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05.01.2005

07:52 Uhr

Mehr als 200 000 Tote befürchtet

Kinder leiden am meisten

Die Versorgungslage in den Katastrophengebieten nach der verheerenden Flutwelle bleibt äußerst angespannt. Die Vereinten Nationen rechnen mittlerweile mit über 200 000 Toten. Zudem steigt die Gefahr, dass Seuchen in den Krisengebieten ausbrechen.

Kadou ist zwei Jahre alt und hat durch die Flutwelle ihren Vater, einen Fischer aus Sri Lanka, verloren. Kinder sind von der Flut besonders betroffen. Foto: dpa

Kadou ist zwei Jahre alt und hat durch die Flutwelle ihren Vater, einen Fischer aus Sri Lanka, verloren. Kinder sind von der Flut besonders betroffen. Foto: dpa

HB NEU DELHI/NEW YORK/GENF/BANDA ACEH. Nach dem anfänglichen Schock durch die verheerende Flutkatastrophe in Südasien kämpfen die Überlebenden mit dem Trauma des Erlebten. Viele leiden unter Schuldgefühlen, Schlafstörungen, Mattigkeit, Nervosität und Wutausbrüchen, wie die indische Zeitung „Hindustan Times“ am Mittwoch berichtete. In vielen betroffenen Gebieten gäbe es einen großen Bedarf an Medikamenten gegen Depressionen und Stress. Nach Schätzungen des Kinderhilfswerks Unicef sind von der Katastrophe allein rund 1,5 Mill. Kinder betroffen. In den noch immer von Hilfe abgeschnittenen Dörfern entlang der Westküste Sumatras warteten Tausende Kinder auf medizinische Versorgung, Trinkwasser und Nahrung.

Die UN-Organisation rief die Teilnehmer der am Donnerstag in Jakarta beginnenden Geberkonferenz dazu auf, die Not- und Wiederaufbauhilfe für die Kinder in Südasien in den Mittelpunkt zu stellen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen kamen in Asien mehr als 200 000 Menschen ums Leben. Vor allem im Norden Sumatras sei die Lage unübersehbar, sagte der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, Jan Egeland. Nach Angaben von Helfern im Krisengebiet gehen die Leichensäcke aus. „Wir brauchen dringend einige tausend mehr“, sagte ein Helfer dem privaten Radiosender El Shinta. Seinen Schätzungen zufolge sind 15 000 Leichen allein in der Umgebung der verwüsteten Provinzhauptstadt Banda Aceh im Norden Sumatras noch nicht geborgen.

Unterdessen erreicht die Spendenbereitschaft der Deutschen für die Opfer in Südasien immer neue Rekorde. Bei einer Spendengala von ZDF und „Bild“-Zeitung unter dem Motto „Wir wollen helfen - Ein Herz für Kinder“ kamen nach Angaben der Zeitung bis Mitternacht mehr als 40 Mill. € zusammen. Bereits zuvor waren von privater Seite in Deutschland 70 Mill. € gespendet worden. Die Bundesregierung will ihre Finanzhilfe für den Wiederaufbau der Regionen auf bis zu 500 Mill. € aufstocken. Das Bundeskabinett berät am Mittwoch in einer Sondersitzung über die Hilfe.

Um 12.00 Uhr soll europaweit mit Schweigeminuten der Opfer der Flutkatastrophe gedacht werden. Die Opposition signalisierte ihre Unterstützung für einen langfristigen Einsatz der Bundeswehr im indonesischen Katastrophengebiet. Die Zahl der vermissten Deutschen sank leicht, liegt aber immer noch über 1 000.

UN befürchten Kinderhandel in südasiatischen Flutgebieten

Die Vereinten Nationen (UN) befürchten, dass durch die Flutkatastrophe in Südasien verwaiste oder von ihren Eltern getrennte Kinder nun Opfer von Menschenhändlern werden könnten. Wie das UN-Kinderhilfswerk Unicef am Dienstag mitteilte, gibt es Hinweise darauf, dass Menschenhändler in der Region auf der Suche nach Kindern sind, um sie in die Sklaverei zu verkaufen. Es lägen auch Berichte vor, denen zufolge Kinder von Indonesien nach Malaysia verschleppt worden sind. In Thailand ermitteln die Behörden wegen der möglichen Entführung eines zwölfjährigen schwedischen Schülers.

In einer in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur auf einem Handy eines Mitarbeiters unaufgefordert eingegangenen Textmitteilung sei die Beschaffung von Kindern angeboten worden, erklärte die Organisation. Nach Worten von Unicef-Sprecher John Budd lautete der Text: „300 Waisenkinder zwischen drei und zehn Jahren aus Aceh zur Adoption. Papiere werden erledigt. Keine Gebühr. Bitte machen Sie Angaben über Alter und Geschlecht der benötigten Kinder.“ Zwar werde in der Nachricht ausdrücklich keine Gebühr verlangt, sagte Budd. „Aber wenn Sie die Nachricht lesen, und wenn sie wahr ist, dann haben sie entweder 300 Waisenkinder zu verkaufen oder sie haben die Möglichkeiten, Kinder entsprechend der Zahl der Bestellungen zu entführen.“ Unter den mehr als 150 000 Todesopfern der Katastrophe sollen mindestens 50 000 Kinder sein. Unzählige weitere verloren durch die Katastrophe ihre Eltern oder wurden von ihren Familien getrennt.

Die thailändische Polizei teilte unterdessen mit, nach einem westlich-aussehenden Mann zu suchen, der möglicherweise einen Jungen aus Schweden entführt hat. „Ich bin nicht sicher, dass es sich um eine Entführung handelt. Es ist möglich, dass sich ausländische Touristen um ihn kümmern wollten“, sagte ein Polizist. Der zwölfjährige Kristian Walker sei gemeinsam mit seiner Mutter, seinem Bruder und seiner Schwester an einem Strand in dem thailändischen Ferienort Khao Lak gewesen, als die Flutwellen am 26. Dezember über sie hereinbrachen. Die Schwester und der Bruder des Jungen überlebten. Kristian und seine Mutter hingegen gelten als vermisst. Der Großvater der Kinder war in das Gebiet gereist, um nach ihnen zu suchen. Zwei Ärzte in einem Krankenhaus sagten ihm, sie hätten den Jungen in Begleitung eines Mannes gesehen.

Powell in Katastrophenregion eingetroffen

US-Außenminister Colin Powell ist am Mittwoch in der besonders schwer betroffenen indonesischen Krisenprovinz Aceh eingetroffen. Auf dem Programm stand ein Flug über die verwüsteten Uferzonen. Eineinhalb Wochen nach der Flutwelle in Asien haben die indonesischen Gesundheitsbehörden ihre Warnungen vor einer Seuchenkatastrophe im Krisengebiet verstärkt.

„Auf uns kommt ein Desaster zu“, sagte am Mittwoch ein Mitarbeiter des Gesundheitsministerium der dpa. „Auf Grund der schlechten hygienischen Bedingungen können Cholera, Ruhr und Typhus entstehen.“ Die verwüstete Provinz Aceh wurde darüber hinaus von einem Nachbeben der Stärke 5,7 auf der Richterskala erschüttert.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums stieg die Zahl der Überlebenden in Auffanglagern auf knapp 475 000. Vor den Versorgungszentren in der Krisenregion bildeten sich lange Schlangen.

Den Angaben zufolge wurden durch die Katastrophe rund 100 Kliniken in der besonders hart getroffenen Provinz Aceh zerstört. Die inzwischen eingerichteten Feldlazarette seien überfordert, sagte der Sprecher. „Wir brauchen sanitäre Einrichtungen wie provisorische Toiletten.“ Mit Blick auf die Überlebenden gehe es zunächst vor allem darum, sauberes Trinkwasser bereitzustellen. Zudem mangele es nach wie vor an der psychologischen Betreuung der Überlebenden.

Die offizielle bestätigte Zahl der Todesopfer im besonders schwer betroffenen Norden der Insel Sumatra lag zunächst bei rund 94 100. Die Regierung befürchtet allerdings etwa 100 000 Tote.

Indische Quacksalber profitieren vom Leid der Flutopfer

Quacksalber nutzen nach einem Pressebericht in südindischen Auffanglagern für Flutopfer die Gunst der Stunde, um von den nun eintreffenden Hilfsgeldern zu profitieren. Viele selbst ernannte „freiwillige Ärzte“, die kaum eine Vene von einem Muskel unterscheiden könnten, verschrieben in Notlagern und zerstörten Dörfern Cocktails aus Medikamenten und setzten Infusionen ohne jede fachliche Diagnose, berichtete die Zeitung „The Indian Express“ am Mittwoch aus der schwer getroffenen Stadt Nagapattinam. Die Überlebenden, die weder Schreiben noch Lesen können und auf der verzweifelten Suche nach schneller Heilung sind, drohten dadurch ernste Gefahren.

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