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16.08.2013

06:54 Uhr

Mehr als 600 Tote bei Unruhen

Ägypten droht ein „Freitag der Wut“

Am Tag nach dem Blutvergießen zählt Ägypten seine Toten. Zu Dutzenden liegen die Leichen in den Moscheen und Krankenhäusern. Schon an diesem Freitag könnte es zu einem erneuten Gewaltausbruch kommen.

„Freitag der Wut“

Ägypten im Sog der Gewalt

„Freitag der Wut“: Ägypten im Sog der Gewalt

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KairoIn Ägypten wächst die Sorge vor neuer Gewalt nach dem Freitagsgebet. Die Anhänger der Muslimbrüder riefen zu erneuten Massenprotesten und einem „Tag der Wut“ nach der gewaltsamen Räumung zweier Protestcamps am Mittwoch mit mehr als 600 Toten und tausenden Verletzten auf. Die Nationale Heilsfront, eine lose Allianz liberaler und linker Kräfte, forderte indes, die Ägypter müssten gegen die offensichtlichen Terror-Akte der Muslimbrüder auf die Straße gehen. Das Innenministerium hat einem Medienbericht zufolge erklärt, die Sicherheitskräfte würden scharfe Munition einsetzen, um Angriffe auf die Beamten oder öffentliche Gebäude abzuwehren.

Es seien friedliche Kundgebungen geplant, aber niemand könne garantieren, dass es nicht auch zu Gewalt und Brandanschlägen komme, sagte der Generalsekretär der Islamischen Partei, Mohammed Abu Samra, dem Nachrichtenportal der Kairoer Tageszeitung „Al-Masry Al-Youm“. Gerade jungen Menschen seien sehr erzürnt. Die Demonstrationen sollen an allen Moscheen Kairos beginnen und Richtung Ramses-Platz führen, erklärt der Sprecher der Bruderschaft, Gehad al-Haddad, auf Twitter.

Ägypten als Machtfaktor im Nahen Osten

Bevölkerung

Mit rund 85 Millionen Einwohnern ist der Staat das bevölkerungsreichste arabische Land. Niltal und Nildelta zählen mit mehr als 1100 Menschen pro Quadratkilometer zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Welt.

Wirtschaftskraft

Bei der Wirtschaftsleistung gab es 2012 im Vergleich zum Vorjahr einen prognostizierten Zuwachs von zwei, für 2013 von drei Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte sich 2013 auf geschätzt knapp 276 Milliarden Dollar summieren.

Suezkanal

Kairo kontrolliert mit dem 1956 verstaatlichten Kanal eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Besondere Bedeutung haben die vielen Tanker, die Öl vom Golf nach Europa transportieren. Die Kanalgebühren sind eine tragende Säule des ägyptischen Staatshaushalts.

Tourismus

Die Branche ist einer der wichtigsten Devisenbringer des Landes. Nach einem Einbruch im Revolutionsjahr 2011 mit 9,8 Millionen Touristen (2010: 14,7 Millionen) kamen 2012 bis November 9,5 Millionen. Die Zahl der deutschen Urlauber stieg in den ersten neun Monaten 2012 im Vergleich zu 2011 um gut 29 Prozent auf rund 830 000.

Nahostfrieden

Für die EU und die USA ist Ägypten seit langem ein verlässlicher Vermittlungs- und Verhandlungspartner. Auf die palästinensische Seite wirkte Kairo oft mäßigend ein. Ägypten war das erste arabische Land, das Israel anerkannte. Die Staaten schlossen 1979 einen Friedensvertrag.

Dschihadisten

Präsident Husni Mubarak verfolgte einen harten Kurs gegen Islamisten und präsentierte Ägypten als „Bollwerk gegen Dschihadisten“. Unter seinem Nachfolger Mohammed Mursi konnten militante Islamisten in einigen Bezirken östlich der Stadt Al-Arisch mehr oder weniger unbehelligt von der Staatsmacht schalten und walten. Aus Sicht der Armee waren die Operationen gegen Extremisten mit Nähe zum Terrornetzwerk Al-Kaida in dem Gebiet in dieser Zeit halbherzig.

Am Donnerstag hatte sich die Lage in Ägypten etwas beruhigt. Zwar gab es erneut Demonstrationen von Anhängern des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi. In Kairo setzten sie am Donnerstag ein Regierungsgebäude in Brand. Allerdings kam es zu keiner Wiederholung des Gewaltausbruchs vom Vortag, die Lage auf den Straßen war weitgehend ruhig. Die ägyptische Regierung korrigierte unterdessen die Zahl der Menschen, die die Kämpfe von Mittwoch nicht überlebt haben, aut übereinstimmender Medienberichte auf 638 nach oben. Verletzt worden seien 4201 Menschen. Neue Opferzahlen waren zuvor praktisch stündlich veröffentlicht worden.

Der UN-Sicherheitsrat rief unterdessen nach einer Dringlichkeitssitzung in New York zum Ende der Gewalt auf. Alle Beteiligten würden zu maximaler Zurückhaltung aufgefordert, sagte die derzeitige Vorsitzende des Gremiums, die argentinische UN-Botschafterin Maria Cristina Perceval, nach einer Sitzung der 15 Mitglieder des Rates. Weiter hätten die Mitglieder des Sicherheitsrats zur nationalen Versöhnung aufgerufen. Sie hätten ihr Bedauern über den Verlust an Menschenleben und ihr Mitgefühl für die Opfer zum Ausdruck gebracht, erklärte Perceval.

Kommentare (12)

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Account gelöscht!

15.08.2013, 20:53 Uhr

Ganz im Sinne der Muslimbrüder!

Der_ewige_Spekulant

16.08.2013, 01:14 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Gast

16.08.2013, 01:37 Uhr

Die radikalen Vollpfosten und religiös verblendeten Drahtzieher unter den ansonsten auch gemäßigten Muslimbrüdern werden jede Gelegenheit nutzen, um das Morden weitergehen zu lassen.

Das impliziert auch deren generellen Unwillen und geistig intellektuelle Unfähigkeit, sich an einem wirklich demokratischen Prozeß konstruktiv zu beteiligen.

Sogesehen ist der Militäreinsatz früher oder später geboten gewesen. Keiner in der BRD braucht damit ein PC- oder Gutmenschproblem zu haben.

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