Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.06.2017

23:21 Uhr

Merkel lobt Argentiniens Öffnung

Das Gegenteil von Trumps Protektionismus

Angela Merkel trifft sich in Argentinien mit Präsident Mauricio Macri. Donald Trump scheint als unsichtbarer Dritter mit dabei zu sein. Die Rolle als „Führerin der freien Welt“ lehnt die Kanzlerin unterdessen strikt ab.

Kanzlerin Angela Merkel mit Argentiniens Präsidenten Mauricio Macri in Buenos Aires AP

Staatsbesuch

Kanzlerin Angela Merkel mit Argentiniens Präsidenten Mauricio Macri in Buenos Aires

Buenos AiresBundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stemmt sich angesichts der Auseinandersetzung mit US-Präsident Donald Trump gegen eine Rolle als „Führerin der freien Welt“. Keine Einzelperson und kein Land könne alleine die Probleme lösen, sagte Merkel nach einem Treffen mit Argentiniens Präsidenten Mauricio Macri in Buenos Aires. Merkel weiß, dass sie die großen Hoffnungen in Bezug auf Trump kaum wird erfüllen können.

Ungewöhnlich dabei: Merkel hatte die Antwort an sich gezogen, nachdem eigentlich Macri gefragt worden war, ob er gerade neben der „Führerin der freien Welt“ stehe. So, als ob die Kanzlerin sicherheitshalber einem überzeugten „Ja“ des Argentiniers vorbeugen wollte.

„Wir müssen alle zusammenarbeiten und wir setzen uns beide (...) für eine freie offene Welt ein, bei der wir die Globalisierung menschlich gestalten wollen“, sagte Merkel bei dem Besuch im fast 12 000 Kilometer von Berlin entfernten Buenos Aires. Macri verfolge eine Politik, „die das Land wieder geöffnet hat“. Sie sieht Argentinien beim kommenden G20-Gipfel Anfang Juli in Hamburg als wichtigen Partner im Kampf gegen Protektionismus und neue Zollschranken.

Auf der Suche nach Verbündeten

Deutschland suche Verbündete für seine Anliegen, sagte Merkel vor dem Hintergrund von Spekulationen, sie wolle eine „Allianz gegen Trump“ schmieden. So betonte sie angesichts der protektionistischen Politik Trumps: „Man kann vielleicht durch Abschottung für kurze Zeit einen kleinen Vorteil herausholen.“ Dies sei aber auf Dauer für die Menschen nicht gut. Trump gefährdet wesentliche Ziele Merkels beim G20-Treffen der großen Industrie- und Schwellenländer Anfang Juli in Hamburg. Neben der Handelspolitik stellt sich Trump mit dem Ausstieg aus dem Paris-Abkommen auch beim Klimaschutz quer.

Deutsche Unternehmen setzen auf Milliardenaufträge in Südamerikas zweitgrößter Volkswirtschaft. Unter der linken Vorgängerregierung von Cristina Kirchner war es zu einem erbittertem Streit mit ausländischen Hedge-Fonds und zu einer Abschottung der Wirtschaft gekommen - das Land hatte keinen Zugang mehr zu internationalen Finanzmärkten. Argentinien brauche eine moderne Infrastruktur, dabei könne Deutschland ein guter Partner sein, sagte Merkel.

Merkel äußerte die Hoffnung auf einen baldigen Abschluss eines Freihandelsabkommens zwischen Europa und dem südamerikanischen Wirtschaftsbund Mercosur, mit den beiden Schwergewichten Brasilien und Argentinien. Dadurch würde eine zollfreie Zone mit über 800 Millionen Menschen entstehen. Durch die Unsicherheit wegen der US-Handelspolitik unter Präsident Trump könnte gerade der Handel mit Südamerika einen neuen Aufschwung erfahren.

Vita Mauricio Macri

Der Präsident

Mauricio Macri, 58, war Unternehmer, Fußballklubmanager und Bürgermeister, bevor er Präsident wurde. Die vom Vater gegründete Macri-Gruppe ist eines der größten Firmenkonglomerate des Landes. Sohn Mauricio führte dessen Automobiltochter Senel. 2001 gründete er eine Stiftung, aus der später eine Partei wurde. Von 2007 an war er acht Jahre lang Bürgermeister der Hauptstadt Buenos Aires. 2015 wurde er Präsident und beendete die Epoche der Kirchners

Die Bilanz

Macri krempelt Argentinien um. Er gab den Wechselkurs des Pesos frei, beendete Devisenkontrollen, öffnete das Land für den Handel und löste den Anleihestreit mit Hedgefonds nach der Staatspleite 2001. Doch die Probleme sind groß: Ein Viertel der jungen Menschen hat keine Arbeit, Macris Sparkurs schwächt die Kaufkraft der 41 Millionen Argentinier, indem er etwa Energiesubventionen streicht. Der Präsident hofft auf Wachstum in diesem Jahr. Es ist ein Rennen gegen die Zeit: Bis zu den Kongresswahlen im Oktober müssen die Wähler spüren, dass sich Macris Reformen positiv auswirken.

Eine Wirtschaftsdelegation mit Vertretern zehn führender deutscher Unternehmen begleitete Merkel auf der Reise. Die bereits ansässigen deutschen Unternehmen wollen ihre Geschäfte ausbauen. Die meisten von ihnen planen mehr Investitionen und mehr Personal, wie aus einer Umfrage der Deutsch-Argentinischen Industrie- und Handelskammer hervorgeht. Der Vorsitzende, Pablo Di Si, betonte, dass die liberale Ausrichtung der Regierung Macri ein positives Geschäftsklima fördere. Er kritisierte aber bürokratische Hürden, hohe Steuern und schlechte Infrastruktur.

„Wir können an einem Tag 5000 Wagen aus einem Schiff ausladen, brauchen aber dann 15 Tage, um sie in unser nur 40 Kilometer entferntes Betriebsgelände zu bringen“, sagt Di Si, der zugleich Chef von Volkswagen in Argentinien ist. Seine Kollegen in Mexiko schafften denselben Vorgang an einem einzigen Tag.

Argentiniens Präsident Mauricio Macri: „Wir werden weltweit am schnellsten wachsen“

Argentiniens Präsident Mauricio Macri

Premium „Wir werden weltweit am schnellsten wachsen“

Argentinien kämpft nach wie vor mit riesigen Problemen. Im Interview erklärt Präsident Mauricio Macri, woher der Aufschwung kommen soll, welche Rolle deutsche Firmen dabei spielen und was Trump für Lateinamerika bedeutet.

Die Bundeskanzlerin besuchte in Buenos Aires auch die älteste Synagoge von Buenos Aires und beschwor dabei die Verantwortung im Kampf gegen Antisemitismus weltweit. Die Synagoge beheimatet eine vor 1933 in Deutschland hergestellte Orgel, die mit Unterstützung der Bundesregierung restauriert wurde. In Argentinien lebt die mit mehr als 250 000 Menschen größte jüdische Gemeinschaft in Lateinamerika. Außerdem stand eine Gedenkzeremonie für die Opfer der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 auf dem Programm. Unter den damals Verschwundenen sind mehrere Deutsche.

Die Lateinamerika-Reise führt Merkel am Freitag nach Mexiko, wo sie mit Staatschef Enrique Peña Nieto zusammenkommen wird. Mexiko steht besonders unter Druck durch Trump - er will eine tausende Kilometer lange Grenzmauer bauen lassen. Zudem droht er mit Strafzöllen, auch für in Mexiko produzierende deutsche Autobauer.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×