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01.02.2005

07:35 Uhr

Mehrheit der Amerikaner für Truppenreduzierung

Bush lehnt schnellen Abzug aus dem Irak ab

VonMichael Backfisch

Trotz zunehmender Forderungen nach einem Rückzug amerikanischer Truppen aus dem Irak lehnt das Weiße Haus einen konkreten Zeitplan ab. Präsident George W. Bush kündigte zwar an, die US-Soldaten nach Hause zu schicken, wenn ihn die neu gewählte irakische Regierung darum bitten sollte. Gleichzeitig machte er jedoch deutlich, dass die Militärkräfte der Koalition so lange gebraucht würden, bis die Iraker „selbst kämpfen können“.

WASHINGTON. Damit bügelte Bush den Vorstoß der US-Opposition ab, die auf einen schnellen Abzug drängt. So hatte sich der einflussreiche demokratische Senator Edward Kennedy dafür stark gemacht, 12 000 der insgesamt 150 000 GIs sofort und den Rest „so früh wie möglich 2006“ zurückzuholen. Ähnlich äußerte sich eine Gruppe demokratischer Abgeordneter im Repräsentantenhaus.

Auch die US-Bevölkerung ist offenbar an einem Ende der Mission am Golf interessiert. Nach einer Umfrage des „Wall Street Journals“ hat sich eine Mehrheit der Amerikaner dafür ausgesprochen, die Zahl der US-Truppen nach der irakischen Wahl zumindest zu reduzieren. „Drei Viertel der amerikanischen Soldaten sollten innerhalb der nächsten 18 Monate abgezogen werden“, sagt Michael O’Hanlon von der Brookings Institution, einer liberalen Denkfabrik in Washington.

Und selbst regierungsnahe Verteidigungsexperten wie Michael Rubin vom konservativen American Enterprise Institute fordern: „Die USA müssen alles, was nach Einmischung aussieht, zurückschrauben.“

Der Knackpunkt für einen möglichen Rückzug der Amerikaner liegt in der Kapazität der irakischen Sicherheitskräfte. Die Frage ist umso dringlicher, als die USA nicht mit einem Abflauen der Gewaltwelle am Golf rechnen: „Die Aufstände werden einige Jahre lang anhalten“, erklärte der für den Irak zuständige US-General George Casey. Außenministerin Condoleezza Rice taxierte die Zahl der ausgebildeten irakischen Soldaten und Polizisten auf 120 000. Der demokratische Senator Jo Biden wies diese Größenordnung jedoch als „Blödsinn“ zurück: Lediglich rund 4 000 Iraker seien in der Lage, Anti-Terror-Einsätze durchzuführen.

Der ehemalige General Gary Luck, der kürzlich von einer Inspektionsreise in den Irak zurückkehrte, empfahl der US-Regierung, erheblich mehr Iraker zu trainieren. Das Thema steht auch auf der Tagesordnung für das Gespräch zwischen US-Außenministerin Rice und Bundeskanzler Gerhard Schröder am kommenden Freitag in Berlin. „Die Deutschen waren beim irakischen Schuldenerlass und beim Anti-Terror-Kampf in Afghanistan sehr hilfreich: Dennoch würden wir es begrüßen, wenn sich die Bundesregierung beim Aufbau irakischer Sicherheitskräfte noch mehr engagieren könnte“, betonte ein hochrangiger Beamter im US-Außenministerium gegenüber dem Handelsblatt. Deutsche Experten bilden derzeit Iraker in den Vereinigten Arabischen Emiraten aus.

Unterdessen plädierten amerikanische Kommandeure dafür, die Führungsrolle bei Anti-Terror-Einsätzen in Regionen mit weniger Gewalt ab dem Frühjahr an irakische Einheiten abzugeben. Damit könnten etwa 15 000 US-Soldaten abgezogen werden, hieß es. Das Weiße Haus sperrt sich jedoch gegen einen detaillierten Rückzugsfahrplan. Mitarbeiter von Bush verweisen dabei auf die Erfahrung von Ex-Präsident Bill Clinton, der in den 90er-Jahren mehrmals einen Abzug amerikanischer Truppen aus Bosnien angekündigt habe, den Termin aber immer wieder verschieben musste.

Mit Blick auf mögliche ethnische Konflikte im Irak gab sich die US-Administration optimistisch. Experten hatten vor einem erdrückenden politischen Übergewicht der Schiiten gewarnt, die 60 Prozent der irakischen Bevölkerung stellen. „Wir haben die Zusicherung von verschiedenen schiitischen Führern, dass sowohl Sunniten als auch Kurden angemessen an der neuen Regierung beteiligt werden“, unterstrich ein hochrangiger Mitarbeiter der US-Regierung.

Die Furcht vor einer Marginalisierung der Sunniten, die unter Saddam Hussein viele Privilegien genossen hatten, sei unbegründet. „Darüber hinaus haben die Sunniten bei der neu zu erarbeitenden Verfassung eine Hebelwirkung: Stimmen drei der 18 Provinzen gegen den Entwurf, ist das Papier vom Tisch“, fügte der Beamte hinzu.

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