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02.06.2015

15:25 Uhr

MH-17-Rechercheur Eliot Higgins

Wie ein Blogger vom Sofa aus Putin ärgert

VonMatthias Thibaut

Als er arbeitslos wurde, brauchte der 36-jährige Brite Eliot Higgins ein neues Hobby. Andere würden sich ein Motorrad kaufen, Higgins entlarvt lieber russische Propaganda und erforscht den Absturz von MH17.

Das Passagierflugzeug wurde über der Ostukraine von einer Luftabwehrrakete getroffen. Wer die Rakete abfeuerte, ist weiterhin unklar. ap

Wrackteile von MH17

Das Passagierflugzeug wurde über der Ostukraine von einer Luftabwehrrakete getroffen. Wer die Rakete abfeuerte, ist weiterhin unklar.

LondonDas Internet ermöglicht die wunderlichsten Karrieren. Aus einem scheuen Finanzangestellten aus dem englischen Leicester, der erst in einer Unterwäsche- Firma und dann bei einer Organisation für Asylbewerber arbeitete, kann einer der effektivsten Investigativ-Blogger und „Bürgerjournalisten“ werden.

Drei Jahre, nachdem Eliot Higgins auf seinem beigen, bei Ebay ersteigerten Sofa im englischen Städtchen Leicester aus Langeweile mit seinen Heimrecherchen per Internet begann, gilt er als einer der besten Kenner des syrischen Bürgerkriegs und seiner Waffen, will per Internet IS-Standorte und Verstecke aufgespürt haben und verfolgt akribisch die Winkelzüge von Waldimir Putin in der Ukraine – alles, ohne vom Sofa aufzustehen oder gar einen Fuß in diese Länder zu setzen.

Für die einen ist Higgins der Begründer eines alternativen „Volksjournalismus“, bei dem jeder mitmachen kann. Die riesigen Mengen von Daten und Informationen, die er nutzt, sind alle per Internet frei zugänglich. Andere, etwa die pro-russisch gesinnte Website „Russia-Insider“, veröffentlichen lange Exposées, in dem Higgins als Propagandist westlicher Interessen beschrieben wird. Kein Einzelgänger, sondern ein CIA-Lockvogel, der den ganzen westlichen Sicherheits- und Propagandaapparat im Rücken habe.

Der Investigativ-Blogger gibt inzwischen Vorträge über „Open Source Journalismus“.

Elliot Higgins

Der Investigativ-Blogger gibt inzwischen Vorträge über „Open Source Journalismus“.

Fast von Anfang an interessierte Higgins der Abschuss des Air Malaysia Flugs MH17 über der Ukraine und die Propagandaschlacht, die um den Absturz entbrannte. Das Flugzeug stürzte am 17. Juli 2014  auf dem Flug von Amsterdam ab. Alle 288 Insassen kamen ums Leben. Niederländische Ermittler glauben, dass pro-russische Rebellen eine Boden-Luft-Rakete abgeschossen haben. Doch Russland versuchte den Verdacht auf die Ukraine zu lenken und präsentierte dafür Satellitenbilder, die angeblich ein ukrainische Raketensystem in der Nähe der Abschussstelle zeigten.

Für Higgins waren die Bilder eine Steilvorlage. Seine Spezialität ist es, durch die Auswertung öffentlich zugänglicher Quellen Licht in obskure Ereignisse zu bringen. In einem auf der von ihm mitbegründeten Website „Bellingcat“ gesposteten Exposé zeigt er ausführlich, dass Russland seiner Meinung nach die veröffentlichte Satellitenbilder gefälscht hat, um der Ukraine die Schuld an dem Abschuss in die Schuhe zu schieben.

Kommentare (14)

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Herr Chris Frank

02.06.2015, 16:26 Uhr

Also eigentlich macht der Portraitierte nichts anderes als das, was zeitgemäße Recherche ausmachen würde. Das sollten sich unser ganzen an der Oberfläche kratzenden "Journalisten" mal auf der Zunge zergehen lassen, wenn sie wieder einen "Sie glauben nicht, was Sie hier gleich sehen" Teaser verfassen, völlig unkritisch irgend welche Pseudo-Skandalisierungen betreiben ('Aufschrei und ähnliches Gedöns) oder - ohne es als Kommentar zu Kennzeichnen - hemmungslos die eigene Meinung in einem Beitrag verpacken.

Anstatt einfach ganz neutral Fakten zu recherchieren und dann ebenso neutral und nüchtern darzustellen, auch wenn das Ergebnis nicht ihrer eigenen Meinung entspricht.

Herr Alex Lehmann

02.06.2015, 16:55 Uhr

Wenigstens kann man die russischen Sachen überprüfen! Hätte ich auch gerne von den betroffenen bzw. unbetroffenen aber entscheidenden westlichen Stellen und keine Geheimhaltung.
Ehrlichkeit, Offenheit und Tatsachen!
Von Russland verlang ich das erst gar nicht, da erstens nicht mein Land, Russland vom Westen diffamiert wird, das es eh schon Wurst ist ob die was fälschen und naja Russland eher in der Verteidiungshaltung ist.
Aber in meiner Region, die ja Redlichkeit und Ehrlichkeit predigt, hätte ich gerne mal endgültige Ergebnisse.

Herr A. Friend

02.06.2015, 16:56 Uhr

Das ist also der Qualitätsjournalismus und seine Quellen von heute.

EIn branchenfremder Arbeitsloser mit Aldi Laptop auf dem gelben Sofa irgendwo in England.
Herr Higgins surft im Internet und seine Quellen sind andere Blogs, Youtube und Wikipedia.
Damit erklärt er und die DPA uns dann die Welt und zeigt was russische Propaganda ist.
Bestimmt hat Hr. Higgins auch einige russische Quellen gefunden, sein russisch ist bestimmt prächtig.

Ich begreife langsam immer besser warum eine zunehmende "Medienunlust" sich breit macht. Veralbern kann ich mich alleine, oder unsere Politiker machen das. Dazu braucht's nicht auch noch eine Presse.

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