroute, sondern auch psychologisch eine schwere Niederlage.

Wer sind die kurdischen Kämpfer, die sich den Dschihadisten entgegenstellen?

Die etwa 5000 Milizionäre gehören vor allem den kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) an. Sie sind mit der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) verbunden. Volksschutzeinheiten und PYD stehen der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe, die in der Türkei verboten ist. Im Kampf gegen den IS werden offenbar auch Selbstmordattentäter eingesetzt: Kurdische Aktivisten meldeten am Wochenende, dass eine Kämpferin mit einem Selbstmordanschlag Dutzende Extremisten getötet habe. Experten gehen davon aus, dass PKK-Kämpfer die syrischen Kurden unterstützen. Die kurdischen Milizionäre in Syrien sind nicht zu verwechseln mit den kurdischen Peschmerga-Kämpfern, die im Irak gegen den IS im Einsatz sind.

Wie ist die Lage der Zivilisten vor Ort?

Nach kurdischen Angaben ist die überwiegende Mehrheit der verbliebenen Zivilisten an die türkischen Grenze in Sicherheit gebracht worden. Kobane wurde von den Volksschutzeinheiten zur „Militärzone“ erklärt. Laut türkischer Regierung sind mehr als 185 000 Menschen in die Türkei geflohen.

Warum greift die Türkei nicht ein?

Die türkische Regierung hat den Kurden in Kobane Unterstützung zugesagt, zugleich aber klargemacht, dass sie damit in unmittelbarer Zukunft keinen Einsatz von Bodentruppen meint. Zwar hat das Parlament der Regierung ein Mandat für Militäreinsätze in Syrien und im Irak für ein Jahr erteilt. Allerdings verlangt Ankara für einen Einsatz von Bodentruppen eine umfassende internationale Strategie, die auch den Sturz des Assad-Regimes in Damaskus beinhaltet. Zugleich befürchtet Ankara, dass die Kurden an der türkischen Südgrenze die Keimzelle für einen eigenen Kurden-Staat legen könnten, sollte es ihnen gelingen, die Terrormiliz IS zurückzuschlagen.

Warum schaffen es die USA und ihre Partner nicht, den IS mit Luftangriffen militärisch lahmzulegen?

Die IS-Kämpfer passen sich schnell und geschickt an die Luftschläge an. Sie verlassen Ziele, die von den USA ins Visier genommen werden und bringen Waffen und Geiseln an neue Stützpunkte. Zudem mischen sich die Kämpfer unter die Zivilbevölkerung und lassen auch viele ihrer schwarzen Flaggen wieder verschwinden. Weil Angriffe auf die IS-Infrastruktur schwieriger werden, hat sich auch das Tempo der Luftschläge verlangsamt, sagt David Schenker vom Washington Institute for Near East Policy. Die US-Regierung hat mehrfach betont, dass der IS nicht allein aus der Luft besiegt werden kann. Dem unabhängigen US-Instituts CSBA zufolge hat der Kampf bereits zwischen 780 und 930 Millionen Dollar (620 bis 740 Millionen Euro) verschlungen.

Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte mit, der IS versuche, die Kurdenmiliz YPG im Süden der Stadt zu vertreiben. Keine Seite habe aber größere Geländegewinne erzielt. Eine Sprecherin der Kurdenmiliz berichtete hingegen aus Kobane, ihre Kämpfer hätten am Mittwoch einige Stellungen zurückerobert. Die Gefechte dauerten an. Ein Journalist berichtete telefonisch aus Kobane, die Luftangriffe hätten die Kurdenmilizen in die Lage versetzt, zum Angriff überzugehen. Mehrere Posten, die der IS vor zwei Tagen noch gehalten habe, seien wieder in der Hand der Kurden.

Bei den Luftangriffen nahe Kobane wurden nach US-Angaben Hunderte Extremisten getötet. Binnen 48 Stunden seien rund 40 Angriffe geflogen worden, teilte ein Sprecher mit. Dies sei die höchste Zahl seit Beginn der Bombardements durch das von den USA geführte Bündnis gegen den IS am 22. September. Am Donnerstag wurden die Angriffe fortgesetzt. Unter anderem seien Gebäude, Befehlsstände und Stellungen von Scharfschützen ins Visier genommen worden, teilten die US-Streitkräfte mit.

Insgesamt sind nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte im Kampf um Kobane im vergangenen Monat mindestens 662 Menschen ums Leben gekommen. Aufseiten der YPG seien 258 Kämpfer und in den Reihen des IS 374 Dschihadisten getötet worden. Weiterhin seien 20 Zivilisten und zehn mit der YPG-Miliz verbündete Kämpfer umgekommen.

Die IS-Miliz hatte bereits Anfang September ihren Vormarsch auf die an der Grenze zur Türkei gelegene kurdische Enklave Kobane (arabisch: Ain al-Arab) gestartet. Rund 300 Dörfer eroberte die Miliz im Umland, Hunderttausende syrische Kurden waren daraufhin in die Türkei geflohen. Seit dem 16. September belagern die Dschihadisten Kobane. Kurdische Kämpfer verteidigen die Stadt mit Unterstützung von Luftschlägen der internationalen Allianz gegen IS.

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