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28.05.2016

08:30 Uhr

Merkel und Hollande erinnern an den Weltkrieg

Im Schlachthaus von Verdun

VonThomas Hanke

Frankreich sollte „ausbluten“: Bei den Kämpfen um Verdun starben vor 100 Jahren mehr als 300.000 Deutsche und Franzosen. Merkel und Hollande gedenken am Sonntag der schlimmsten Schlacht des Ersten Weltkriegs.

Französische Soldaten verlassen ihren Schützengraben, um einen Angriff zu starten. Das Bild wurde im Jahr 1916 aufgenommen. AFP; Files; Francois Guillot

Soldaten in Verdun

Französische Soldaten verlassen ihren Schützengraben, um einen Angriff zu starten. Das Bild wurde im Jahr 1916 aufgenommen.

ParisAm kommenden Sonntag treffen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident François Hollande in Verdun, zum Gedenken an die Schlacht, die im Februar 1916 begann und sich bis August 1917 hinzog. Verdun ist eine Metapher für massenhaftes Abschlachten. Auf den Höhen um die Stadt starben mehr als 300.000 deutsche und französische Soldaten. Mit Verschwundenen, Verletzten, Versehrten zählten die Militärs insgesamt 700.000 „Verluste“.

Verdun sei „das Schlimmste gewesen, was die Soldaten im Ersten Weltkrieg erlebt haben“, sagt der französische Historiker Antoine Prost. Schon der Weg an die vorderste Linie der Front durch Schlamm und Granattrichter habe die Soldaten so erschöpft, dass sie oft keine Kraft mehr hatten für einen Angriff. Auf französischer Seite haben 73 von insgesamt 100 Divisionen zeitweilig in die Schlacht eingegriffen. Nachdenklich fragt der Historiker: „Wie unterscheidet man Steigerungsstufen der Abscheulichkeit von Qual und Massenmord?“

Die Schlacht von Verdun in Zahlen

Dauer

300 Tage dauerten die Kämpfe – vom 21. Februar bis zum 19. Dezember 1916.

Soldaten

1,2 Millionen deutsche und 1,1 Millionen französische Soldaten kämpften in der Schlacht um Verdun. Auf französischer Seite nahmen damit rund 70 Prozent aller Soldaten des Landes teil.

Tote und Verletzte

Mehr als 300.000 Soldaten wurden bei den Kämpfen getötet. Auf französischer Seite gab es 163.000 Getötete oder Vermisste und mehr als 215.000 Verletzte, auf deutscher Seite 143.000 Tote oder Vermisste und 196.000 Verletzte. Manche Schätzungen über die Opferzahlen liegen deutlich höher.

Waffen

Über 1.250 Kanonen verfügte das deutsche Heer zu Beginn der Schlacht, später wuchs die Zahl auf mehr als 2.200. Deutsche Soldaten feuerten insgesamt 30 Millionen Sprenggranaten ab. Die französische Seite hatte zwischenzeitlich 1.700 Kanonen, mit denen 23 Millionen Sprenggranaten abgefeuert wurden.

Verdun ist allerdings mehr als ein großes Schlachthaus. Der Name der Stadt in Ostfrankreich steht auch für den Missbrauch menschlicher Opfer, deren Leid schnell nach der Schlacht in eine Heldengeschichte umgedeutet wurde, auf beiden Seiten der früheren Feuerlinie. In Frankreich wurde der Mythos patriotisch geschrieben, in Deutschland revisionistisch bis aggressiv. Schließlich ist Verdun auch ein erschreckendes Beispiel dafür, wie die Friedenssehnsucht ausgeschlachtet wurde für neue Kriegsvorbereitungen.

Der Historiker Prost erinnert an ein heute nur noch wenig bekanntes Ereignis: 1936 trafen sich Veteranen der Verdun-Schlacht aus zehn Nationen im Ort an der Maas. „Die deutschen Kriegsteilnehmer marschierten mit Hakenkreuzfahnen auf, um die Friedenssehnsucht des Führers zu bekräftigen: Hitler sei selber Soldat gewesen, er kenne die Gräuel des Kriegs, nichts liege ihm mehr am Herzen als der Frieden in Europa“, erinnert Prost an das gruselige Treffen.

Mit zum faschistischen Gruß erhobenen Händen wurde ein „heiliger Friedenseid“ geschworen. Deutsche und französische Veteranen umarmten sich. Erinnerung an das Massensterben, um die Vorbereitung eines neuen, noch grausameren Gemetzels zu tarnen: Auch dafür steht Verdun.

16.142 Gräber erinnern an die blutigen Kämpfe um Verdun. Reuters

16.142 Gräber erinnern an die blutigen Kämpfe um Verdun.

Glücklicherweise gibt es noch eine letzte, vierte Ebene: Verdun beweist heute, dass Deutschland und Frankreich sich versöhnt haben. Jenseits ergreifender oder inszenierter Gesten – man denke an den Händedruck von François Mitterrand und Helmut Kohl 1984 – hat die Aussöhnung echte Substanz. Sie zeigt sich vor allem darin, dass die Historiker auf beiden Seiten heute keine Meinungsverschiedenheiten mehr haben, wenn es um Ablauf und Bedeutung des Gemetzels geht. Das ist wichtig, weil es mehr voraussetzt als das Wiederholen von leicht daher gesagten Sätzen wie dem von der „Sinnlosigkeit des Krieges“: Man muss von Klischees und eigenen Vorurteilen Abstand nehmen.

Am 21. Februar 1916 begann die deutsche Artillerie einen stundenlangen Beschuss der französischen Stellungen. Die deutschen Soldaten rückten rasch vor und erwarteten, dass sie die Gegenseite schnell überwinden und dann wie auf einem Boulevard bis Paris marschieren würden. So stellten es ihre Vorgesetzten dar.

Doch dazu kommt es nicht: Weil der französische Widerstand sich verhärtet und die Alliierten an der Somme einen Angriff starten, der die Reichswehr zum Abzug von Truppen zwingt, kommt der deutsche Vormarsch ins Stocken, Ende Juli ist er zu Ende. Für den deutschen Oberbefehlshaber Erich von Falkenhayn ist die Schlacht um Verdun damit vorbei. Im August wird er abgelöst. Nun sagt er, es sei nie um einen Sieg in Verdun gegangen, sondern allein darum, dass Frankreich sich „ausbluten“ sollte, um die Regierung zur Aufgabe zu zwingen. „Für die deutschen Soldaten klang das wie ein Hohn, sie fühlten sich missbraucht“, urteilt Historiker Prost.

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